Stand: 22.09.2017 13:00 Uhr

Friedenspreis für Asli Erdogan: "Ich verneige mich"

Die türkische Autorin Asli Erdogan hat in Osnabrück den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erhalten. Die Kritikerin von Präsident Recep Tayyip Erdogan, die erst vor wenigen Tagen überraschend die Ausreisegenehmigung aus der Türkei erhalten hatte, erhielt die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung vor allem für ihren Kampf für Pressefreiheit und gegen Unterdrückung.

"Das Buch ist manchmal schwer zu ertragen"

Beispielhaft dafür sei ihre Essaysammlung "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch", die in der Türkei nicht erscheinen dürfe. In ihren Texten beschreibt sie das Leid der Opfer, zum Beispiel der Kurden. Sie lasse den Leser die Grausamkeiten und Erniedrigungen des Regimes nach dem Putschversuch sowie den Schmerz der Opfer nahezu körperlich spüren, sagte der Jury-Vorsitzende, Universitätspräsident Wolfgang Lücke: "Das Buch ist manchmal schwer zu ertragen".

Lebenslange Haftstrafe beantragt

Es gehe der Jury auch darum, ein Zeichen zu setzen für die Unantastbarkeit der freien Berichterstattung und die Notwendigkeit unzensierter Veröffentlichungen. Laudator Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels würdigte die Leistungen Erdogans: "Ich verneige mich vor Deinem Mut und Deinem Engagement für die Freiheit und den Frieden", sagte er. Trotz fast sechsmonatiger Untersuchungshaft sowie andauernder Drangsalierungen erhebe Erdogan weiter ihre Stimme für die Unterdrückten. In dem weiter laufenden strafrechtlichen Verfahren gegen Erdogan hat die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Haftstrafe beantragt wegen der Unterstützung einer illegalen Organisation und Volksverhetzung.

Weitere Informationen
mit Video

Asli Erdogan kann Friedenspreis entgegennehmen

Die türkische Autorin Asli Erdogan kann am 22. September in Osnabrück den Friedenspreis in Empfang nehmen. Überraschend darf die Regimekritikerin aus der Türkei ausreisen (Meldung vom 8.09.2017). mehr

Außenminister Sigmar Gabriel nannte Erdogan in einer Botschaft "eine mutige und wache Stimme, die uns immer wieder aufs Neue beweist, wie wichtig es ist, auch gegen große Widerstände für seine Gedanken und Überzeugungen einzustehen".

Erdogan: Ich kann gar nicht anders

Asli Erdogan selbst äußerte die Hoffnung, dass nach ihr auch anderen Schriftstellern und Journalisten in der Türkei "die Türen geöffnet werden". Sie wies auch darauf hin, dass weiterhin mehr als 180 Autoren in der Türkei inhaftiert seien und weitere das Land nicht verlassen dürften. Sie vermisse den Protest: "Ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen aufstehen und für die Opfer einstehen. Ich kann gar nicht anders", sagte sie.

Bild vergrößern
Asli Erdogan, 1967 in Istanbul geboren, gehört zu den Fürsprechern der kurdischen Minderheit in der Türkei.

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erinnert an den Schriftsteller, der mit dem 1929 veröffentlichten Kriegsroman "Im Westen nichts Neues" Weltruhm erlangte. Die Stadt Osnabrück vergibt den Preis alle zwei Jahre, in der Vergangenheit zum Beispiel an Lew Kopelew und Henning Mankell. Mit Asli Erdogan geht die Auszeichnung nun zum zweiten Mal an eine Frau.

Sonderpreis an Europa-Initiative

Den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis bekommt der Verein "Pulse of Europe". Er trete für ein Europa ein, "in dem die Achtung der Menschenwürde, die Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt selbstverständliche Grundlage des Gemeinwesens sind", begründete die Jury. Auf Initiative von "Pulse of Europe" finden seit Februar jeden Sonntag Kundgebungen in vielen Städten Europas statt.

Weitere Informationen
mit Audio

Asli Erdogan - "Anwältin der Opfer"

Die türkische Autorin Asli Erdogan ist in Osnabrück mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet worden. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Jury, Wolfgang Lücke. mehr

Remarque: Mit Anti-Kriegsroman zum Star

1929 erscheint der Antikriegs-Roman "Im Westen nichts Neues". Das Buch wird ein Welterfolg und macht den Osnabrücker Schriftsteller Erich Maria Remarque berühmt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturnachrichten | 22.09.2017 | 08:00 Uhr

Türkei

"Die türkische Kulturszene ist in Schockstarre"

Erdogans Verfassungsreform markiert einen Wendepunkt im politischen System der Türkei. Christian Buttkereit spricht über mögliche Auswirkungen auf die türkische Gesellschaft. (18.04.2017) mehr

05:57

Türkei: Alltag unter Erdogan

21.03.2017 23:30 Uhr
Weltbilder

Yasemin Ergin ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Wurzeln sind in der Türkei. Die Reporterin war wochenlang in Istanbul unterwegs und erlebte ein tief gespaltenes Land. Video (05:57 min)

Wie positioniert sich der Deutsche PEN?

Trumps Einreisepolitik, Erdogans Feldzug gegen die Medien - wie positioniert sich der PEN? Ein Gespräch mit Regula Venske, der Generalsekretärin des PEN-Zentrums Deutschland. (31.01.2017) mehr

Mehr Kultur

47:55

2563: Der Weg ins Glück

13.12.2017 07:20 Uhr
NDR Fernsehen
99:53

Der Pi Code

13.12.2017 00:00 Uhr
NDR Fernsehen