Stand: 21.07.2015 19:18 Uhr

Rechter Terror: Was für ein Theater

Rechtsextremistischer Terror auf der Theaterbühne und das auch noch als Western? Christiane Mudras Stück "Wie waren nie weg“ thematisiert die Kontinuität organisierten rechten Terrors vom Münchner Oktoberfestattentat 1980 bis zur Mordserie des NSU in ungewöhnlicher Form. Gespielt wird "Wir waren nie weg. Eine Blaupause“ nicht etwa im Theater, sondern an Originalschauplätzen in München. Der Zuschauer ist hautnah dabei. Wir haben mit der Dramaturgin und Regisseurin Christiane Mudra über ihre dokumentarische Theaterperformance gesprochen.

Frau Mudra, was hat man sich unter einem "heimattreuem Western" vorzustellen?

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Christiane Mudra ist überzeugt, dass gerade Originaltöne einen anderen Blick auf rechten Terror und die entsprechenden Ermittlungen eröffnen.

Für "Wir waren nie weg“ - dem ersten Teil einer Trilogie - habe ich die Form des Italo-Westerns gewählt. Zum einen gibt es in dem Stück Actionszenen, die immer wieder von Momenten langer Stille unterbrochen werden. Es gibt sehr konzentrierte, informationsreiche Szenen, und dann wieder Passagen, in denen der Zuschauer geht, zum Teil musikalisch begleitet von einer dreiköpfigen Klezmer-Band. Ein Hauptmotiv sind die scherenschnittartigen Charaktere, die ich gewählt habe: den Sheriff, der für die Sicherheitsbehörden steht, oder den Gangster, der die neonazistischen Akteure repräsentiert. Diese Figuren in dem Western haben allerdings Texte, die reine Original-Töne sind. Wir beginnen mit Tönen von 1980 und darunter werden Töne aus den jetzigen Untersuchungsausschüssen zum jetzigen NSU geschnitten.

Das Stück wird an Originalschauplätzen in München gespielt und endet im Theater. Warum haben Sie sich für diese Spielorte entschieden?

Die Tour startet am Tatort des Mordes an Theodoros Boulgarides an der Trappentreustraße, führt dann weiter am Oktoberfestdenkmal vorbei, wo 1980 der Bombenanschlag stattfand, an dem Büro der AVÖ, das war ein Neonazitreff Anfang der 90er-Jahre, vorbei und führt dann schließlich ins Theater, wo es dann den Showdown gibt. Die Zuschauer gehen zu Fuß und benutzen zum Teil auch öffentliche Verkehrsmittel. Das Ganze ist - mit einem leichten ironischen Augenzwinkern - ein Abendspaziergang.

Was möchten Sie mit Ihrem Stück erreichen? Was ist das Ziel der Trilogie?

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Motive und Form des Stückes sind bewusst an Italo-Western angelehnt.

Ich möchte zum einen diese ganzen Originalzitate, die teilweise so unglaublich sind, dass ich sie gar nicht bearbeiten möchte, den Zuschauern näher bringen. Ich glaube, wenn man Original-Töne hört, kann man Fakten und Entwicklungen noch einmal ganz anders bewerten als wenn man eine Zusammenfassung in der Zeitung liest. Das hat mir auch viel gegeben, bei diesen Ausschüssen und im Münchener Prozess dabei zu sein, weil ich mir dadurch ein ganz anderes Bild von Aussagen machen kann. Ich möchte auch diesen Wust an Fakten ein bisschen bündeln, damit die Leute einen Überblick haben. Ich habe mich natürlich für bestimmte Taten und Aspekte entscheiden müssen, aber dass man an einzelnen, exemplarischen Fällen einen Blick in die Problematik bekommt, das ist mein Ziel.

Sie ziehen eine Kontinuität zwischen dem Attentat während des Oktoberfestes 1980 hin zum heutigen NSU, nennen Ihr Stück im Titel auch "eine Blaupause". Besteht da nicht die Gefahr der Vermischung zwischen zwei Ereignissen, die eigentlich keinen direkten Zusammenhang haben.

Ich sehe da sehr wohl Zusammenhänge. Beides sind rechtsterroristische Attentate, die über lange Zeit entweder nicht entdeckt oder nicht ausermittelt wurden. Es gibt in beiden Fällen ganz viele Zeugenaussagen, die entweder nicht ernstgenommen oder nicht weiterverfolgt wurden, es wurden in beiden Fällen oftmals keine Phantombilder erstellt, die man hätte erstellen können. Es wird und wurde in beiden Fällen von Einzeltätern oder einer isolierten Zelle gesprochen, die Netzwerke werden ausgeblendet. In beiden Fällen sind die Täter tot, in beiden Fällen gibt es viele tote Zeugen, in beiden Fällen werden die Ermittlungen bis heute massiv blockiert. Man argumentiert immer wieder mit dem Quellenschutz. Im Fall des Oktoberfestattentats, das 35 Jahre zurück liegt, werden auch heute Informationen, die V-Leute im Umfeld der Attentäter nicht offengelegt. Ich sehe da sehr viele Parallelen.

Wie ist die Resonanz auf das angekündigte Stück?

Die Resonanz ist sehr gut. Die Premiere und die zweite Vorstellung sind schon ausverkauft. Und auch für die weiteren Vorstellungen gibt es schon zahlreiche Anmeldungen. Das Interesse ist sehr groß.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 22.07.2015 | 16:20 Uhr