Stand: 20.09.2017 15:39 Uhr

Vier Männer, viele Geschichten, ein Kerker

Istanbul, Istanbul
von Burhan  Sönmez, aus dem Türkischen von Sabine Adatepe
Vorgestellt von Claudio Campagna
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Burhan Sönmez, Jahrgang 1965 und in Anatolien geboren, studierte Jura. Er lebt in Istanbul und Cambridge.

Der türkische Schriftsteller und Jurist Burhan Sönmez setzt sich seit Jahren für Menschenrechte ein. Bei einem Polizei-Übergriff wurde er 1996 so schwer verletzt, dass er in England von der Freedom-from-Torture-Stiftung medizinisch versorgt werden musste. In seinem neuen Roman spielen Folter und Misshandlung auch eine Rolle; aber nicht die einzige. "Istanbul, Istanbul!" heißt das Buch und ist nun auf Deutsch erschienen.

Istanbul. Eine Stadt wird hier erzählt; und zwar gleichsam aus der Unterwelt. Vier Männer sitzen nämlich gemeinsam in einem Kerkerloch - ein Student, ein Doktor, ein Barbier und ein alter Mann. Um sich die Zeit zu verkürzen, um ihre Schmerzen zu vergessen, erzählen sie sich Geschichten, Novellen oder Schwänke von Flugzeugunglücken, Prinzessinnen, aus der Zeit gefallenen Bibliothekaren oder zwei Nonnen auf der Flucht:

"Erzähl, was geschah, drängte die Junge ungeduldig. Ich bog wieder und wieder in andere Gassen ab, berichtete die Ältere, doch ich konnte den Mann nicht abhängen, bald sah ich ein, ich würde ihm nicht entkommen. Und dann, drängelte die Junge weiter. Ich blieb an einer Ecke stehen, da blieb auch der Mann stehen. Und dann? Ich hob meine Röcke. Und dann? Der Mann ließ die Hosen herunter. Uuund?" Leseprobe

Die Geschichten der Eingesperrten handeln vom Leben, von Liebe und Freiheit.

Kontrastprogramm: Realität

Sie stehen damit in schreiendem Kontrast zur sie umgebenden Realität. Abwechselnd, in elf Kapiteln, berichten die vier Kerkerinsassen dem Leser davon.

"Die Schritte krachten wie Steine auf dem Betonboden. Es war nicht auszumachen, wie viele es waren, auf jeden Fall mehr als sonst. Der Korridor zog sich in die Länge, was die Vernehmer sprachen, hallte von den Wänden wider und in unseren Ohren nach. Sie gehen vorüber, hofften wir, doch vor unserer Tür blieben sie stehen. Sie schoben den Eisenriegel zurück und öffneten die graue Tür." Leseprobe

Jeder muss zu jeder Zeit auf alles gefasst sein. Dabei bleibt unklar, was zugleich oben auf der Straße passiert, wer gerade dort das Sagen hat. Es könnte Erdogans Regierung sein oder eine frühere oder eine, die es in der Türkei so nie gegeben hat. Politische Haft und Folter sind schließlich ein weltweites Problem. Die Auswirkungen dürften immer ähnlich sein:

"Der Schmerz hält die Zeit an und löscht das Gefühl für die Zukunft aus. Die Realität verschwindet, das gesamte Universum besteht nur noch aus deinem Körper. Der Augenblick wird zur Ewigkeit, eine andere Zeit würde es nie wieder geben." Leseprobe

Die Folterhaft wirft die Insassen zurück auf ihre nackte Existenz.

Zeitlos im Schmerz

Die Zeit wird für sie zur unfassbaren Kategorie. Nur beim Erzählen ist sie wieder da. In ihren Geschichten gibt es für die Gefangenen wieder eine Vergangenheit - und auch Zukunft. Deshalb müssen sie erzählen, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Ihre Geschichten von unerhörten Schicksalen, Verbindungen, Verlusten sind manchmal traurig, manchmal witzig oder - wie die von den zwei Nonnen - eher frivol.

"Ich rannte weiter. Und dann? Was soll schon geschehen sein, eine Frau mit geschürzten Röcken rennt schneller als ein Mann mit heruntergelassenen Hosen." Leseprobe

Das ganze Buch besteht gewissermaßen aus einem Wirrwarr unterschiedlichster Stimmen aus der Ober- und der Unterwelt. Das macht den Roman unterhaltsam und abgründig zugleich. Doch bei allem Schrecklichen, das darin beschrieben wird, ist er doch vor allem eins: Eine Liebeserklärung an diese Stadt: "Istanbul, Istanbul".

Istanbul, Istanbul

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb Verlag
Bestellnummer:
978-3-442-75700-8
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.09.2017 | 12:40 Uhr

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