Stand: 25.01.2016 14:00 Uhr

Anonyme Botschaften von "Barbara."

von Maryam Bonakdar

Sie hat wieder zugeschlagen. Hier in Hamburg. Unter einem falsch aufgemalten Hakenkreuz an einem Laternenpfahl in Altona hat sie ein Schild angebracht: "Arme Wurst aus Altona, maltest diesen Blödsinn da. Voller Hass, dazu noch dumm: Hakenkreuz geht andersrum." Auf St. Pauli hat sie ein Schild für den Fußgängerweg beklebt. Die Mutter darauf fragt ihr Kind: "Sind Ausländer in Deiner Kita"? Das Kind antwortet: "Nein, Mama, da sind Kinder." Unterzeichnet sind diese Statements mit "Barbara.". Mit Punkt - ihr Erkennungszeichen.

Ein klebendes Phantom

Barbaras Kommentare sind wie Fingerabdrücke. Überall an öffentlichen Schildern und Plakaten hinterlässt sie kleine witzige Botschaften. Doch von ihr keine Spur. Niemand hat sie je zu Gesicht bekommen: Barbara ist ein klebendes Phantom. Aber eines mit einer riesigen Fangemeinde im Internet. Allein auf Facebook hat sie über 343.000 Fans und jeden Tag kommen mehrere Hundert dazu.

Das Kulturjournal will wissen: Wer verbirgt sich hinter der Street-Art-Künstlerin "Barbara."? Ein Interview vor der Kamera lehnt sie ab. Auch ein Treffen ohne Kamera. Barbara will absolut anonym bleiben. Immerhin: Wir dürfen mit ihr chatten. Warum also dieses ganze Versteckspiel, Barbara? "Ich möchte, dass meine Arbeit unabhängig von meiner Person betrachtet wird", schreibt sie. Außerdem wolle sie ihr Privatleben schützen. Es könnte auch Angst sein, möglicherweise wegen Sachbeschädigung angezeigt zu werden, vermuten wir. Doch Barbara wiegelt ab: "Ich hinterlasse alle meine Botschaften im öffentlichen Raum so, dass dadurch keine Sachbeschädigung entsteht. Alles ist in wenigen Sekunden rückstandsfrei entfernbar. Ich möchte niemandem Schaden zufügen."

Mit Kreativität und Sprachwitz

Barbaras Anonymität ist Teil ihres Erfolgsrezepts, sie regt die Fantasie an: Ist sie eine einzelne Person oder verstecken sich hinter ihr mehrere Personen? Ist sie eine Frau - oder vielleicht sogar ein Mann? Wir bitten sie, sich selbst zu beschreiben. Doch da heißt es von der Künstlerin nur: "Ich bin ein Mensch mit dem Namen Barbara."

Wer hinter das Phantom Barbara schauen will, muss also ihre Kunst genauer analysieren. Sie schlägt immer dann zu, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, wenn die Menschen auf der Straße zum Beispiel mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Timing sei alles. Ihre Schilder machen deutlich: Sie ist kreativ, umtriebig und hat viel Sprachwitz. Schnöde Parkschein-Automaten verwandelt sie in "Trauschein"-Automaten. Sie überklebt einfach die entsprechenden Buchstaben. An anderen Schildern bringt sie Blumen an - gegen den Hass.

Botschaften als Spiegelbild unserer Gesellschaft

Barbara kommentiert immer höflich, auch wenn sie provokant Leute angeht, wie zum Beispiel Burschenschaftler: "Hallo Burschen, ich wollte Euch freundlich darauf hinweisen, dass ich heute Nacht gegen Euer Schild gepinkelt hab. Für eine Frau ist das gar nicht so einfach."

Der öffentliche Raum, so schreibt sie, sei voller Botschaften und diese ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Barbara will sich einmischen und besonders rassistische oder diskriminierende Aussagen auf öffentlichen Aufklebern, Schildern oder Plakaten nicht einfach unkommentiert stehen lassen. "Ich mache das alles sehr gerne, das ist auch mein Antrieb. Ich liebe es, mich in den öffentlichen Diskurs einzumischen. Der öffentliche Raum gehört uns allen und ich nutze ihn als meinen Spielplatz."

Denkanstöße geben zwischen schnöden Schildern und Werbebotschaften, das ist Barbaras Motiv. Sie wehrt sich gegen Nazis, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung - und das schon als Kind. Ihr Opa hatte ihr erklärt, wofür Hakenkreuze stehen. Seither übermalt und verändert Barbara alles, was sie in dieser Richtung findet. An einen brauen Pfosten klebt sie: "Es gibt zu viele braune Vollpfosten im Land" oder "Wer nichts ist, und wer nichts kann, der zündet Flüchtlingsheime an". Barbaras Kommentare: Kleine Wahrheiten, bei denen einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt. Die meiste Zeit aber sorgt sie mit ihren Schildern auf der Straße und im Netz für Schmunzeln.

"Ich bin für eine tolerante und weltoffene Gesellschaft"

Verbote mag Barbara gar nicht, deshalb kommentiert sie auch jeden "Plakat verboten"-Hinweis. Es scheint, als ob sie solche Schilder besonders herausfordern würden. Unser Straßenbild sei von einer "Verbotsschilderfetischistenlobby" geprägt. "Es herrscht teilweise ein sehr rauer Ton: 'Wer hier parkt wird angezeigt' oder 'Eltern haften für ihre Kinder'. Ständig wird einem gedroht. Das kann man doch alles auch freundlicher sagen", erklärt Barbara. "Ich bin für mehr Lockerheit. Es gibt Länder, die kommen mit deutlich weniger Verbotsschildern aus als wir in Deutschland."

In den vergangenen Wochen habe sich der Ton auf den Straßen nochmals besonders verschärft, die Stimmungslage in der Bevölkerung sei durch die Flüchtlingsdebatte aufgeladen. "Ich bin für eine tolerante und weltoffene Gesellschaft, dafür erhebe ich meine kleine Stimme."

Barbara ist ein Phantom, Barbara ist ein Phänomen. Ihre Kunst ist jedoch nur von kurzer Dauer. Wetter und Ordnungsamt verwischen schnell ihre Spuren. Und man muss genau hinsehen, um Barbaras Botschaften im Schilderwald zu erkennen. Die Indizien sprechen für sich: Von der Sprache her ist sie vermutlich unter 40. Sie ist politisch, vermutlich Mitte-links. Sie hat etwas gegen Autoritäten, sie ist friedliebend. Barbara ist intelligent, schlagfertig, einfallsreich, gewitzt, weltoffen, cool - und eine Bereicherung für unser Straßenbild. Auch wenn ihre Identität ein Geheimnis bleibt - klar ist: Barbara wird uns schon bald wieder eine kleben.

Kreativ und witzig: Street-Art von "Barbara."

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 25.01.2016 | 22:45 Uhr

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