Stand: 08.06.2017 18:03 Uhr

Radikalisierungsprävention: "Es gibt viele Erfolge"

Der radikale Salafismus gewinnt an Boden, von einer "neosalafistischen Mobilisierung" ist sogar die Rede. Eine Herausforderung für die Sicherheitsbehörden, für die Politik, eine immense Herausforderung aber auch für jene, die verhindern wollen, dass junge Menschen überhaupt erst radikal werden.

Zwei Tage lang diskutieren Fachleute in Hannover über die Praxis der Radikalisierungsprävention, unter ihnen Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie an der Uni Osnabrück.

Herr Kiefer, wie läuft gelungene Radikalisierungsprävention idealerweise ab, welche Instrumente kommen da zum Einsatz?

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Michael Kiefer ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Radikalisierungsprävention.

Michael Kiefer: Gelungene Radikalisierungsprävention ist eine, die deutlich im Vorfeld einer möglichen Radikalisierung ansetzt und diese Prozesse schon im Keim erstickt oder zumindest unterbricht. Das ist natürlich ein voraussetzungsreiches Unterfangen. Es ist zunächst zu beachten, dass alle Akteure einen klaren Präventionsbegriff haben müssen. Sie müssen genau wissen: Was gilt es zu verhindern? Welche Entwicklungen sind möglicherweise problematisch?

Desweiteren ist es wichtig, dass Präventionsakteure gemeinsam ihre Ziele teilen. Man muss wissen, was man verhindern möchte und auf welchem Weg. Und wenn hier Einigkeit besteht und alle relevanten Akteure auch miteinander kooperieren, dann kann man tatsächlich einiges machen. Es klappt nicht immer, aber in vielen Fällen ist es erfolgreich.

Wie findet man denn heraus, auf welche Person Prävention konkret zielen müsste?

Kiefer: Wir unterscheiden in der Radikalisierungsprävention, wie in anderen Bereichen auch, drei Formate von Prävention. Die primäre Prävention richtet sich mehr oder weniger an alle - wir haben hier keine Zielgruppenspezifik. In der sekundären Prävention sieht das schon etwas anders aus. Hier befassen wir uns mit Menschen, die Belastungen aufweisen. Wenn wir zum Beispiel feststellen können, dass Radikalisierungen in einem Stadtteil immer wieder vorkommen, werden wir uns diesen Stadtteil genauer anschauen und werden überlegen, wie wir diesen Tendenzen etwas entgegensetzen können. Die Maßnahmen, die hier möglich sind, sind vielfältig: Das Eine ist, dass man die wichtigsten Akteure braucht, um etwas machen zu können. Das ist immer die Schule, denn die Schule ist der einzige Ort, an dem junge Menschen vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr regelmäßig angetroffen werden können. Auch die Moscheegemeinden können eine Rolle spielen, aber auch andere Vereine wie Sportvereine, Jugendhilfeträger und überhaupt alle diejenigen, die um junge Menschen herum sind.

Angesichts des Anwachsens der salafistischen Szene hat man den Eindruck, es herrscht eine gewisse Hilflosigkeit. Daraus ließe sich nun folgern, dass ohne Prävention alles noch schlimmer wäre, oder aber, dass die präventiven Maßnahmen vielleicht nicht im nötigen Umfang greifen. Was muss sich ändern?

Kiefer: Ich bin da gar nicht so pessimistisch. Natürlich ist es so, dass Prävention nicht immer hilft. Aber es gibt aus vielen Städten und Gemeinden des Landes Niedersachsen, aber auch aus anderen Ländern, viele Erfolge - die in den Medien aber kaum auftauchen. Es gibt viele Beratungen, die dazu führen, dass Eltern gestärkt werden, dass junge Leute aus der Szene herausgelöst werden können. Aber das sind keine spektakulären Ereignisse, die man nach außen trägt. Insofern entsteht immer der Eindruck, es gäbe nur ein Scheitern in diesem Bereich. Das ist aber mitnichten so.

Gleiches gilt auch für die Polizeiarbeit: Es gibt viele erfolgreiche Polizeieinsätze, Gewalttaten, die nicht stattfinden. Aber man spricht natürlich immer über die, die stattfinden. Insofern haben wir in der Berichterstattung eine gewisse Asymmetrie.

Aber tatsächlich gibt es noch Bedarf in der Systematisierung: Wir brauchen eine ganzheitliche Prävention, wir brauchen Präventionspläne, die möglichst im ganzen Land geteilt werden, die in den Kommunen noch umgesetzt werden. Hier ist noch einiges zu tun. Aber Bund und Länder sind hier tatsächlich auf einem guten Weg. Schauen Sie sich alleine das Bundesprogramm "Demokratie leben" an: Hier sind mittlerweile 104 Millionen Euro pro Jahr bereitgestellt für präventive Maßnahmen in diversen Bereichen. So viel Geld hat es für Prävention noch nie gegeben, und in diesem Bereich sind auch einige Erfolge zu verzeichnen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.06.2017 | 19:00 Uhr

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