Stand: 09.11.2015 18:53 Uhr

Streit um digitale Bildung an Schulen

von Ralf Dörwang
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Jörg Dräger: "Das Internet schafft es im Moment, Bildung zu demokratisieren."

Der eine sieht den Wandel durch die Digitalisierung als größte Revolution des Bildungswesens seit der Erfindung des Buchdrucks. Der andere glaubt, dass die fortschreitende Digitalisierung unsere Gesundheit ruiniert und fordert eine radikale Einschränkung des digitalen Konsums - vor allem für Jugendliche. Jörg Dräger, Vorsitzender der Bertelsmann-Stiftung, sagt: "Das Internet schafft es im Moment, Bildung zu demokratisieren, Lernen motivierender und auch ein Stück freudiger zu machen, und das sind Dinge, die auch in deutschen Schulen gut gebraucht werden." Dem widerspricht Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie: "Dieses ganze Gerede: 'Wir brauchen heute gar kein Wissen mehr, wir können ja alles googeln', ist dummes Zeug. Es gibt jede Menge Studien, die zeigen, wie schädlich das ist. Computer sind Lernverhinderungsmaschinen, die haben an Schulen nichts verloren."

Was bringt uns die Digitalisierung?

Alle Bundesländer setzen auf digitale Bildung. "Schulen ans Netz" - Millionen geben die Kultusministerien für mehr digitale Medien aus. Denn - so heißt es - digital macht schlau! Es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Geld, das die OECD-Staaten an die Schulen für digitale Medien geben und den Leistungen der Kinder, sagt Spitzer und beruft sich dabei auf die neuesten Pisa-Daten. "Mit anderen Worten: Das Geld kann können Sie auch in den Kamin tun."

Eine Pauschalwatsche. Denn gezielte Maßnahmen sorgen durchaus für Effekte, weiß Bildungsexperte Dräger: "Wir haben uns eine Schule in Amerika angeguckt, die Mathematik auch viel mit digitalen Medien unterrichtet. Dort schaffen es die Kinder, diesen eigentlich doch drögen Mathematikstoff von anderthalb Jahren in einem Jahr zu lernen, und zwar, ohne dass sie gequält sind, ohne dass sie nachts noch über den Hausaufgaben sitzen, sondern mit Spaß."

Programmtipp

Alles digital? Schule der Zukunft

11.10.2015 08:05 Uhr
NDR Info

Werden Kreidetafeln abgeschafft und sitzen alle vor dem Tablet statt vor Schulbüchern? Mikado bekommt Besuch von der sogenannten "iPad-Klasse" der Theodor-Mommsen-Schule in Bad Oldesloe. mehr

"Bettermarks": Mängel selbst erkennen

Am Friedrich-Ebert Gymnasium in Hamburg lernen Schüler Mathematik unter anderem mit dem Lernprogramm Bettermarks. Es merkt sich die Fehler der Schüler und schlägt individuelle Übungen vor. Jeder erkennt seine Mängel selbst, verbessert sich, auch ohne Lehrerin. "Vorteil für mich ist, dass ich wirklich persönlich noch mal lernen kann und sehe, wo meine Stärken und Schwächen sind, wo ich genug gelernt habe, und das ist für mich der Vorteil", sagt ein Schüler der 9. Klasse.

Für die Mathematik-Lehrerin Elke Stuthmann ist das Programm eine Entlastung: "Der Lehrer ist und bleibt einfach die zentrale Person als Lernbegleiter oder auch als Unterstützer im Lernprozess. Aber die Übungsphasen, die mag ich gerne in diesem System gestalten, weil es mich doch sehr entlastet, und ich mich gezielter um schwächere Schüler kümmern kann."

Was stimmt jetzt? Ruinieren digitale Medien sogar die Gesundheit von Jugendlichen, wie Manfred Spitzer in seinem Buch "Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert" schreibt? Oder revolutionieren sie den Zugang zu mehr Bildung für alle, wie es in Jörg Drägers "Die digitale Bildungsrevolution" steht?

Sind Online-Vorlesungen eine Alternative?

An der Fachhochschule Potsdam unterrichtet Christina Schollerer "Storytelling". Sie hat auch eine Online-Vorlesung mitgeschaffen. 90.000 Studenten weltweit haben sich kostenlos eingeschrieben. Sind solche Videos eine echte Alternative zu überfüllten Hörsälen, wie sie Tausende Studenten täglich erleben müssen?

"MOOCs" nennt man diese Vorlesungen im Netz: "Massive open online courses" - heißt soviel wie: "riesige offene Online-Kurse". Als wahre Bildungsrevolution werden sie gepriesen, weil damit  jeder quasi umsonst zur Bildungselite gehören kann, wenn er Internet hat.

Wie viel Beschäftigung mit digitalem Wissen ist für Jugendliche gut?

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Manfred Spitzer: "Computer sind Lernverhinderungsmaschinen, die haben an Schulen nichts verloren."

Jugendliche würden heute siebeneinhalb Stunden täglich vor dem Bildschirm verbringen, sagt Manfred Spitzer. "Das kann nur schaden, weil wir wissen, dass Bildschirmmedienkonsum tatsächlich die Gehirnentwicklung beeinträchtigt, also die intellektuelle Entwicklung und vor allem die soziale Entwicklung. Je mehr Sie vor dem Bildschirm verbringen als Jugendlicher, desto weniger Empathie haben Sie für Eltern und Freunde." Dies sei nachgewiesen.

Spitzer vermarktet sich erfolgreich als Großinquisitor gegen die digitale Welt. Er kennt auch positive Entwicklungen im Lernbereich, aber in seinem Buch nennt er sie nicht. Sie würden die Wucht seiner Streitschrift schmälern. Sicher hat er recht, dass wir alle den technischen Verlockungen der ständig nachlegenden IT-Branche viel zu unkritisch aufsitzen. Aber hier geht es ja nicht ums Daddeln, sondern ums Lernen, wie sinnvoll man Computer im Unterricht benutzen kann.

Umgang mit digitalen Medien - Aufgabe des Bildungssystems

"Wenn ich später einen Job haben will, dann werde ich auch in Teilen voraussichtlich digital arbeiten müssen, und das kann ich dann nicht erst am Arbeitsplatz lernen", sagt Dräger. "Und da sehe ich eine Aufgabe - Umgang mit digitalen Medien - die unser Bildungssystem zu leisten hat."

Bei ihm gerät allerdings in den Hintergrund, dass Smartphone und Internet immer mehr die Freizeit von Jugendlichen beherrschen. "Wo samma denn?", fragt Manfred Spitzer. Das müssen wir Prof. Spitzer allerdings selber fragen. Nach unserem Interview erfahren wir, dass er im Beirat des digitalen Mathe-Lernmoduls Bettermark sitzt. Er hat die Einführung des Programms an Schulen, wie in Hamburg, ausdrücklich befürwortet. Sie bleibt spannend, die Debatte um unsere digitale Bildung.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 09.11.2015 | 22:45 Uhr

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