Stand: 21.03.2016 19:14 Uhr

Europas Zäune - Sinnbild der Unmenschlichkeit

Der Zaun: Wo Europa an seine Grenzen stößt
von Dietmar Telser
Vorgestellt von Maryam Bonakdar
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Dietmar Telser ist Politikredakteur mit Schwerpunkt Flüchtlingspolitik und arabischsprachige Welt.

Drei Monate ist Dietmar Telser an der Außengrenze Europas entlanggereist - im Sommer 2014, ein Jahr bevor der Flüchtlingsstrom in der Mitte Europas angekommen ist. Jetzt erscheinen seine Eindrücke und die vielen Gespräche, die er geführt hat, als Buch: "Der Zaun. Wo Europa an seine Grenzen stößt". Heute erscheint es so aktuell wie nie.

Schon am ersten Tag nach Inkrafttretens des EU-Türkei-Abkommens zeigt sich: Die Flüchtlinge kommen weiter über das Meer nach Griechenland. Und das, obwohl sie sofort in die Türkei abgeschoben werden sollen. "Es wird über Flüchtlinge diskutiert, als würden sie sich keine Gedanken machen", sagt Telser. "Als ob sie nicht wissen, was sie hier zu erwarten haben. Und sich hier irgendein Paradies vorstellen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, unheimlich gut informiert sind und eine sehr klare Vorstellung von diesem Europa haben. Und dass sie wissen, dass es schwierig wird."

Geschlossene Grenzen erhöhen das Leid

Zäune - Europa schottet sich ab. Vergebens. Geschlossene Grenzen zwingen Flüchtlinge nur zu neuen Routen, erhöhen das Leid. Das hat der Journalist Dietmar Telser immer wieder erfahren, als er schon vor der Tragödie in Idomeni an den Außengrenzen Europas recherchiert hat. "Es wird keine Lösung sein, weil Menschen sehr schnell neue Wege finden werden, weil Schlepper und Netzwerke sehr flexibel agieren. Und die Menschen haben nichts zu verlieren, sie werden ihren Weg nach Europa finden."

Die Verzweiflung der Menschen, die Dietmar Telser für seine Reportage "Der Zaun" getroffen hat, ist stärker als jede Grenze. Viele überlegen sich lange, ob sie die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer riskieren. Doch oft bleibt keine andere Möglichkeit. "Man kann in den Augen oder in den Gesichtern der Menschen lesen, welches Grauen sie wahrscheinlich auf dieser Flucht erlebt haben, und das sind Momente, die einem sicher sehr, sehr nahe gehen", sagt er.

Die vielen Toten des Mittelmeers

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"Der Zaun" - Webreportage

Wie fühlt sich die "Festung Europa" von außen an? Wie leben Flüchtlinge? Der Bericht von Dietmar Telser und Fotograf Benjamin Stöß als Multimediareportage. extern

Europa scheint die vielen Toten des Mittelmeers schon fast verdrängt zu haben. Im August 2014 kentert an der Küste von Sizilien ein vollbeladenes Boot mit Flüchtlingen. Wieder 200 Tote. Dietmar Telser trifft an dem Tag erfahrene Helfer, die mit der Situation völlig überfordert sind. Mit an Bord ist die kleine Hala. Beide Eltern sind bei dem Unglück ertrunken. Ein Syrer habe das Mädchen gerettet, erzählt Telser. "Er hat es auf einem Holz treibend gefunden und dann gerettet. Es wollte auch nicht mehr loslassen. Er hat es die ganze Fahrt bis in den Hafen festgehalten, und noch am Hafen gesagt, er möchte es adoptieren. Aber das ging natürlich nicht."

Man sei natürlich ständig damit konfrontiert, vor sich selbst zu rechtfertigen, was da eigentlich geschieht, sagt Telser. "Wir haben ein relativ liberales Asylrecht. Aber wir machen gleichzeitig sehr viel, um die Menschen daran zu hindern, dass sie das in Anspruch nehmen können. Das ist etwas, was nicht wirklich zusammenpasst."

Dietmar Telser: "Das ist beschämend"

Dietmar Telser ist die kilometerlangen Zäune an Europas Außengrenzen entlanggereist. Bilder einer Festung. Für ihn sind diese Zäune eine Schande und ein Sinnbild der Unmenschlichkeit von ganz Europa: "Wenn man sich vorstellt, dass diese Zäune da sind, um Menschen abzuwehren, die vor einem Konflikt flüchten und Schutz suchen! Und wenn sie den NATO-Draht mit seinen scharfen Klingen sehen - das ist auch beschämend, das muss man ganz klar sagen."

Nur sichere Routen können helfen

Sein Rückschluss: Nur sichere Routen können helfen. Dass das Abkommen der EU legale Fluchtwege ermöglichen will, begrüßt Telser. Die Skepsis bleibt. Er kann sich schwer vorstellen, dass das mit der Flüchtlingskonvention und der Menschenrechtskonvention in Einklang zu bringen ist. "Ich bin auch noch sehr, sehr skeptisch, was die Einstufung als sicheren Drittstaat angeht."

Das politische Geschachere wird weitergehen - eine wirkliche Lösung fehlt noch immer. Für Dietmar Telser ist klar: Zäune - materiell, wie ideell - schützen Europa nicht, sie sind vor allem eins: erbärmlich.

Der Zaun: Wo Europa an seine Grenzen stößt

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Styria Premium
Veröffentlichungsdatum:
März 2016
Bestellnummer:
978-3-222-13526-2
Preis:
24,90 €

Dieses Thema im Programm:

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