Stand: 18.02.2016 09:54 Uhr

Berliner Literaturpreis für Feridun Zaimoglu

von Oliver Kranz
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Feridun Zaimoglu - am liebsten schreibt er über Außenseiterfiguren.

Als voriges Jahr der Deutsche Buchpreis vergeben wurde, ging Feridun Zaimoglu leer aus. Jetzt hat der deutschtürkische Schriftsteller den mit 30.000 Euro dotierten Berliner Literaturpreis erhalten. Die Preisverleihung fand am Mittwochabend im Berliner Rathaus statt.

Würdigung für Gegenwartsautoren

Buchveröffentlichungen (Auswahl)

1995 Kanak Sprak
1997 Abschaum. (Der Roman wurde 2000 unter dem Titel "Kanak Attack" verfilmt.)
1999 Koppstoff
2000 Liebesmale, scharlachrot
2006 Leyla
2007 Rom intensiv
2007 Von der Kunst der geringen Abweichung
2008 Liebesbrand, Roman
2009 Hinterland
2011 Ruß
2015 Siebentürmeviertel

Herta Müller, Ilija Trojanow, Sibylle Lewitscharoff - die Liste der Autoren, die den Berliner Literaturpreis schon bekommen haben, liest sich wie ein Who is Who der deutschen Gegenwartsliteratur. Nicht wenige der Preisträger wurden im Ausland geboren. Feridun Zaimoglu war ein Jahr alt, als er 1965 mit seiner Familie nach Deutschland kam. Seine Eltern waren Gastarbeiter. Als er das Abitur machte, wurde ihm eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker empfohlen. Doch er wollte Künstler werden.

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Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hielt die Festrede.

Michael Müller, der als Regierender Bürgermeister von Berlin die Festrede hielt, lobte Zaimoglus Beharrlichkeit: "Er ließ nicht locker als sich Widerstände in seinen Weg stellten. Möglicherweise ist es genau das, was ihm so wichtig ist: Dass man, egal woher man kommt und an welchen Gott man glaubt, in diesem Land Chancen hat zu einem selbstbestimmten Leben."

Wanderer zwischen den Kulturen

Feridun Zaimoglu begann zu schreiben. Er nutzte deutschtürkische Slangbegriffe und kreierte so eine eigene Sprache: "Kanak Sprak". Als 1995 sein erster Roman erschien, war er sofort in aller Munde. "Ich zweifle erheblich an all den Zuschreibungen, mit denen Feridun Zaimoglu belegt worden ist. Er ist der Quotentürke, der Wanderer zwischen den Kulturen, der Furchtlose, der den Dreck von der Straße und die Sprache der Kanakster literaturfähig gemacht hat", sagte Literaturkritikerin Wiebke Porombka in ihrer Laudatio.

Für sie ist Feridun Zaimoglu ein Autor, der seinen Lesern immer wieder die Gnadenlosigkeit von Ordnungen vor Augen führt. Sie verweist auf "Siebentürmeviertel", Zaimoglus neuesten Roman. Er spielt Istanbul in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts.

"In dieser multikulturellen Gesellschaft prallen nicht nur die Ethnien und Religionen aufeinander. Auf engstem Raum sind hier auch Fortschritt und Tradition miteinander konfrontiert. Der Entfaltung Individualität, der politischen und mehr noch der sexuellen Emanzipation, stehen Aberglaube, mythische Vorstellungen und Ehrenkodex gegenüber", stellt Porombka fest.

Preis mit Gastprofessur verbunden

Porträt

Liebhaber der deutschen Sprache - Feridun Zaimoglu

Bücher wie "Kanak Sprak" machten Feridun Zaimoglu Mitte der 90er-Jahre bekannt. Er liebt es, mit der Sprache zu spielen, neue fantastische Wortkonstruktionen zu entwerfen. mehr

All das schildert Feridun Zaimoglu mit einer Sprachgewalt, die einzigartig ist. Er hat acht Romane und ein gutes Dutzend Theaterstücke geschrieben, in es meist um Figuren geht, die am Rand der Gesellschaft stehen. Auch dafür wurde er gelobt. Der Berliner Literaturpreis ist nicht nur mit dem Preisgeld, sondern auch mit einer Gastprofessur für Poetik an der Freien Universität Berlin verbunden. Die Antrittsvorlesung am 17. Mai ist öffentlich. Zaimoglu will über das Thema "Tau und Tag" sprechen. Bei der Preisverleihung war der Autor so bewegt, dass ihm die Worte fehlten: "Ich bin ein bisschen schüchtern, wenn es um Danksagungen geht. Später liege ich dann im Bett und formuliere, obwohl es längst zu spät ist, Sätze prächtiger Danksagungen", erklärt der Autor.

Weitere Informationen
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Feridun Zaimoglu

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.02.2016 | 06:50 Uhr