Stand: 16.08.2017 13:46 Uhr

Pulitzerpreisträger Nguyen im Gespräch

Viet Thanh Nguyen ist ein Mann mit zwei Seelen. Der 46-jährige Schriftsteller kam nach dem Fall von Saigon in die USA, wo er zwischen vietnamesischem Elternhaus und amerikanischem Alltag aufwuchs und sich mal als "Spion" in der einen Welt fühlte, mal in der anderen. Der namenlose Ich-Erzähler seines mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Debüts ist ein Spion, und "Der Sympathisant“ ist Politsatire, Trauma-Analyse und Thriller zugleich.

Sie sind stolz darauf, ein Flüchtling zu sein - warum?

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Viet Thanh Nguyen

Viet Thanh Nguyen: Ich bin ein Flüchtling, ich bin kein Immigrant. Meine Geschichte ist die eines Menschen, der 1975 als Vierjähriger in Folge des Vietnamkriegs in die Vereinigten Staaten gebracht wurde und schnell merkte, dass die Leute sich vor Flüchtlingen entweder fürchten oder sie verachten. Ich hatte nie das Bedürfnis, mich und meine Geschichte zu verleugnen. Ich beschloss stattdessen, stolz darauf zu sein und andere zum Nachdenken dazu anzuregen, warum es so viele Flüchtlinge in so vielen Ländern gibt. Ich wollte und will die Menschen daran erinnern, dass Flüchtlinge Hilfe und Hoffnung brauchen. Und wenn ich stolz darauf bin, ein Flüchtling zu sein, kann ich andere dazu ermuntern, es ebenfalls zu sein. So können wir uns für all die Flüchtlinge einsetzen, die noch kommen werden.

Warum haben Sie statt über Ihre Erfahrungen einen Spionageroman geschrieben?

Nguyen: Mein Leben war bisher nicht besonders interessant. Ich mag mich emotional verloren gefühlt haben, aber im Gegensatz zu meinen Eltern habe ich keine Dramen erlebt. Deshalb hatte ich auch keine Lust, darüber zu schreiben. Außerdem wird von Angehörigen einer Minderheit, von Immigranten oder Flüchtlingen, immer erwartet, dass sie zuallererst und vor allem über sich selber schreiben. Diese Erwartung wollte ich enttäuschen. Ich wollte beweisen, dass ich über alles Mögliche schreiben kann. Und ich wollte unterhalten. Ich liebe Spionageromane. "Der Sympathisant" ist ein Spionageroman. Es ist auch ein politischer Roman und ein historischer Roman und noch einiges mehr, alles in einem. Ich wollte also in erster Linie unterhalten und dann über die Vielzahl politischer und historischer Aspekte nachdenken, die der Roman beleuchtet.

Der Spion in "Der Sympathisant" wird zum unfreiwilligen Verräter an Vietnamesen und Amerikanern, weil ihn wie Sie eine gespaltene Persönlichkeit plagt. Haben Sie sich je wie ein Spion, wie ein Verräter gefühlt?

Nguyen: Während ich aufwuchs, kam ich mir tatsächlich vor wie ein Spion. Zuhause spionierte ich meine vietnamesischen Eltern und ihre merkwürdigen Sitten und Gebräuche aus. In der Schule spionierte ich die merkwürdigen Sitten und Gebräuche der Amerikaner aus. Und zum Verräter drohe ich auch als Schriftsteller und Angehöriger einer sogenannten Minderheit zu werden, nämlich, wenn ich die Geheimnisse meiner Minderheit der Mehrheit verrate, für die ich schreibe. Um das zu vermeiden, habe ich meinem Roman die Form eines Geständnisses geben, das ein Vietnamese einem anderen Vietnamesen macht. Ich erkläre den Amerikanern also nicht die Vietnamesen, sondern erzähle einem Vietnamesen eine Menge über Amerikaner. Und als Leser sind Amerikaner dem ebenso ausgeliefert wie jeder andere auf der Welt, der dieses Buch liest. Das war meine Strategie. Es geschieht eine Art von Verrat, aber anstatt nur eine Seite werden darin alle Seiten verraten.

Wir sprechen oft von "der Flüchtlingserfahrung" - als würden alle Menschen, die sich auf der Flucht befinden, dieselbe Erfahrung machen. Inwieweit betrachten Sie Literatur als Mittel, diesen Menschen ihren Individualismus zurückzugeben?

