Stand: 01.08.2016 14:06 Uhr  | Archiv

Von der Animalisierung der Kunst

Franz Marc Zwischen Utopie und Apokalypse
von Franz Marc, Oliver Kase, Cathrin Klingsöhr-Leroy, Lynette Roth, Nina Schleif, Andrea von Hedenström
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Was hätte Franz Marc noch alles gemalt? Wie sähe sein Spätwerk aus? Wir werden es nie erfahren. Ein langes Künstlerleben war dem Expressionisten, dem Tiere als Motiv lieber waren als Menschen, nicht beschieden. Franz Marc starb - wie so viele Männer im Ersten Weltkrieg - einen sinnlosen Soldatentod. Nur 36 Jahre alt, wurde er bei einem Erkundungsritt von einem Granatsplitter getroffen. Zum einhundertsten Todestag des Malers ist im Sieveking Verlag ein Buch erschienen, das drei Bilder als Ausgangspunkt nimmt, um sein Werk zu erkunden: "Franz Marc - Zwischen Utopie und Apokalypse".

Bruch mit allen Konventionen

Er muss ein erstaunlich freier Geist gewesen sein. Schon als Student pflegt Franz Marc Liebesverhältnisse zu Partnerinnen, die deutlich älter sind als er. Zeitweise lebt er mit seiner ersten und seiner zweiten Ehefrau in einer Dreiecksbeziehung. Genauso offen wie für neue Lebensformen ist der junge Maler für Kunstströmungen, die mit allen Konventionen brechen. 1907, auf einer Reise nach Paris, schwärmt er:  

"Diese 8 Tage gehören zu den traumhaftesten Tagen meines Lebens, - und voll Gewinn. Ich sah mir nur wenig anderes an als die beiden großen neuen Meister van Gogh und Gauguin. " Leseprobe

Als 1910 Kandinsky, Münter, Werefkin und andere Maler der "Neuen Künstlervereinigung München" vernichtende Kritiken ernten, springt der Freigeist den Kollegen zur Seite - und gründet mit ihnen ein Jahr später den "Blauen Reiter". 

"Man benimmt sich, wie wenn es vereinzelte Auswüchse kranker Gehirne seien. Während es schlichte und herbe Anfänge auf einem noch unbebauten Lande sind. Weiß man nicht, dass an allen Enden Europas heute der gleiche, neu schaffende Geist tätig ist, trotzig und bewusst?" Leseprobe

Blauer Reiter und weidende Pferde

Marc fühlt sich als Teil dieser Bewegung: Seine Diskussionen mit den deutsch-russischen Malerfreunden, seine Beschäftigung mit van Gogh, Gauguin und Cezanne, seine Nietzsche-Lektüre: Alles fließt in seine Bilder ein. 1911 malt er die "Weidenden Pferde IV". Ein Gemälde, das zum Meilenstein, zur Ikone des Expressionismus wurde: Drei rote Rösser in einer bunt glühenden Hügellandschaft.

"Die Farben sind schwer zu beschreiben. Im Terrain reiner Zinnober, neben reinem Cadmium u. Cobaltblau, tiefem Grün und Carminrot, die Pferde gelbbraun und violett. (…) Ganze Partien (z.B. ein Busch), in reinstem Blau! Kannst du Dir das denken? Die Formen alle ungeheuer stark und klar, damit sie die Farben aushalten." Leseprobe

Rote Pferde, violette Mähnen

Anders als heute, wo in der Malerei alles erlaubt ist, gibt es Anfang des 20. Jahrhunderts feste Regeln. Dagegen zu verstoßen, Pferde rot, Mähnen violett und einen Busch blau zu malen, erforderte Eigensinn. Und Mut. Nicht nur die unvermischten Farben, die Dissonanzen und Komplementär-Kontraste brechen mit den Sehgewohnheiten, sondern auch das Motiv: Marc, der den Menschen als "hässlich" empfindet, macht das Tier zum Hauptdarsteller.

"Gibt es für einen Künstler eine geheimnisvollere Idee als die, wie sich wohl die Natur im Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Pferd die Welt oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? "

 

Der neue Bildband nimmt uns mit auf Marcs künstlerischen Weg von der "Animalisierung der Kunst" bis zu den späten Gemälden, die immer rhythmischer und abstrakter wurden. Ein Lesevergnügen und ein Fest für die Augen. Mit erstklassigen Reproduktionen und Detailvergrößerungen von Zeichnungen, Gemälden, Briefen und Fotografien. Besonders spannend ist der ausführliche Lebenslauf, der uns den Maler als belesenen, toleranten und liebenswerten Menschen näherbringt.

1916 ist er - viel zu früh - auf einem Schlachtfeld bei Verdun zu Tode gekommen. Den Nachruf, den Franz Marc eineinhalb Jahre vorher für seinen künstlerischen Mitstreiter August Macke verfasste, hätte man - genau so - auch an seinem Grab lesen können: "Der gierige Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst ist um einen Helden ärmer geworden."

Franz Marc Zwischen Utopie und Apokalypse

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Sieveking Verlag
Bestellnummer:
978-3944874432
Preis:
39,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.08.2016 | 17:40 Uhr

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