Stand: 17.05.2017 23:50 Uhr

Wie homophob ist Deutschland?

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Markus Ulrich ist Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD).

Am 17. Mai war der Tag gegen Homophobie. Braucht man den noch, im bunten Deutschland? Ist doch alles in Butter, oder? Nicht so ganz. Markus Ulrich, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD), erläutert, wo und warum Lesben und Schwule in Deutschland weiterhin benachteiligt und angefeindet werden.

Herr Ulrich, wie homophob ist Deutschland?

Markus Ulrich: Da muss man erst mal fragen, wie man Homophobie definiert. Es gibt viele Leute, die in den Augen von Schwulen und Lesben durchaus homophob sind, die aber selbst von sich denken: "Solange ich keine Lesben oder Schwulen zusammenschlage oder offensichtlich beleidige, bin ich nicht homophob."

Und wie definieren Sie Homophobie?

Ulrich: Homophobie ist jede Hierarchisierung von Homosexualität beziehungsweise lesbischen oder schwulen Identitäten im Vergleich zu Heterosexualität. Das heißt, Heterosexualität ist die erwünschte gesellschaftliche Norm, und alles, was mit dieser Norm bricht, wird dann tabuisiert, abgewertet, sanktioniert und/oder bestraft. Abweichungen von dieser Norm gelten dann zum Beispiel als "Sünde", "eklig", "unnormal", "unnatürlich", "Krankheit" und so weiter. Homophobie ist dabei verquickt mit sehr genauen und starren Vorstellungen davon, wie Frauen und wie Männer zu sein und auszusehen haben, wen sie lieben und begehren sollen. Für Heterosexuelle bedeutet Homophobie natürlich auch, dass sie als Gruppe aufgewertet werden, gesellschaftlich anerkannter sind.

Wichtig wäre in dem Zusammenhang auch zu betonen, dass Homophobie ein erlerntes Verhalten ist. Wir bekommen beigebracht, wie wir über Lesben und Schwule denken und wie wir sie behandeln sollten.

Wo zeigt sich Homophobie?

Ulrich: Homophobie kann sich auf ideologischer, institutioneller, interpersoneller und individueller Ebene zeigen. Wenn zum Beispiel die Bundesregierung sich weigert, die Ehe für homosexuelle Paare zu öffnen, dann ist das im Recht institutionalisierte Homophobie. Weil eben diese Hierarchisierung stattfindet: Heterosexuelle Paaren werden als etwas Besseres angesehen als homosexuelle Paare. Aber auch hier zeigt sich dann die Auseinandersetzung um Definitionen von Homophobie. Denn die CDU/CSU würde hier sagen: "Wir sind vielleicht gegen die Öffnung der Ehe für alle, aber wir sind deshalb natürlich nicht homophob!"

Und was passiert auf der individuellen Ebene?

Ulrich: Alltagshomophobie zeigt sich in der Begegnung mit anderen Menschen. Ende 2015 wurden zum Beispiel die Ergebnisse der Studie "Coming-out und dann" herausgegeben. Danach gaben 45 Prozent der befragten homosexuellen Jugendlichen an, in der Familie diskriminiert worden zu sein. Das heißt, sie wurden sehr oft nicht ernst genommen oder aber beschimpft, beleidigt oder ausgegrenzt. 41 Prozent erlebten negative Reaktionen im Freundeskreis. Auch Schule und Ausbildungsplatz waren keine sicheren Orte.

Aber ich finde in dem Kontext wichtig zu erwähnen, dass sich Schwule und Lesben oft immer noch sehr genau überlegen (müssen), wo, wann und bei wem sie sich outen. Schwule und Lesben vermeiden oftmals bewusst, diskriminiert zu werden.

Wie das?

Ulrich: Indem sie sich zum Beispiel nicht überall küssen, nicht überall Hand in Hand spazieren gehen oder aber zum Beispiel am Arbeitsplatz nicht erzählen, dass sie mit einem Mann oder einer Frau zusammen leben. "Mein Privatleben geht die Kollegen halt nichts an!", sagt man dann gerne. Oder dass man das den Kolleginnen ja nicht auf die Nase binden müsse.

Gibt es überhaupt große Studien zu der Frage, wie Homosexuelle Homophobie in Deutschland erleben?

Ulrich: Nein, die gibt es nicht. Wichtig wäre mir an dieser Stelle, dass es auch innerhalb der großen Gruppe der Lesben und Schwulen Unterschiede gibt. So dürfen schwule und bisexuelle Männer kein Blut spenden. Oder denken Sie an die weitgehende gesellschaftliche und mediale Unsichtbarkeit von Lesben. Lesben werden oft nicht ernst genommen oder ignoriert. Wenn etwa über den Christopher-Street-Day berichtet wird, wird das oft als "Schwulendemonstration" dargestellt.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 29.05.2017 | 22:45 Uhr

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