Stand: 11.10.2016 16:23 Uhr

Essen als Kult: "Eine notwendige Debatte"

Unser Essen ist von Geboten umstellt, und manche pflegen es wie einen Kult - vielleicht als Ersatz für Rituale, die verlorengegangen sind? Was steckt dahinter? Welchen Sinn kann das haben: Essen als Kult? Darum geht es in der aktuellen NDR Debatte - und im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler und Journalisten Peter Peter, dem wir Bücher über die Kulturgeschichte der deutschen, der österreichischen, der italienischen Küche verdanken.

NDR Kultur: Herr Peter, welche Gefühle keimen in Ihnen auf, wenn sie die gegenwärtigen Ernährungsdebatten verfolgen?

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In Deutschland hat eine "Entfremdung vom gesunden Essen" stattgefunden, sagt der Kulturwissenschaftler Peter Peter.

Peter Peter: Ich muss zunächst daran denken, dass es schon auffällig ist, dass diese Debatten vor allen Dingen in Ländern stattfindet, die - ich übertreibe - eine gestörte Ernährung haben, wo die Wurzeln der Ernährung, die Beziehung zum Bäuerlichen, zu den einfachen Produkten weitgehend verlorengegangen ist und durch einen Supermarkteinkauf ersetzt wurde. Wenn man ganz bösartig ist, könnte man die Debatte als hysterisch bezeichnen - möchte ich aber nicht tun, denn ich finde sie sehr nützlich und notwendig. Sie ist eine Reaktion auf eine, zum Teil dramatische, Entfremdung vom gesunden Essen.

Ist es übertrieben, wenn wir so weit gehen zu vermuten, es sei ein wahrer Kult ums Essen entstanden, aus dem von Ihnen geschilderten Grund heraus, dass man sich dem unmittelbaren Zugang entfremdet hat?

Peter: Ich glaube, da haben Sie sehr Recht mit dem Kult. Ich glaube auch, das Essen ist einer dieser nicht mehr nur privaten, sondern auch politisierten Bereiche, aber ein Bereich, wo man nicht gleich die ganze Welt verändern muss, sondern wo man für sich persönlich jeden Tag abstimmten kann, was man isst. Wo man für sich persönlich ein gutes Gefühl haben kann, wo man selber entscheiden kann. Das ist etwas Neues. Der Gastrosoph und Philosoph Harald Lemke hat gesagt, dass Essen und Trinken eine der großen Wahlfreiheiten unserer Zeit ist. Das war nicht immer so: Früher wussten wir ziemlich genau, was wir essen sollten.

Man hat inzwischen den Eindruck, nur das Falsche essen zu können - vorausgesetzt man informiert sich umfassend genug. Nahezu jedes Lebens- oder Nahrungsmittel findet sich auf irgendeiner Verbotsliste wieder. Wie hat es nur so weit kommen können?

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Peter: Das sind Gesetzmäßigkeiten. Das Eine ist der Informationsschwall, der zum Teil zu einer Überinformation führt. Wenn Sie lange genug checken, finden Sie positive sowie negative Aussagen zu jedem Nahrungsmittel. Ein bisschen ist es auch - und das ist auch legitim - ein gewisser journalistischer Selbstzweck, Leute ein bisschen zu verunsichern. Aber natürlich ist das auch nicht alles aus der Luft gegriffen. Wir haben leider ein Generalmisstrauen gegenüber Produkten der Lebensmittelindustrie aufgebaut - das hängt mit realen Lebensmittelskandalen zusammen, zum Teil mit einer irrealen Angst. Es ist eine Gemengelage, die das sehr verständlich macht.

Könnte man diese irreale Angst versuchsweise mit der Beobachtung zusammendenken, dass hier kultische Elemente am Werk sind, Ausweichbewegungen vielleicht, weil so etwas wie die Religion im Alltag nicht mehr so eine große Rolle spielt? Sind das Projektionen, die wir da beobachten können? Oder wäre das eine Überhöhung der Deutung?

