Theaternachwuchs: Von ungewöhnlich bis bieder

Das Körber Studio Junge Regie ist die wichtigste Plattform für den Nachwuchs. Einmal im Jahr zeigen bei diesem Wettbewerb Regiestudentinnen und Studenten ihre Arbeiten, jede Hochschule aus dem deutschsprachigen Raum schickt eine Inszenierung ins Rennen. Gewonnen hat in diesem Jahr Caroline Creutzburg vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. Ein Kollegengespräch mit NDR Kultur Redakteurin Katja Weise, die den Wettbewerb beobachtet hat.

Was ist das für eine Arbeit von Caroline Creutzburg?

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Caroline Creutzburg mit dem Preis des Körber Studio Junge Regie 2017

Katja Weise: Eine ganz ungewöhnliche! Eine Solo-Performance mit dem Titel "Nerve Collection", die Caroline Creutzburg nicht nur alleine auf die Bühne bringt, sie ist auch ihre eigene Autorin, hat den Text geschrieben: hoch intelligent, assoziativ, mit teilweise fast kabarettistischen Qualitäten. Dabei geht sie nicht von einem Thema aus, sondern es handelt sich tatsächlich um eine Kollektion.

Ist diese Inszenierung, die sich ihre Vorlage selbst schafft, die kein Schauspielensemble einbezieht, typisch für diesen Jahrgang?

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Schauplatz der "Jungen Regie": das Thalia in der Gaußstraße in Hamburg

Weise: Nein, überhaupt nicht. Typisch ist eigentlich, dass es nichts "Typisches" gibt. Das hat sich beispielhaft bei der traditionell bei diesem Wettbewerb öffentlichen Jurysitzung gezeigt. Da hätten die Juroren am liebsten statt eines gleich drei Preise vergeben, weil ihnen drei Inszenierungen gleichermaßen wichtig waren. Die waren in der Form so unterschiedlich und hatten einen jeweils so eigenen Zugriff, dass man sie tatsächlich nicht vergleichen kann. Das waren neben der Solo Performance eine sehr packende Inszenierung der "Kleinstadtnovelle" von Ronald Schernikau über ein schwules Coming-out in einer Kleinstadt, mit einem großartigen Hauptdarsteller und einer fast traumwandlerisch sicheren Ensembleregie. Und als drittes "Teorema" frei nach Filmmotiven von Pasolini, eine Arbeit, die fast ganz auf Worte verzichtet. Da sich die Jury natürlich trotzdem entscheiden musste, ging Moritz Beichl von der Theaterakademie Hamburg mit der "Kleinstadtnovelle" leer aus und für "Teorema" gab es immerhin noch den Publikumspreis. 

Wie fällt die Bilanz aus? War es ein starker, ein guter Jahrgang?

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Caroline Creutzburg in einer Szene ihres Stückes "Nerve Collection".

Weise: Es war ein guter Jahrgang. Ich habe nicht alle zehn Inszenierungen sehen können, aber die meisten und war überrascht von der Vielfalt. Ich habe mich darüber gefreut, dass es so viele verschiedene Ansätze nebeneinander gibt. Da wird viel mit Formen experimentiert. Zudem wird nach wie vor viel selbst entwickelt und geschrieben, aber es gibt auch, wie bei der "Kleinstadtnovelle", noch so etwas wie eine "klassische" Inszenierung, richtige Geschichten.

Erstaunlich und offen gestanden etwas erschütternd, war, dass die einzige Arbeit, die ein Regiestudent für ein Stadttheater gemacht hat, also die einzige, die dort dann mit "richtigen" Schauspielern aufgeführt wurde, extrem bieder geraten ist und letztlich daran erstickte, dass einer alles richtig machen wollte. Unter den Schauspielstudentinnen und Studenten, die die anderen Arbeiten aufgeführt haben, gab es übrigens auch einige Begabungen zu entdecken. So hat der Intendant des Deutschen Theaters in Göttingen, der auch in der Jury saß, mit Moritz Beichl schon eine Inszenierung für die nächste Spielzeit verabredet.

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