Stand: 29.09.2016 18:17 Uhr

"Frauen und Kinder auf der Flucht"

"Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit sind Frauen, aber die wenigsten von ihnen kommen im vermeintlich sicheren Europa an - die meisten von ihnen bleiben buchstäblich auf der Strecke. "Was im neuen Buch von Maria von Welser nachzulesen ist, hat die Journalistin und ehemalige NDR-Direktorin des Landesfunkhauses Hamburg vor Ort erfahren. Sie reiste zu den Frauen und Kindern, die in der Türkei, im Libanon oder in Jordanien festsitzen. Im Interview spricht Maria von Welser über ihre Erfahrungen und ihr Buch "Kein Schutz - nirgends".

NDR Kultur: Frau von Welser, Sie haben den Ausbruch der sogenannten Flüchtlingskrise in den Medien verfolgt und sich sehr schnell gefragt, wo die Frauen und Kinder sind - weil fast nur Männer auf der Flucht gezeigt wurden. Deshalb haben Sie sich auf die Suche nach den Frauen und Kindern gemacht. Wo und in welchem Zustand haben Sie sie gefunden?

Bild vergrößern
Maria von Welser reiste zu den geflüchteten Frauen und Kindern und berichtet von ihren Erfahrungen.

Maria von Welser: In der Türkei habe ich relativ geordnete Strukturen vorgefunden. Die Lager sind mit Militärzelten aufgebaut, stabil, und von den umliegenden Kommunen gibt es etwas zu essen für die Flüchtlinge, Kleidung, Wasser und ansatzweise Schulunterricht für die Kinder - die aber sehr oft nicht hingegangen sind. Aber ich habe in den Zelten bei 42 Grad Celsius - ich war in September dort - totale Trauer, Verstörung, Hoffnungslosigkeit, Mutlosigkeit und Depression erlebt.

Sie haben mit Syrerinnen gesprochen, mit Jesidinnen, Eritreerinnen. Von welchen Erlebnissen sind die Fluchtwege der Frauen geprägt? Gibt es da Gemeinsamkeiten?

Von Welser: Die Jesidinnen erzählten von diesen schrecklichen Übergriffen des IS im Norden des Irak, der Vertreibung ins Sinjar-Gebirge, wo sie wochenlang nur überlebt haben, weil man versucht hat mit Hubschraubern ihnen Lebensmittel und Wasser abzuwerfen. Die Jesidinnen haben - das war das Erstaunliche, das ist wohl auch im Glauben verwurzelt - nie von ihren eigenen Schicksalen erzählt, sondern immer vom Schicksal der Freundin, der Nachbarin oder der Schwester. Nach einiger Zeit bin ich darauf gekommen, dass das die eigenen Geschichten sind, die sie erzählt haben.

Zum aktuellen Zeitpunkt sind immer noch 3.500 jesidische Mädchen in der Gefangenschaft des IS. Sie werden dort festgehalten, gefoltert, vergewaltigt und im Internet für 20, 30 Dollar verkauft - da gibt es ganze Chatrooms, die sich damit beschäftigen. Das ist ein Drama, vor dem die Welt die Augen zumacht.

Auch die Überfahrt müssen die Frauen oft mit ihrem Körper bezahlen, weil kein Geld da ist. Freiwillig - aber oft auch unfreiwillig.

Bild vergrößern
Maria von Welsers Buch "Kein Schutz - nirgends" ist im Ludwig Verlag erschienen und kostet 17,99 Euro.

Von Welser: Ja, wer will da eine Grenze ziehen? Ich habe als roten Faden in dem Buch die Geschichte einer syrischen Mutter erzählt, die mit fünf Kindern geflohen ist. Aus der Nähe von Damaskus zunächst in die Berge, dann über Khartoum, das große Drehkreuz des Schlepper-Business' auf der ganzen Welt, durch die libysche Wüste nach Tripolis und dann auf ein Boot. Natürlich werden dort Frauen entweder vergewaltigt, oder sie tun es, weil sie kein Geld mehr haben, damit sie weiterfahren können - sonst werden sie von den Trucks heruntergeworfen und verenden in der Wüste.

Sie haben von diesen fünf Kindern gesprochen: Was für eine Rolle kommt den Kindern auf der Flucht zuteil?

Von Welser: Die Mutter hatte dramatische Angst um ihre bildschönen Töchter. Gerade auf der Flucht zwischen Khartoum und Tripolis hat sie versucht, die Mädchen hinter den Schals zu verdecken. Aber ein Wesen hinter einem Schal ist ein weibliches Wesen und immer Ziel von Schleppern, von Militärs, von Gendarmen, die da versuchen, ihre Macht auszuüben und die Mädchen oft zu vergewaltigen. Sie erzählte, es sei auf der ganzen Reise nichts passiert. Ich weiß nicht, ob ich immer die Wahrheit erzählt bekommen habe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.09.2016 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

00:38 min
03:52 min