Peter: "Projektion" ist ein schönes Wort. Religion hat lange Zeit das Essen und Trinken bestimmt - das tut sie ja heute noch, in einem viel stärkeren Maße im Islam, im Judentum oder auch im Hinduismus. Diese frühen Religionen haben zum Teil Verzicht, Askese, Fasten gepredigt. Es ist sehr erstaunlich, dass jetzt auf weltliche Art und Weise ganz ähnliche Bewegungen zustande kommen. Ich glaube, dass vor allen Dingen die neuen Medien da eine ganz wichtige Rolle spielen: Wenn man abnehmen will und macht es nur für sich selber, dann ist die Frage, ob man es schafft. Wenn man es aber allen erzählt, dann hat man eine ganz andere Chance. Und gerade diese Fastenkreise mit all den Followern, man kann posten, wie man aussieht - das spielt eine ganz wichtige Rolle. Das heißt, man ist in einer "religiösen Gemeinschaft".

Selbst Vegetarier sind vor Jahren noch Außenseiter gewesen. Nun ist der Veganismus ganz offensiv in der Gesellschaft nach oben gekommen. Es drückt sich mancher Fleischesser verschämt in die Ecke. Ist das allein zu erklären durch den Umstand, dass wir in sozialen Netzwerken uns nur zu solchen Gemeinschaften zusammenfinden können? Da muss doch noch ein bisschen mehr dahinterstecken.

Peter: Da haben Sie natürlich Recht: Die sozialen Netzwerke transportieren das Ganze nur. Es kommt ein neues ethisches Verantwortungsgefühl. Wir lesen über extensive Viehzucht, die die Umwelt belastet. Wir werden auch immer mehr informiert, wie tierquälerisch es in Schlachthäusern und Tierfabriken zugeht. Das haben wir früher oft nicht wahrnehmen wollen. Es kommt aber auch ein neues Gesundheits-, Schlankheitsideal dazu. Es sind also eine Menge Einflüsse, die unsere Ernährungsgewohnheiten stark verändern. Früher war die Ernährung so ein lustvoller Freiraum, wo man nicht viel nachgedacht hat. Jetzt ist auch das ein Bereich, der einem ständigen Checken unterliegt, das natürlich anstrengend sein kann.

Jetzt führen wir schon eine NDR Debatte über die Ernährung - treiben wir Deutschen es vielleicht besonders bunt mit dem Kult um diese Fragen und auch besonders freudlos? Als das Essen hierzulande nicht so im Vordergrund stand, vermutete man die kultische Verehrung für den richtigen Sugo zur Pasta eher in Italien. Ist da wieder der deutsche Perfektionismus im Spiel?

Peter: Teilweise denke ich das schon, wenn ich in Szenelokale gehe, wo man auch "belehrt" wird, wie ethisch verantwortungsvoll das Gemüse oder das Stück Schweinefleisch ausgesucht wurde. Sie kenn ja den Brecht-Spruch: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Oft habe ich das Gefühl, es ist bei uns umgekehrt: Erst kommt die Moral, das Nachdenken darüber und dann erst das Mahl. Das ist eine Tendenz, die aus den USA kommt. Sie passt teilweise auch zur Lebensmittelindustrie, die für diese neuen Essängste "Health Food" und spezielle Nahrungsersatzstoffe parat hält. Sie findet bei uns natürlich stärker statt, als in Indien oder in mediterranen Ländern, die eine ganz traditionelle Nahrung pflegen.

Wird das Ganze noch zunehmen? Bei der Health-Food-Industrie werden ja heillose Versprechen in die Welt gesetzt.

Peter: Es ist eine schöne Methode, Käse, der nicht aus Milch ist, auf den Markt zu bringen. Ich glaube aber, dass es tatsächlich zunehmen wird, dass es ein Werbeargument ist. Es ist natürlich auch eine Möglichkeit der Selbstdarstellung. Es wird sich also auf gewisse Weise noch ausbreiten, wenn es auch Gegenbewegungen gibt.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 11.10.2016 | 19:00 Uhr

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