Stand: 09.09.2015 20:04 Uhr

Odyssee einer Nordkoreanerin

Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle
von Hyeonseo Lee
Vorgestellt von Claudia Kuhland

Nur ganz wenigen gelingt die Flucht aus Nordkorea ins Nachbarland China. Bewaffnete Soldaten sichern die Grenze, Schleuser entpuppen sich mitunter als Menschenhändler. Und die Gefahr droht, im Arbeitslager zu landen - nicht nur dem Flüchtling, sondern auch der Familie, die zurückbleibt im größten Gefängnis der Welt.

Hyeonseo Lee lief als neugieriger Teenager 1997 über den zugefrorenen Grenzfluss nach China - eine Flucht, die gar nicht so geplant war, aber es gab kein Zurück mehr. "Meine Mutter", sagt die Mittdreißigerin, "musste nach meiner spontanen Flucht die Behörden regelmäßig mit viel Geld schmieren, damit sie und mein Bruder nicht auf die Schwarze Liste kamen. Sonst hätte man sie verbannt."

Über das Aufwachsen in einer menschenverachtenden Diktatur und ihre abenteuerliche Flucht hat Hyeonseo ein mitreißendes Buch geschrieben: "Schwarze Magnolie" erzählt eindringlich von einer Nordkoreanerin, die zwar ihr Land hinter sich lässt, nicht aber ihre Prägung.

Strammstehen für den Führer - schon im Kindergarten

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Die Kims sind die erste kommunistische Dynastie der Welt - im Bild Kim Jong Il, Sohn Kim Il Sungs. Mittlerweile herrscht mit Enkel Kim Jong Un die dritte Generation der Familie in Nordkorea.

Hyeonseo wuchs direkt an der Grenze zu China auf, ihre Eltern hatten einen guten Songbun, so heißt das Kastensystem Nordkoreas: Je loyaler zum Kim-Regime, desto besser die Kaste. Abtrünnige oder deren Familien gelten als Aussätzige.

Hyeonseo erlebte eine klassische nordkoreanische Kindheit in den 80er-Jahren, wohlbehütet und streng reglementiert. Strammstehen für den Führer als tägliche Übung, außerdem auf dem Lehrplan: Musik für den Führer, Ideologie, Selbstkritik und Denunzieren. "Schon im Kindergarten, also schon bevor ich überhaupt lernte, meine Eltern zu ehren, mussten wir den Führern huldigen, denn die sollten für uns wie Vater und Mutter sein."

Sie fügte sich ein in das große Ganze, lernte, sich zu verstellen und sich so zu schützen. Kim Il Sung, den Staatsgründer, erlebte sie als eine Art Gott. Als er starb, war sie 14 und verwirrt: Gott ist tot? Erste Zweifel stellten sich ein - und zugleich eine Gewissheit: Nur wer viel und lange weint, gehört wirklich dazu. "Mir hatte zwar niemand gesagt, ich würde sonst Riesenärger kriegen - aber mir war damals schon klar, dass ich möglichst lange und ausdauernd zu trauern hatte. Also gab ich alles und tat so, als heulte ich mir die Augen aus."

"Fassade ist alles"

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Menschen stehen vor einem Kiosk in der Hauptstadt Pjöngjang - die Versorgungslage in Nordkorea ist angespannt.

Hyeonseo hat das Nordkorea-Syndrom verinnerlicht: Fassade ist alles. Das sollte ihr später bei ihrer Odyssee in der Fremde helfen. Sie war zunächst in China untergetaucht, als Illegale - China verfolgt Nordkoreaner und schiebt sie ab in ihre Heimat, wo sie oft gefoltert werden oder im Straflager landen. Es war schwierig dort für sie: "Ich musste dauernd meinen Namen ändern, jedes Mal, wenn ich in eine andere Stadt umzog, um nicht meine Familie oder auch mich zu gefährden. Ich lernte zu überleben in China, aber ich hatte keine Identität."

Aus der Fremde unterstützte Hyeonseo ihre Familie. Während das Regime nach außen den Mythos der ruhmreichen Kims und ihrer Erfolge zelebrierte, zerfiel und zerfällt es im Inneren Stück für Stück. Die Menschen verarmen, verwahrlosen, ja - sie verhungern.

Von China nach Südkorea

Nach zehn Jahren Versteckspiel in China schaffte es Hyeonseo, nach Südkorea zu reisen und dort Asyl zu beantragen. Später gelang es ihr auch noch, unter dramatischen Bedingungen und unter Lebensgefahr für alle Beteiligten, Mutter und Bruder nach Südkorea zu schleusen.

Hyeonseo Lees Odyssee liest sich wie ein Krimi - und wie ein Lehrstück über Deformation, Befreiung und grenzenlosen Mut. Fantastisch ist auch ihr Aufstieg zu einer gefragten Rednerin und Autorin, zur Aktivistin für geflohene Nordkoreaner. Nach siebzig Jahren der Trennung sind die in Südkorea noch weniger willkommen als viele Ostdeutsche nach der Wende im Westen. "Ich war anfangs in Südkorea auch eine Außenseiterin, galt als Ausländerin", erinnert sich die Autorin. "Es ist nicht einfach, einen Job zu finden, unser Status als Nordkoreaner ist so schlecht, dass viele Überläufer sich verstecken. Viele werden auch depressiv, sie geben sich lieber als koreanische Chinesen aus."

Mutige Überlebenskünstlerin

Hyeonseo Lee ist eine Überlebenskünstlerin; sie lässt sich nicht einschüchtern, auch nicht durch Drohungen aus Nordkorea.

Dort regieren immer noch die Kims, mittlerweile in der dritten Generation.

Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Verlag:
Heyne
Veröffentlichungsdatum:
13. Juli 2015
Bestellnummer:
978-3-453-20075-3
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 09.09.2015 | 00:00 Uhr

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