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Spion mit Selbstzweifeln

"Der Sympathisant" ist ein Doppelagent unter Vietnamesen in den USA. Viet Thanh Nguyen gelingt ein bewegender Roman über die Identitätskrise eines Einzelnen wie einer Volksgruppe. mehr

Nguyen: Literatur ist nicht sehr interessant, wenn sie in gewaltigen Allegorien über "die Flüchtlinge" als gesichtslose Masse spricht. Doch indem Literatur Individuen oder Gruppen von Individuen erschafft, mit denen wir uns identifizieren, für die wir Mitgefühl empfinden können, ermöglicht sie es uns, diese Figuren als Menschen zu erkennen. Das ist etwas, was ich in "Der Sympathisant" versuche. Zugleich tue ich aber auch das genaue Gegenteil davon. Ich weiß, dass die Leute denken: "Viet ist ein vietnamesischer Flüchtling, er wird anderen vietnamesischen Flüchtlingen für uns ein menschliches Gesicht verleihen, wir werden diese vietnamesischen Flüchtlinge lieben, sie sind wie wir!" Das stimmt aber nicht ganz. Deshalb habe ich einen Protagonisten kreiert, der zwar sehr sympathisch ist, aber auch fürchterliche Dinge tut. Er ist ein Wesen voller Widersprüche, wie es eben zur menschlichen Natur gehört. Dasselbe gilt für reale Flüchtlinge. Wir sollten aufhören, von ihnen zu erwarten, dass sie allesamt nobel und gut sind. Wenn wir sie in den Status von Engeln erheben, ist es geradezu unvermeidlich, dass manche von ihnen Unengelhaftes tun, was natürlich die Feindlichkeit ihnen gegenüber weiter fördert. Wir müssen Flüchtlinge in ihrer komplexen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit akzeptieren.

Hannah Arendt hat Flüchtlinge in ihrem Essay als "Avantgarde ihrer Völker" bezeichnet. Das, was ihnen passiert ist, könne jedem anderen passieren, so ihre These. Würden Sie dem zustimmen?

Nguyen: Ja. Aber sie sind eine beängstigende Avantgarde. Die Leute begegnen Flüchtlingen und sehen unbewusst, was ihnen selber blühen könnte: Dass nämlich alles, was für sie bisher selbstverständlich war, sich in Luft auflösen könnte. Was werde ich dann tun? Statt mit Mitgefühl, reagieren die Leute nun aber mit Angst, mit Angst vor dem, was ihnen selber zustoßen könnte. Der Philosoph Giorgio Agamben spricht vom Flüchtlingsdasein als einem "existentiellen Ausnahmezustand". Aber bei weltweit 66 Millionen Vertriebenen.

65,6 Millionen laut dem UNO Hochkommissariat für Flüchtlinge …

Nguyen: Es ist jedenfalls ein sehr substantieller Teil der Erdbevölkerung und eine Warnung, dass unser System mit Nationalstaaten zusammenbrechen könnte. Wir leben in einer Zeit, in der längst nicht mehr nur Kriege Menschen vertreiben. Wir wissen, dass zunehmend Klimakatastrophen zur Bewegung ganzer Völker führen werden. Diesen Bewegungen werden unsere nationalen Grenzen nicht widerstehen können. Da helfen auch keine Mauern. Was also tun, wenn das Flüchtlingsdasein zu einem universellen Zustand wird? Wir müssen das Warnsignal erkennen und uns Gedanken darüber machen, wie wir uns gesellschaftlich und politisch neu organisieren. Und wir sollten uns psychisch auf diese Veränderung in unserer Welt vorbereiten.

Wäre es ein Schritt in diese Richtung, wenn wir Identität nicht mehr mit Nationalität gleichsetzen würden?

Nguyen: Ich glaube schon. Eine Identität besteht aus so vielen Elementen. Das Land, aus dem man stammt, ist nur eines davon. Das Problem ist, das wir uns derart auf dieses eine Element eingeschworen haben. Wir sind Amerikaner, wir sind Deutsche, wir sind was auch immer, wo wir doch eine Vielzahl von Dingen sind. Ich hoffe, dass der Reisepass eines Tages verschwindet und Länder wie Städte sein werden. Dann wird das Land nur eine von vielen Identitäten sein, die wir haben, und wir werden uns deshalb nicht mehr bekämpfen und töten.

Das Gespräch führte Sacha Verna

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 19.08.2017 | 18:00 Uhr

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