Stand: 23.07.2017 19:00 Uhr

Zur Lage der Kultur-Nation

von Christiane Peitz

Sie redet schnell, streitet leidenschaftlich, verfügt über eine Menge Esprit und große Sachkenntnis - und zäh ist sie auch. Unter der Regie von Monika Grütters ist die Bundeskulturpolitik temperamentvoller geworden als unter ihrem Vorgänger und CDU-Parteikollegen Bernd Neumann. Der hatte das Amt des Kulturstaatsministers acht Jahre bekleidet. Monika Grütters kann bald auf ihre erste Amtszeit zurückblicken, hält sich mit Bilanzen aber nicht lange auf: zu viele Projekte, die sie noch voranbringen möchte. Von einem zentralen deutschen Exil-Museum über die Fertigstellung des Humboldt-Forums bis zur Sorge um die Zukunft der Berlinale, der ein dauerhaftes Festivalzentrum fehlt. Weil die Umfragewerte für die CDU vor den Bundestagswahlen im September günstig ausfallen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass Grütters weitermachen kann, in ihrem schönen Amtssitz hoch oben im Kanzleramt, samt Terrasse mit Blick auf Hauptbahnhof und Regierungsviertel.

Für Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein

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Kulturstaatsministerin Monika Grütters möchte das Politische mit dem Ästhetischen versöhnen.

Von Anfang an hatte sie Staus aufgelöst, sich eingemischt, verkrustete Strukturen aufgebrochen, Stellung bezogen. Anders als ihr Vorgänger sucht Monika Grütters nicht in erster Linie den Kompromiss, sondern kämpft um Haltung, um Profil. Ob beim Kulturgutschutzgesetz, der Hauptstadtförderung oder der Frauenquote. Danach hat sich die Nation lange gesehnt, nach einer Kulturpolitik, die nicht nur im Hinterzimmer stattfindet und die umgekehrt nicht nur Sonntagsreden zu bieten hat, wie es den früheren SPD-Amtsinhabern Michael Naumann, Christina Weiss und Julian Nida-Rümelin angekreidet wurde. Grütters versöhnt Programmatik und Pragmatik, zeigt Gesicht und wenn nötig, auch Kante. Als Intellektuelle befördert sie die Selbstverständigung der Zivilgesellschaft und hat gleichwohl immer Konkretes im Sinn. "Die Versöhnung des Politischen mit dem Ästhetischen ist mir ein echtes Herzensanliegen", hatte sie 2014 bei ihrer Marbacher Schiller-Rede bekannt, und die Vorstellung des Dichterfürsten zu ihrer Devise erklärt, mit ästhetischen Mitteln Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein bewirken zu wollen. Ein verwegener Zungenschlag in einem Amt, das sich unter Bernd Neumann etwas bieder auf Haushalts- und Ordnungspolitik beschränkt hatte.

Eine Bilanz der ersten Amtszeit

Seit Ende 2016 muss die "Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien", so der vollständige Titel, ihre Energie teilweise anderweitig einsetzen. Gegen den zusätzlichen Job als CDU-Landesvorsitzende hatte Grütters sich lange gesträubt; der Skandal um gefälschte Fragebögen in einem Berliner Kreisverband im Frühjahr gehörte nicht zu ihren Lieblings-Herausforderungen, hier machte sie eine unglückliche Figur. In der Bundespartei setzt die Münsteranerin, Germanistin, Kunsthistorikerin, Freiheitsverfechterin und bekennende Katholikin gleichwohl sanfte Akzente, etwa indem sie Kanzlerin Merkel bei ihrer Flüchtlingskrisen-Devise "Wir schaffen das" unterstützte. Oder indem sie beim Streit zwischen Konservativen und Reformwilligen um die "Ehe für alle" bekannte, sie sehe zwar einen Unterschied zwischen der Ehe von Mann und Frau und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Aber es sei eine "christliche Botschaft der Nächstenliebe, das Verbindende über das Trennende zu stellen".

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Vor allem schlägt ihr Herz für die Künste, schon zuvor als kulturpolitische Sprecherin im Berliner Abgeordnetenhaus und als Vorsitzende des Bundeskulturausschusses. Als Monika Grütters im Dezember 2013 Kulturstaatsministerin wurde, machte sie gleich kräftig Tempo. Der Fall Gurlitt beherrschte die Schlagzeilen, sie drängte die Task Force zur Eile, wertete das Zentrum für Kulturgutverluste auf, schärfte das Bewusstsein für einen moralisch integren Umgang mit NS-Raubkunst und Restitutionsforderungen. Grütters reformierte den Kulturgutschutz und zettelte die heftigste Auseinandersetzung ihrer Amtszeit an, über den Wert der Kunst, den finanziellen wie den ideellen. Weil sie die Ausfuhr auch von zeitgenössischen Werken beschränken wollte, lief der Kunsthandel Sturm, von Enteignung und "Guillotine" war die Rede. Der einflussreiche Auktionator Bernd Schultz sprach gar davon, dass niemand der deutschen Kultur so sehr schade wie Monika Grütters. Einen solch scharfen Gegenwind hat keiner ihrer Vorgänger je entfacht. Grütters bot ihren Widersachern die Stirn, schimpfte auf unverantwortliche Panikmache, diskutierte, intervenierte. Und sie setzte sich durch, weniger mit Hilfe politischer Seilschaften als mit Sachargumenten. 2016 wurde das Gesetz ratifiziert, das den illegalen Antikenhandel eindämmt und den Export von national wertvollen, identitätsstiftenden Werken auch der Moderne erschwert. Kunst, so ihr Credo, darf in manchen, besonderen Fällen kein Privatbesitz sein, sondern genießt als Allgemeingut staatlichen Schutz. Ein Paradigmenwechsel.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 23.07.2017 | 19:00 Uhr

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