Sendedatum: 20.10.2015 18:20 Uhr

Volkes Stimme? Die pöbelnde Minderheit

Morddrohungen gegen Politiker und die Messerattacke gegen die Kölner Bürgermeisterkandidatin am vergangenen Wochenende sind die jüngsten Exzesse der Flüchtlingsdebatte. Das Klima von Feindseligkeit und Hass spiegelt sich auch in den Diskussionen im Internet. Andrej Reisin betreut die Onlineauftritte des Ressorts Innenpolitik im NDR, er verantwortet unter anderem die Website des Magazins Panorama und moderiert die jeweiligen Debatten in den sozialen Medien.

NDR Kultur: Herr Reisin, am Sonntagabend war die Panorama-Moderatorin Anja Reschke bei Günter Jauch zu Gast. In einer hitzigen Diskussion zum Thema "Hass gegen Flüchtlinge" hat sie den AfD-Politiker Björn Höcke scharf kritisiert und in die Schranken gewiesen. Wie waren die Reaktionen im Internet darauf?

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Wenn die Sendung vorbei ist, ist der Job noch lange nicht erledigt. Andrej Reisin betreut den Online-Auftritt von Panorama.

Andrej Reisin: Auf der Facebookseite von Panorama gab es sehr viel Zuspruch für Anja Reschke. Auf der Internetseite von Panorama bei DasErste.de waren die Reaktionen zum Teil kritischer. Das ist aber auch ganz logisch, denn da kommen natürlich alle Leute hin, auch die, die sich vielleicht ärgern und deshalb ins Netz gehen. Aber insgesamt, würde ich sagen, waren es doch eher positive Reaktionen.

Sie sprechen von kritischen Reaktionen - das klingt jetzt erst mal nach einer sachlichen Debatte, die man online führt. Wie genau sehen diese kritischen Reaktionen aus?

Reisin: Die reichen von... bis. Es gibt schon auch Menschen, die einfach sagen, ich bin mit Ihrer Position nicht einverstanden, aber Sie sollten nicht diffamiert oder beschimpft oder bedroht werden. Es gibt auf der anderen Seite aber auch Leute, die ganz klar pöbeln, die Hass verbreiten und drohen. Die krassesten Kommentare schalten wir natürlich nicht frei, und wenn es sehr persönliche Bedrohungen sind, dann übergeben wir das zum Teil auch an das Justitiariat des NDR.

Hat sich die Diskussionskultur seit dem Entstehen von Pegida vor einem Jahr aus Ihrer Sicht verändert?

Videos
09:15 min

Günther Jauch: Best of Anja Reschke

18.10.2015 21:45 Uhr
Das Erste: Panorama

Panorama Moderatorin Anja Reschke war zu Gast bei Günther Jauch - hier ein Best Of ihrer Aussagen und des Schlagabtausches mit Björn Höcke von der AfD. Video (09:15 min)

Reisin: Ich glaube, die Diskussion über Pegida hat schon dazu beigetragen, gewisse Strömungen, die vielleicht auch vorher schon vorhanden waren, zu kanalisieren. Da haben sich sehr viele Leute getroffen, die sich gegenseitig bestätigt und verstärkt haben und sich in das Gefühl hineinsteigern, sie seien das Volk, und jetzt müsse man doch endlich mal das sagen, was man denke - selbst wenn das rassistische oder volksverhetzende Sachen sind. Ich glaube, dass das vorher auch schon da war, das ist ja nicht von Pegida erfunden worden. Aber Pegida hat eine Plattform dafür geboten, und die Plattform ist groß, und die nutzen auch viele. Das hat man in der Sendung auch gesehen, denn auch Herr Höcke glaubt ja, er und auch seine zwei-, fünf- oder achttausend Menschen in Erfurt seien "das Volk". Das ist natürlich eine absurde Idee, weil 8000 von 80 Millionen natürlich nicht "das Volk" sind. Aber genau so funktioniert diese Autosuggestion auch auf Facebook: Man ist nur noch dabei, sich mit Leuten zu unterhalten, die einen permanent bestätigen, und steigert sich hinein. Und am Ende glaubt man eben, man sei "das Volk".

Sie stellen also auch ganz konkret fest, dass das eigentlich Minderheiten sind, die da rumpöbeln?

Reisin: Ja. Wir haben zum Beispiel auf der Facebook-Seite allein von Panorama im Laufe des Jahres über 30.000 Leute neu hinzugewonnen, die uns folgen. Diese Menschen sind uns mehrheitlich gewogen und sie weisen dann auch die Pöbler, die es auch dort gibt, immer wieder in ihre Schranken. Wenn also jemand schreibt "Ihr seid doch alles Lügenpresse", haben wir auch sehr schnell - teilweise schneller, als wir das selber sehen können - zwanzig, dreißig Leute, die dem bereits geantwortet haben. Herr Höcke dagegen hatte am Montag, als er seinen Auftritt geteilt hat, zu dem Zeitpunkt noch eine zweistellige Anzahl von Likes. Anja Reschke hatte zu dem Zeitpunkt mit dem Post, den wir dazu verfasst haben, über 3000 Likes. Also, da kann man schon sehen, dass diese Menschen nicht die Mehrheit sind, für die sie sich halten.

Wie sieht denn konkret Ihre Arbeit aus? Können Sie diese teilweise hetzerischen Kommentare überhaupt moderieren?

Reisin: Auf Facebook ist es ja so, dass die Kommentare sofort erscheinen und man sie nur im nachhinein löschen kann, und das machen wir auch sorfgältig und sehr selektiv. Wir lassen auch viel stehen, vielleicht auch das, was grenzwertig ist. Da, wo eindeutig die Grenze überschritten ist, sei es durch die Benutzung von Schimpfwörtern oder durch Bedrohung oder wenn andere User beschimpft werden, da löschen wir natürlich. Bei unseren eigenen Foren, wo auch der rechtliche Anspruch an uns etwas höher ist, müssen wir vormoderieren, weil wir in der Verantwortung sind, wenn es freigeschaltet wird. Das machen wir natürlich nach den gleichen Kriterien. Der Anteil dessen, was wir im Nachhinein löschen bzw. nicht freischalten, liegt aber auch bei diesen Themen nicht höher als zehn bis zwanzig Prozent.

Das Gespräch führte Jan Wiedemann.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.10.2015 | 18:20 Uhr