Stand: 06.04.2017 10:46 Uhr

Fantasievoller Bühnen-Trash am Schauspielhaus

von Peter Helling

Ostern steht vor der Tür - und wer noch einen Funken Glauben besitzt, der verbindet damit mehr als Ostereier und Lammbraten: Es ist der dramaturgische Höhepunkt des Kirchenjahres, Christi Tod und Auferstehung werden gefeiert. Was normalerweise in die Kirchen gehört, das holte jetzt das Deutsche Schauspielhaus in seine ehrwürdigen Hallen: "Passionsspiele" heißt der Theaterabend in der Regie von Ensemblemitglied Bastian Reiber - ein nicht allzu ernster Versuch, sich dem Mysterium Ostern zu nähern.

Männer mit langen Gewändern und Bärten performen für die "Passionsspiele" im Schauspielhaus Hamburg.

"Passionsspiele" feiern Premiere

Hamburg Journal -

Mit einer Inszenierung der "Passionsspiele" am Schauspielhaus debütiert Bastian Reiber als Regisseur an Deutschlands größter Theaterbühne - ein Abend mit viel Trash und Fantasie.

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Das Ensemble der "Passionsspiele" muss eine peinliche Panne überbrücken - und erfindet unter anderem eine Pausennummer mit einem fliegenden Hasen.

Zunächst ist der Bühnenvorhang geschlossen, ein Licht fällt darauf. Dann: in Kino-Format erscheint ein wackeliges Livebild. Die Kamera zeigt sandalenbekleidete, nackte Füße, bewegt sich langsam und buchstäblich hautnah höher, gleitet über ein schimmerndes Gewand, landet bei offenbar durchbohrten Händen - und bei goldenen langen Haaren. Es ist der Herr! Rechts in einer mit Gipsputten geschmückten Loge stellt sich ein biblischer Chor auf, ein Engel mit weißen Flügeln, Apostel mit prächtigen Bärten, in golddurchwirkten Roben. Alles verspricht eine perfekte Bibelshow. Kurz kommt beim Zuschauer der Gedanke auf, dass dies ernst gemeint sein könne. Aber dann, eine Panne!

Panne statt Passionsspiele

Der eiserne Vorhang - die feuersichere Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne - funktioniert nämlich nicht. Er klemmt und bleibt einen Meter über dem Bühnenboden stecken. Auf der Bühne dahinter ahnt man Holzgerüste und Strohballen. So ohne freie Sicht können die Passionsspiele nicht stattfinden. Doch: Die Panne ist nicht wirklich eine Panne.

Stück dreht sich ums Theater selbst

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Der eiserne Vorhang klemmt - und solange er sich nicht hochfahren lässt, muss die Bühnentruppe um Jesus (gespielt von Bastian Reiber) improvisieren.

Hirnen wir nicht allzu viel in diesen Gaga-Abend hinein, der nämlich gar nicht um Jesus kreist, sondern um das Theater selbst. Die lustige Bibeltruppe um Regisseur und Schauspieler Bastian Reiber versucht alles, um die Peinlichkeit der Pause, die durch die Panne entsteht, zu überbrücken und das Publikum abzulenken. Das ist die ganze Handlung. Die Engel, Apostel und die Mutter Jesu drehen langsam durch, Jesus selbst - alias Bastian Reiber - stirbt fast vor Scham. Das ist schon sehr komisch.

"Gaga, absolut gaga!"

Wie ein Improtheater-Workshop für chronisch Unbegabte erfinden sie Pausennummern mit einem fliegenden Hasen, Jesus erzählt sehr schlechte Witze und die Bärte lösen sich langsam von den Gesichtern der Schauspieler. "Eigentlich ist es totaler Schwachsinn", meint eine Zuschauerin. "Aber es ist gut gemacht!" Eine andere sagt begeistert: "Unglaublich! So was Blödes, aber so witzig!" Und ein Herr aus dem Publikum fasst das Stück mit den Worten zusammen: "Gaga, absolut gaga!"

Der Schluss reißt alles raus

Bitte suchen Sie nicht nach Sinn, den gibt es nicht. Man muss es erleben - oder ertragen, je nachdem. Bis irgendwann Maria beherzt zum Bohrer greift und den eisernen Vorhang repariert. Hurra! Dieser Pannenabend hat dann doch ein paar spürbare Durchhänger. "Das Stück hatte teilweise ein paar Längen", meint einer der Zuschauer. "Aber der Schluss hat alles rausgerissen." Wenn der eiserne Vorhang endlich wieder oben ist, gähnt dahinter plötzlich absolute Schwärze. Das Nichts. Ein Hauch, aber immerhin ein Hauch Bedeutung weht da durch das Schauspielhaus. Dann, der Höhepunkt: Eine leuchtende Glühbirne wird von oben in die Schwärze herabgelassen, wie das Licht des Lebens. Doch plötzlich ist die Birne kaputt. Wie zu Wagners "Lohengrin" zwei Pandabären diese Birne reparieren, das muss man gesehen haben. Die "Passionsspiele" am Schauspielhaus sind ein fantasievolles Stück Bühnen-Trash. Ziemlicher Blödsinn, aber was für einer. Ostern kann kommen.

Fantasievoller Bühnen-Trash am Schauspielhaus

Die "Passionsspiele" am Hamburger Schauspielhaus sind ein nicht allzu ernster Versuch, sich dem Mysterium Ostern zu nähern - mit viel Komik, einigen Längen und einem phänomenalen Schluss.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
E-Mail:
Feedback: kontakt@schauspielhaus.de
Preis:
9 bis 29 Euro
Kartenverkauf:
Kartenbüro: Mo bis Sa 10 - 19 Uhr
Abo-Büro: Mo bis Sa 10 - 18 Uhr
Abendkasse: jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn
E-Mail: kartenservice@schauspielhaus.de
oder über die Seite des Veranstalters
Hinweis:
Passionsspiele
von und mit Bastian Reiber

Es spielen: Jonas Hien, Christoph Jöde, Anne Müller, Bastian Reiber, Angelika Richter, Michael Weber
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 06.04.2017 | 19:00 Uhr

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