Stand: 07.02.2016 20:55 Uhr

Edgar Selge brilliert in Houellebecq-Stück

von Katja Weise

"Soumission - Unterwerfung" von Michel Houellebecq war der vielleicht meistdiskutierte Roman des vergangenen Jahres. Er erschien am Tag des Anschlags auf "Charlie Hebdo" und entwirft spielerisch die Vision einer islamischen Republik Frankreich im Jahr 2022. Am Samstagabend hat Karin Beier, die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, den Roman erstmals auf die Bühne gebracht.

Am Ende hielt es kaum jemanden im großen Saal des Schauspielhauses noch auf seinem Sitz: Stehend applaudierte ein begeistertes Publikum Edgar Selge, der den Abend über gut zweieinhalb Stunden alleine trägt - und seiner Regisseurin Karin Beier. Das Konzept, den Roman "Unterwerfung" mit nur einem Schauspieler auf die Bühne zu bringen, ist voll aufgegangen. Es gelingt Selge nicht nur, den leicht depressiven, verwahrlosten Literaturprofessor François zu verkörpern, der am Ende dieser bösen Vision mit dem Gedanken spielt, zum Islam zu konvertieren; Selge erweckt mühelos auch die anderen Figuren des Romans zum Leben. Dabei bleiben Karin Beier und ihre Dramaturgin Rita Thiele, abgesehen von den für eine Aufführung erforderlichen Kürzungen, ganz dicht an der Vorlage. Und es zeigt sich, dass Houellebecqs geschliffener, süffiger Sprachwitz sehr gut auch für die Bühne geeignet ist.

Das christliche Kreuz gerät ins Wanken

Schon das Bühnenbild von Olaf Altmann ist eine kluge Setzung. Eine schwarze Wand verschließt die Bühne über die gesamte Breite, sodass Edgar Selge quasi vor dem eisernen Vorhang agiert, in dessen Mitte ein doppelt mannshoher, kreuzförmiger Hohlraum eingelassen ist. Doch dieses Ur-Symbol der christlichen Kirche ist ins Wanken geraten. Es kippt und dreht sich, steht teilweise Kopf und dient dem Schauspieler immer wieder sowohl als Flucht- als auch als Spielraum. Mal klettert er unter großen Anstrengungen hinein, mal sitzt er rittlings darin und preist wie ein Prediger die Vorzüge des Islam.

Lethargischer Westen ohne Werte

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Wollen wir wirklich so leben?

In Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" wird ein Muslim zum französischen Präsidenten gewählt. Aber eigentlich geht es um die Frage: Wollen wir wirklich so leben, wie wir leben? (09.01.2015) mehr

Der Literaturprofessor François hat als Wissenschaftler eine brillante Karriere hingelegt, doch jetzt, im Jahr 2022, befindet er sich in einer tiefen Krise. Das Leben erscheint ihm sinnlos, er spielt mit dem Gedanken an Selbstmord, zumal auch sein Sexualleben alles andere als befriedigend ist. Houellebecq zeichnet das Bild einer übersättigten, lethargischen westlichen Welt, der die Werte abhanden gekommen sind. Die zunehmende Radikalisierung der Gesellschaft wird von den Intellektuellen lediglich mit mildem Staunen zur Kenntnis genommen. Sie diskutieren über die Ernennung neuer Professoren, während in Paris Straßenschlachten toben und der Front National bei den Wahlen erneut zur stärksten Partei wird. Entsprechend reagieren sie auch auf die Gründung einer neuen Partei, der islamischen Bruderschaft, nur mit geringem Interesse. Als deren Führer Mohammed Ben Abbès schließlich sogar zum Präsidenten gewählt wird, weil die bürgerlichen Parteien sich verbünden, um den Front National auszubremsen, wird das zwar als Ereignis zur Kenntnis genommen, doch die intellektuelle Elite bleibt weiter auf Tauchstation. Edgar Selge bringt diesen bitterbösen Abgesang auf das Abendland mit viel Witz und einer großen sprachlichen Präzision auf die Bühne. Sein François ist eine in ihrer sexuellen Bedürftigkeit manchmal fast lächerliche Figur. Gleichzeitig gelingt es dem Schauspieler jedoch, die großen Gefahren aufzuzeigen, die in dessen Larmoyanz und Haltlosigkeit begründet liegen. Der Hochschulprofessor wird zum tragischen Clown, der - will er sich selbst retten - letztlich nur noch reagieren kann und von Frauen in Burka zu träumen beginnt, die sich ihm unterwerfen.

Unterhaltsamer und wichtiger Diskussionsbeitrag

Karin Beier setzt in ihrer sparsamen, nur ab und zu mit Musik untermalten Inszenierung, ganz auf ein Bild - das Kreuz - und die Wortgewalt ihres Schauspielers. Genau arbeiten Beier und Selge an den Nuancen und weisen so gewitzt hin auf die Verführungskraft der Bequemlichkeit und die Gefahr politischen Desinteresses. So wird auch dieser Abend - ähnlich wie der Roman - zu einem ebenso unterhaltsamen wie wichtigen Diskussionsbeitrag in einer Debatte, die nicht erst seit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" in Europa geführt werden muss.

Mit dem Deutschen Theater in Berlin und dem Staatsschauspiel in Dresden haben noch zwei weitere Bühnen Inszenierungen von Houellebecqs Roman geplant. 

"Unterwerfung": Edgar Selge überzeugt

Edgar Selge brilliert in Houellebecq-Stück

Am Schauspielhaus in Hamburg hat die Adaption des Skandalromans "Unterwerfung" Premiere gefeiert. Edgar Selge brilliert in dem Ein-Personen-Stück als verwahrloster Literaturprofessor.

Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Preis:
69,-- bis 9,-- Euro, ermäßigt 13,-- bis 10,-- Euro
Kartenverkauf:
Kartentelefon: 040/24 87 13 (Mo-Sa, 10-19 Uhr)
oder kartenservice@schauspielhaus.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.02.2016 | 14:20 Uhr

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