Stand: 01.08.2017 17:43 Uhr

"Das Humboldt-Forum muss einen neuen Weg gehen"

Das Humboldt-Forum soll Symbol sein für ein weltoffenes, liberales und diverses Deutschland. Kurz vor dem 60. Jahrestag der Gründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind Stimmen der Kritik am Beirat und am Projekt laut geworden - zuletzt sehr deutlich von der französischen Kunsthistorikerin Benedicte Savoy. Das Humboldt-Forum müsse, bevor es eröffne, die Herkunft der Objekte klären. Welche Vorgeschichte haben die Exponate ethnologischer Sammlungen? Den Historiker Jürgen Zimmerer beschäftigt diese Frage seit Jahren.

Herr Zimmerer, Benedicte Savoy hat den Expertenbeirat verlassen, bevor sie ihre Fundamentalkritik äußerte. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

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Jürgen Zimmerer leitet an der Universität Hamburg die Forschungsstelle "Hamburgs postkoloniales Erbe".

Jürgen Zimmerer: Ja, ich kann die Kritik im Grunde schon nachvollziehen. Denn viele der Punkte, die sie ansprach - die koloniale Herkunft der Objekte, der Umgang mit der Tradition des Humboldt-Forums, das ja nun mal in der Tradition des ethnologischen Museums steht - diese Kritik ist seit Jahren geäußert worden. Man hat das Gefühl, dass die Intendanz des Humboldt-Forums dieses Problem ignoriert oder es in seiner ganzen Tragweite nicht richtig erfasst. Es ist der koloniale Kern des Humboldt-Forums, mit dem man sich auseinandersetzen muss - und das geschieht viel zu wenig. Man hat das Gefühl, man erklärt es den Intendanten, sie nicken zustimmend und machen dann weiter wie bisher.

Darf man völkerkundliche Objekte ausstellen, wenn nicht geklärt ist, woher sie kommen?

Zimmerer: Im Grunde ist es eine zentrale Frage: Woher kommen die Objekte? Man muss die Objekte aus den Magazinen holen und sie öffentlich machen. Man muss nur ganz klar dazusagen, dass der Erwerbskontext hochproblematisch ist, wahrscheinlich sogar ein Unrechtskontext ist - es sei denn, man hat den Beweis des Gegenteils und tritt dann in einen Dialog mit den jeweiligen Gesellschaften ein.

Aber die Herkunft der Objekte ist nicht das einzige Problem. Das ethnologische Museum, die ethnologische Ausstellung - das ist eine ganz besondere Art, historisch gesehen auf die Welt zu gucken, und die muss man mitreflektieren. Man kann nicht einfach die Tradition des eurozentrischen Blicks fortschreiben.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hat aufgrund der Kritik von Frau Savoy diverse Interviews gegeben: dass mit der Untersuchung der Bestände längst begonnen wurde; dass man kooperiere mit Herkunftsländern wie Tansania oder Ruanda. Reicht das aus?

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Zimmerer: Nein, das reicht nicht aus. Es ist ein Anfang - den hätte man aber auch schon viel früher machen können, viel umfassender machen müssen. Es geht nicht darum zu sagen: Die Provenienz ist eine Form von Hilfswissenschaft, um einzelne Objekte abzuklären. Denn das Humboldt-Forum setzt auf einer Sammlung auf, die zehntausende von Objekten hat, und man muss den kolonialen Erwerb dieser Objekte selbst zum Gegenstand machen, im Humboldt-Forum und auch in der Ausstellung. Man braucht also eine Neukonzeption dieses gesamten Komplexes.

Wie würde eine Neukonzeption Ihrer Meinung nach aussehen?

Zimmerer: Das Humboldt-Forum kann nicht einfach sagen: Wir sind ein ethnologisches, völkerkundliches Museum, etwas moderner. Sondern es muss sagen: Wir sind, weil wir diese Tradition haben, ein Museum, das über den kolonialen Blick, über den ethnologischen Blick selbst reflektiert. Es muss ein Zentrum werden, in dem man über die Bedingungen kolonialen Sammelns reflektiert und mit der Weltgesellschaft in einen Dialog tritt, der offen ist, und in dem nicht das Humboldt-Forum wieder bestimmt, wer die Diskussionspartner sind.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann geht es auch um eine historische Einordnung, um Sichtweisen und Deutungshoheiten. Das alles geschieht ja nicht in einem sterilen Labor, sondern ist in der Realität gekoppelt an politische, ökonomische Interessen. Wie kann man sich eine solche Klärung also konkret vorstellen?

Zimmerer: Es ist eine Mammutaufgabe. Denn das Problem des Humboldt-Forums ist auch ein Problem, dass Europa mit seiner kolonialen Vergangenheit insgesamt nicht ins Reine gekommen ist, sie nicht aufgearbeitet hat. Es herrscht hier eine koloniale Amnesie. Und in der Kritik am Humboldt-Forum bündelt sich das, sodass das Humboldt-Forum in vielerlei Bereichen einen neuen Weg gehen muss, was eigentlich ein Museum strukturell überfordert. Aber das ist der einzige Weg, dieses Projekt noch zu retten, denn sonst bekommt man ein modernisiertes Völkerkundemuseum.

Auch bei der documenta fällt die Kritik zum Teil desaströs aus. Adam Szymczyk hatte viel vor: zwei Standorte, Athen und Kassel, und wollte "Großes erzählen". Das Konzept - so die Kritik - ein Flop und 38 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Könnte das in Berlin auch passieren? Sind die Pläne, die Ambitionen des Humboldt-Forums zu überdimensioniert?

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Zimmerer: Die Pläne des Humboldt-Forums sind groß. Das Problem ist, dass das Humboldt-Forum ein Weltthema immer noch aus nationaler, aus europäischer, aus eurozentrischer Perspektive betrachtet. Es muss diesen Perspektivwechsel schaffen: Es muss raus aus dem Blick von Berlin auf die Welt und stattdessen mitthematisieren, wie dieser Blick historisch gewachsen ist, was er angerichtet hat, und dass wir in einer Zeit leben, in der die europäische Durchdringung der Welt zu Ende kommt und eine Richtungsumkehr vollzogen wird - politisch, aber auch intellektuell.

Haben Sie einen pragmatischen Vorschlag, wie man in absehbarer Zeit zu einem realistischen Fahrplan kommen kann?

Zimmerer: Es ist schwierig. Was das Humboldt-Forum machen müsste, ist innehalten und eine offene Diskussion zulassen. Im Moment wird Kritik am Humboldt-Forum nicht unmittelbar aufgenommen, sondern nur punktuell diskutiert. Das Gesamtkonzept muss öffentlich diskutiert werden. Man muss alle Kräfte und Ideen bündeln, um das Humboldt-Forum auf den richtigen Weg zu bringen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.08.2017 | 19:00 Uhr

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