"Pygmalion" am Thalia: In der Form erstickt

von Heide Soltau
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Die Premiere von "Pygmalion" endete mit Buhrufen.

Es war ein enttäuschender und - schlimmer noch - ein dürftiger Abend, der mit Buhrufen für die Regisseure endete: die Premiere des Stücks "Pygmalion" am Sonnabend am Hamburger Thalia Theater. Die Vorstellung dauerte nur knapp anderthalb Stunden, aber gefühlt waren es weitaus mehr. Der Beifall fiel dementsprechend matt aus. "Die armen Schauspieler. Die müssen all den Gammel spielen", kommentierte ein Zuschauer. "Das Stück kenne ich überhaupt nicht wieder", schimpfte ein anderer.

Verheißungsvoller Beginn

Dabei hatte es verheißungsvoll angefangen. Die Bühne: ein holzgetäfelter Raum, der an eine aufgeschnittene Röhre erinnert. Darin Bücherstapel, zwei Stühle und acht Schauspieler, die sich wie aufgezogene Puppen hektisch-munter und geziert bewegen. Sie trinken Kaffee, begrüßen sich mit Küsschen, schlagen die Beine übereinander, lächeln und nicken, lächeln auch über Konflikte hinweg und stoßen seltsame Laute aus: "ach, oh, uh". Eine Party oder ein Empfang. Die Veranstaltung folgt den Gesetzen einer geheimen Choreografie, die aber alle Gäste mehr oder minder gut zu kennen scheinen. Bis Eliza auftritt in Gestalt des Schauspielers Kristof van Boven. Er kennt die Gesetze nicht, aber er will sie lernen, weil er dazu gehören will und muss, wenn er aufsteigen will.

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Regie führte das aus Estland stammende Künstlerduo Tiit Ojasoo und Ene Liis Semper.

Die Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo haben die bekannte Geschichte von George Bernard Shaw in ein anderes Milieu verlegt. Bei ihnen sind die Männer Frauen und die Frauen Männer und Eliza ist kein armes Blumenmädchen, sondern ein Fremder, der lernen will, sich in einer ihm völlig unbekannten Kultur so zu bewegen wie die privilegierten Einheimischen. Professorin Higgins soll ihm dabei helfen.

Idee strapaziert

Für zehn Minuten trägt das Konzept. Die Schauspieler flitzen herum und reproduzieren unaufhörlich die absurden Rituale der besseren Gesellschaft und zerren an Eliza herum. Damit fassen die beiden estnischen Regisseure die Verhältnisse, in denen wir leben, überdeutlich in ein Bild: Sie zeigen das reiche, mit sich beschäftigte Europa, das dem Fremden hilft und ihm Lernprogramme gnadenlos überstülpt, ohne sich für den Menschen dahinter zu interessieren. Aber viel mehr fällt dem Regieduo zu Shaws "Pygmalion" nicht ein. Sie strapazieren diese Idee durch ständige Wiederholungen, bis sie schließlich zur Masche verkommt und das Herumgerenne auf der Bühne nervt.

Kein Funken Begeisterung?

Die Schauspieler mühen sich ab, aber Funken schlagen können sie aus dieser Inszenierung nicht. Der Abend endet dann noch mit einem schönen Bild. Professorin Higgins sitzt allein auf ihren Bücherbergen, die anderen haben sie verlassen, in der Hand eine Kaffeetasse, das Lächeln zu einer Fratze erstarrt. Der Fremde erscheint noch einmal, wieder in seinem Anzug. Das Publikum sieht ihn von hinten und man hört ihn singen: The End von den Doors. Unfassbar, weil die Regisseure das Schlussbild damit zukleistern und den Abend auch noch verkitschen. Schlimm!

Eliza - nicht nur Audrey Hepburns Paraderolle

"Pygmalion" am Thalia: In der Form erstickt

Buhrufe und enttäuschte Stimmen: Die Premiere von "Pygmalion" am Sonnabend am Hamburger Thalia Theater war kein Erfolg. Dabei fing das Stück nach George Bernard Shaw so vielversprechend an.

Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor 1
20095  Hamburg
Preis:
Zwischen 15 und 74 Euro
Kartenverkauf:
Montag bis Samstag von 10 bis 19 Uhr
Sonn- und Feiertage von 16 bis 18 Uhr
Kartentelefon 040. 32 81 44 44
theaterkasse@thalia-theater.de
Hinweis:
Regie
Tiit Ojasoo
Ene-Liis Semper

Ausstattung
Tiit Ojasoo
Ene-Liis Semper

Musik
Vaiko Eplik

Dramaturgie
Sandra Küpper

Darsteller
Alicia Aumüller
Kristof Van Boven
Marina Galic
Franziska Hartmann
Sven Schelker
Alexander Simon
Rafael Stachowiak
Oda Thormeyer
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