Stand: 02.10.2017 18:29 Uhr

Die Deutsche Einheit - Ein Trugbild?

Bundestagspräsident Norbert Lammert erklärte 2016 bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden, die Einheit in Freiheit sei "selbstverständlich geworden", man dürfe sich darüber freuen. Dann wandte er sich an jene, die mit Pfeifen und Schreien die Feierstimmung trübten. Sie hätten wohl keine Erinnerung daran, "in welcher Verfassung diese Stadt und dieses Land sich befunden haben, bevor die Deutsche Einheit verwirklicht werden konnte."

Und jetzt, 2017? Das einige Deutschland treibt Selbstanalyse. 12,6 Prozent bei der Bundestagswahl für die AfD, im Osten ist sie weithin zweitstärkste Kraft, in Sachsen sogar die stärkste. War die Einheit also ein Trugbild? Fragen an Marina Münkler, Professorin für deutsche Literatur und Kultur an der TU Dresden.

Frau Münkler, überall beugen sich jetzt die Interpreten über die Kollektivpsyche der Ostdeutschen. Findet man dort den Schlüssel zum Wahlergebnis und zugleich zur Fragilität der "inneren Einheit"?

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"Es gibt eine Menge Dinge, die im Argen liegen", sagt Marina Münkler mit Blick auf die Deutsche Einheit.

Marina Münkler: Sicherlich nicht komplett, sonst könnte man die Wahlergebnisse der AfD im Westen nicht erklären. Aber in Teilen schon. Das, was Herr Lammert damals hinsichtlich der inneren Einheit gesagt hat, war sicherlich ein bisschen zu optimistisch. Die innere Einheit der DDR ist mitnichten so gewesen, wie das vielen Ostdeutschen im nostalgischen Rückblick erscheint. Die innere Einheit der DDR war ausgesprochen problematisch, gerade in den letzten Jahren der DDR, wo sich für alle die Frage stellte: gehen oder bleiben? Und dieses "gehen oder bleiben" hat relativ intensiv die ostdeutsche Gesellschaft gespalten. Diejenigen, die dachten: Wir bleiben auf jeden Fall hier, entweder weil wir uns nichts anderes vorstellen können oder weil wir diese Gesellschaft verbessern wollen. Und diejenigen, die gegangen sind: Von denen sind viele zurückgekommen - und die sind im Osten ausgesprochen unbeliebt.

Hat es die "vollendete Deutsche Einheit", die wir jahrelang so sehr gefeiert haben, vielleicht gar nicht gegeben? Hat man sich da selbst etwas vorgemacht?

Münkler: Da hat man sich sicherlich in Teilen etwas vorgemacht. Zum einen hat man den Ostdeutschen am Anfang unglaublich große Versprechungen gemacht. Die blühenden Landschaften nach fünf Jahren; die Vorstellung, sich dem Beitrittsgebiet des Grundgesetzes anzuschließen und alle Probleme wären gelöst. Es zeigte sich, dass das nicht stimmte. Die Erfahrung, die sie dann gemacht haben, dass in die Führungspositionen vor allem Westdeutsche hineingekommen sind, hat zutiefst geschmerzt.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff ist beunruhigt über den Zulauf zur AfD, gerade auch im Westen. Hier habe man mit Demokratie und "Multikulti" doch schon lange Erfahrung. Ist der manische Blick nach Osten ein Selbstentlastungsmanöver, das man im Westen veranstaltet?

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2016 hat Marina Münkler zusammen mit ihrem Mann Herfried Münkler das Buch "Die neuen Deutschen" vorgelegt.

Münkler: Man kann nicht sagen, dass es ein rein ostdeutsches Problem ist. Aber die Zahlendifferenzen sind so groß, dass man sagen muss, dass das Problem in Ostdeutschland größer ist. Auch in Westdeutschland haben wir aber das Problem des demografischen Wandels, der Alterung der Gesellschaft, vor allem auf dem Land. Auch das Gefühl auf dem Land, dass man abgehängt sei, dass man von dem, was sich positiv entwickelt, nichts mitbekommt, und dass man letzten Endes auch von Zuwanderung nicht profitiert. Das ist eigentlich ein kontraintuitiver Gedanke, denn normalerweise müsste man sich sagen: Wir brauchen hier mehr junge Leute, wir brauchen Zuzug. Aber die Jungen, die kommen, sind nicht die, die man sich erhofft - man erhofft eigene Kinder. Aber die können wir niemandem geben, der sie nicht hat. Und wenn dann Fremde kommen, führt das zu erheblicher Irritation.

Haseloff sagt auch: "Die Menschen wollen wissen, wie Deutschland seine Identität bewahren kann." Gibt es eine zeitgemäß-sinnvolle Definition "deutscher Identität", brauchen wir die?

Münkler: Eine deutsche Identität kann sich speisen aus einer gewissen Traditionsverbundenheit. Das Problem ist, dass der Ruf nach deutscher Identität dort am lautesten ist, wo es eine solche Traditionsverbundenheit gerade nicht gibt. Traditionsverbundenheit hat, wenn man kulturell lange Linien ziehen will, sehr stark mit religiöser Tradition zu tun. Aber gerade im Osten gibt es so gut wie keine religiösen Traditionen mehr, und da ist der Ruf nach deutscher Identität am lautesten. Das sind schon sehr viele Selbstwidersprüche, die da hervorkommen, und man wird sicherlich nicht mit einer nostalgischen Identität, die in Wirklichkeit gar nicht die eigene ist, irgendetwas erreichen können.

Haben Sie eine Idee, was geschehen sollte, um diese Einheit wieder zu festigen, womöglich gar erst zu vollenden?

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Münkler: Man wird sich sehr genau die Probleme der Einheit anschauen müssen. Eines der Probleme ist, dass es im Osten einen Niedriglohnsektor von etwa 28 Prozent der Erwerbstätigen gibt. Das sind im Westen fast nur zwölf Prozent. Es gibt eine hohe Schulabbrecherquote im Osten - nicht im Westen. Es sind also nicht die Menschen mit migrantischem Hintergrund, die häufig die Schule abbrechen, sondern es sind diejenigen, die sich selbst als deutsch begreifen. Es müssen auch die Probleme der Rente gelöst werden. Es gibt also eine ganze Menge Dinge, die im Argen liegen und die lange nicht hinreichend thematisiert worden sind. Man muss konkrete Lösungen anbieten.

Befragungen zeigen, dass ein großer Teil der Leute die AfD aus Protest gewählt hat. Und wenn man sich anguckt, was die AfD eigentlich an Lösungen anbietet, muss man sagen: In großen Teilen haben sie keine - sie haben nicht einmal darüber nachgedacht. Und das zeigt sich auch in den Parlamenten. Bei den Landtagswahlen 2016 hatte die AfD im Osten sehr hohe Zahlen, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt 24,2 - dort hat sie jetzt 19,6 Prozent. De facto hat sie gegenüber den Landtagswahlen fast fünf Prozent verloren. Das weist vielleicht sehr untergrundig in eine Richtung, in der noch viel zu arbeiten ist, aber in der man etwas erreichen kann.

Sie sind trotz allem also voller Hoffnung?

Münkler: Ich bleibe optimistisch, ja.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

Marina Münkler © imago

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NDR Kultur -

Bei der Bundestagswahl hat die AfD 12,6 Prozent der Stimmen erhalten. In Ostdeutschland ist sie zweitstärkste Kraft. Ist die Deutsche Einheit in Gefahr? Ein Gespräch mit Marina Münkler.

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NDR Kultur | Journal | 02.10.2017 | 19:00 Uhr

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