Stand: 20.04.2017 14:55 Uhr

Jostein Gaarder: Alter Ego mit Handpuppe

von Janek Wiechers
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Jostein Gaarder wurde 1952 in Oslo geboren. Derzeit ist er auf Lesereise in Norddeutschland.

Der norwegische Autor Jostein Gaarder landete Anfang der 1990er Jahre einen Welterfolg mit seinem philosophischen Kinderroman "Sofies Welt". Seither hat der heute 64-Jährige zahlreiche weitere sehr erfolgreiche Bücher geschrieben - und sie alle beschäftigen sich mit den großen Fragen des menschlichen Seins.

Auch Gaarders neuestes Buch "Ein treuer Freund" ist wieder tief philosophisch: Es erzählt von theologischen Fragen, von Einsamkeit, dem Sterben und von der menschlichen Sprache.

Braunschweig - Tausendmal gelesen, nie darüber nachgedacht

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Auf dem Klavier, das Jostein Gaarder vor 43 Jahren zur Hochzeit bekommen hat, prangt neben der Marke Schimmel auch das Wort Braunschweig.

Zum Auftakt seiner deutschen Lesereise für seinen neuen Roman war Jostein Gaarder Mittwochabend in Braunschweig zu Gast - und begann den Abend mit einer Anekdote: "Als ich das erste Mal hier in der Stadt war, wusste ich gar nichts von Braunschweig. Ich habe die Leute erst einmal gefragt, für was die Stadt denn so bekannt ist. Als ich damals nach dieser ersten Lesung wieder in Norwegen ankam, setzte ich erst einmal ans Klavier. Und da merke ich, was darauf geschrieben steht: 'Schimmelklaviere Braunschweig'. Auf meinem alten Klavier, das ich vor 43 Jahren von meinen Eltern zur Hochzeit bekommen habe. Ich hatte den Namen Braunschweig also schon Tausende Male gelesen und nie wirklich darüber nachgedacht!"

Jostein Gaarder lacht immer wieder schallend und lautstark ins Publikum, genießt sichtlich dessen Nähe. Mit fast kindlicher Freude erzählt er von seinem neuesten Roman "Ein treuer Freund", aus dem er Passagen im norwegischen Original vorliest. Die deutschen Passagen trägt Götz van Ooyen vor, Schauspieler am Staatstheater Braunschweig.

Beerdigungen von Unbekannten

In Gaarders neuem Buch geht es um den etwas schrulligen Sprachforscher Jakob, der gleich zwei merkwürdige Hobbies hat: Zum einen besucht er immer wieder Beerdigungen von Leuten, die er nicht kennt. Zum anderen pflegt er seit seinen Kindheitstagen innige Zwiegespräche mit einer Handpuppe namens Pelle. "Auf eine etwas verdrehte Art ist mein Protagonist so etwas wie mein Alter Ego", sagt Gaarder. "Wir sind am gleichen Tag geboren, am 8. August 1952. Diese ganzen Landschaften durch die Jakob sich bewegt und auf die er sich beruft, sind auch die, die mir vertraut sind. Allerdings ist Jakob sehr einsam - ich nicht."

Wie alle Bücher von Jostein Gaarder ist auch sein neuster Roman vollgepackt mit philosophischem, theologischem und geschichtlichem Wissen. All das ist spielerisch hineingewoben in die Geschichte, verständlich und spannend erzählt. Begeistert, ja geradezu überschwänglich erläutert Gaarder mit fast lehrerhaftem Gestus den rund 250 gebannten Zuhörerinnen und Zuhörern Verwandtschaften von Wörter der indogermanischen Sprachfamilie: "Wir kennen alle das indische Wort Yoga, aber die meisten wissen gar nicht, dass es mit dem deutschen Wort Jochen verwandt ist. Im Englischen ist es Yoke. Oder nehmen sie das Wort Knowledge. Im Sanskrit heißt es Vidya. Im Lateinischen: Video. Auf Deutsch: Wissen!"

Der Schriftsteller als Schauspieler

Jostein Gaarder liebt den Kontakt mit dem Publikum, das gibt er nach der Lesung unumwunden zu: "Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch. Ich brauche das, vor Leuten zu stehen und ihnen etwas zu vermitteln. Bevor ich Schriftsteller wurde war ich Lehrer, vielleicht liegt es daran. Es ist fast wie in Schauspieler auf der Bühne."

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Jostein Gaarder liest zum Auftakt der High Voltage Frühjahrslesetage im Magazin Filmkunsttheater in Hamburg.

Dass diese direkte Art beim Publikum ankommt ist offensichtlich. Die Besucher der Lesung in Braunschweig sind deutlich angetan von dem überaus sympathischen Norweger und seiner einnehmenden Art. Am Donnerstagabend liest er in Hamburg zum Auftakt der High Voltage Frühjahrslesetage im Magazin-Filmkunsttheater.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.04.2017 | 07:20 Uhr

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