Stand: 22.09.2016 20:12 Uhr

"Glaubensfragen" an der Hamburger Uni

An der Hamburger Uni findet derzeit der 51. Deutsche Historikertag statt. Er ist der größte geisteswissenschaftliche Fachkongress Europas. Zentrales Thema sind in diesem Jahr "Glaubensfragen" - womit wir in einer zunehmend multikonfessionellen Gesellschaft sehr im Hier und Jetzt und nicht mehr nur im Historischen wären. Der Theologe Rolf Schieder hat am 22. September dort gesprochen.

NDR Kultur: Herr Schieder, Sie haben in Ihrem Vortrag die Frage aufgeworfen, ob zivilreligiöse Rituale in Deutschland einen Beitrag zur Integration leisten. Was ja sehr wünschenswert wäre. Was aber verstehen Sie unter zivil-religiösen Ritualen?

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Rolf Schieder ist Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Humboldt-Universität in Berlin.

Rolf Schieder: Das ist ein komplexer Begriff. Der Begriff Zivilreligion soll darauf hinweisen, dass es nicht nur Religionen in der Gestalt von Konfessionskirchen gibt - also katholische, evangelische und islamische Religion -, sondern dass auch ein Gemeinwesen einen Religionsbedarf hat. Bei der Zivilreligion geht es darum, danach zu fragen, ob und wie sich Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Gemeinwesen identifizieren, ob sie bereit sind, dafür gewisse Opfer zu bringen, ob die Werte des Gemeinwesens eine orientierende, eine motivierende und auch eine verpflichtende Kraft haben.

Wenn also Staat oder Nation nicht mehr einigend genug sind als Gemeinwesen, dient dann Religion als Kit?

Schieder: Die Frage ist, ob die Nation selber religiös aufgeladen wird und ob es zu einer Sakralisierung des Politischen kommt, oder ob die Religionsgemeinschaften selbst einen Beitrag dazu leisten, dass die Gläubigen sich als verantwortliche Bürgerinnen und Bürger fühlen.

In Deutschland sind Staat und Religion nicht besonders strikt getrennt - es gibt zumindest eine sehr innige Kooperation. Wer nimmt in diesem Spannungsfeld welche Funktion ein? Ist Staat da in erster Linie organisierend für die Religion tätig?

Schieder: Das Interessante in Deutschland - nach dem Faschismus - ist eigentlich, dass die Politik sich aus der religiösen Aufladung des Politischen, aber auch von allen Ritualen, die mit dem Politischen verbunden sind, stark zurückgezogen hat. Man hat versucht, die Flagge, die Nationalhymne, all dieses sehr niedrig zu hängen, wenig in die Öffentlichkeit zu bringen, immer aus der Angst, dass das Politische religiös überladen wird. Man hat in der Bundesrepublik, wann immer das Gemeinwesen sich seiner Grundlagen vergewissern wollte, die Kirchen eingeladen, bestimmte Rituale mitzuvollziehen. Klassisches Beispiel ist der Tod eines Soldaten: Man bahrt diesen Sarg in der Kirche auf, es findet ein Gottesdienst statt. Das bedeutet aber, dass nicht der Staat selbst dieses Ritual vollzieht, sondern in Kooperation mit den Kirchen.

Sie haben heute die Frage aufgeworfen, ob solche zivilreligiösen Rituale Integration stiften können. Wenn wir von Integration sprechen, sprechen wir im Moment in erster Linie von Spracherwerb, von Wohnraum, von Arbeit - also Aufgaben des Staates, des Gemeinwesens. Religion ist eher eine Privatsache. Sollte sich da der Staat nicht lieber raushalten?

Schieder: Ich habe die Frage aufgeworfen im Zusammenhang mit den Trauerfeiern, die etwa beim Absturz der German-Wings-Maschine im Kölner Dom gehalten wurden. Oder die Trauerfeier, die in der Münchener Frauenkirche stattfand, nachdem ein junger Mann Amok lief und neun Menschen getötet hat. Interessanterweise ist das Gemeinwesen dann in seiner Vertrauensbasis zutiefst erschüttert und das Bedürfnis nach einem öffentlichen Ritual ist sehr groß. Dass Religion Privatsache sei, stimmt insofern, als Religion eine Frage der freien Wahl ist. Aber es gibt immer auch ein Bedürfnis des Gemeinwesens nach einer religiösen Repräsentation. Und immer dann, wenn es Katastrophen gibt, wenn die mentalen, imaginären Grundlagen des Gemeinsamen erschüttert sind, müssen sie wieder rituell erneuert werden, der Glaube daran muss gestärkt werden. Und da finden immer Rituale statt, die man zivilreligiöse Rituale nennt. Interessanterweise werden in Deutschland diese Rituale so durchgeführt, dass die Religionsgemeinschaften daran beteiligt werden. Die Frage, die ich stellte, war: Wie kann in einem Land, wo es Katholiken, Protestanten, Juden, Muslime und Konfessionslose gibt, eigentlich ein Gemeinschaftsgefühl entstehen? Es ist interessant, dass beispielsweise bei der Trauerfeier in München eine Muslima ein Gebet in einer katholischen Kirche gesprochen hat und der katholische Kardinal aber sagte: Diese Kirche gehört gar nicht uns, sondern die Kirche gehört der Stadt.

Ist das Ökumene auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner?

Schieder: Nein, nicht kleinster gemeinsamer Nenner, sondern im Grunde ist der Gott, der auch in unseren Verfassungen genannt wird, kein katholischer, protestantischer Gott, sondern es ist ein dogmatisch unbestimmter Gott. Das heißt aber nicht, dass er inhaltslos wäre. Sondern die Erwartung ist, dass die einzelnen Gläubigen - seien sie katholisch, evangelisch, muslimisch - ihrerseits diesen dogmatisch unbestimmten Gott des Gemeinwesens mit den Traditionen ihres eigenen Glaubens füllen und sich da aber mit dem Gemeinwesen identifizieren können. Die Muslima sagte zum Beispiel: Wir sind alle Kinder Adams. Das ist etwas, was Muslime, Juden, Christen verbindet, dass sie glauben, es gibt einen gemeinsamen Schöpfer. Man könnte auch sagen, dass die Zivilreligion Deutschlands im Grunde im ersten Artikel unseres Grundgesetzes sehr schön dargestellt ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und wenn ein Amokläufer die Würde der Menschen antastet, ist das Bedürfnis danach, dem öffentlich zu widersprechen, enorm. In Deutschland geschieht das eben häufig unter Beteiligung der Religionsgemeinschaften.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

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