Stand: 08.12.2015 10:20 Uhr

Letten haben Verständnis für Hermanis' Absage

von Björn Dake

Alvis Hermanis fühlt sich falsch verstanden. Das Hamburger Thalia Theater habe seine Aussage gekürzt, aus dem Zusammenhang gerissen, den Sinn verdreht. Die Gründe für seine Absage seien sehr privat. Momentan inszeniert Hermanis in Paris - in dem Stadtteil, in dem die Attentate passierten. Alle seien dort traumatisiert von den Geschehnissen.

Der europäische Osten versteht die Euphorie nicht

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Der lettische Regisseur Alvis Hermanis ist Intendant am Neuen Theater in Riga, das mit seinen Inszenierungen auf allen wichtigen Theaterfestivals in Europa vertreten ist.

In einer Erklärung heißt es wörtlich: "Als Vater von sieben Kindern bin ich nicht bereit in einer weiteren potenziell gefährlichen Stadt zu arbeiten und bekanntlich stammten die Täter von 9/11 aus Hamburg." Wie Hermanis im lettischen Fernsehen erzählt, habe er sich auch in Paris dafür eingesetzt, dass an den Theatereingängen Sicherheitsschleusen eingerichtet werden. "Die Pariser Oper ist ein wunderbares Ziel für Terroristen. Die Antwort der Theaterleitung war aber ablehnend. Das beeinträchtigt ihren französischen Stolz. Sie werden nicht ihre Schwäche zeigen. Lieber singen sie die 'Marseillaise'. Es sind noch ein paar Tage vergangen und jetzt sind die Metalldetektoren an allen Eingängen. Man kann sich daran gewöhnen. Israel ist ein gutes Beispiel."

Hermanis kommt in seiner Erklärung aber auch auf die deutsche Flüchtlingspolitik zu sprechen. Dort heißt es über das Thalia Theater: "Sie sehen sich als Refugee Welcome Center. Jawohl, ich will da nicht mitmachen! Wir teilen den Enthusiasmus über offenen EU-Grenzen und unkontrollierte Einwanderung nicht. Vor allem im Osten Europas verstehen wir diese Euphorie schlecht."

EU soll zu klarer Migrationspolitik zurückkehren

Der Intendant des Neuen Theaters in Riga steht mit dieser Meinung in seiner Heimat nicht allein da. Die Politikerin Sarmīte Ēlerte erklärt das so: "Ich glaube, in Lettland gibt es wenige Menschen, die sagen: 'Wir riegeln unsere Türen ab.' Auch Alvis Hermanis würde ganz bestimmt einem konkreten Menschen, der in einer Unglückssituation ist, helfen. Aber das schließt ja nicht aus zu sagen, dass die EU zu einer klaren Politik in der Migrationsfrage zurückkehren muss." Im September hat die lettische Regierung beschlossen, knapp 780 Flüchtlinge aufzunehmen. Das sind etwas mehr Menschen als in zwei neunstöckigen Plattenbauten wohnen. Trotzdem gibt es eine gewisse Skepsis. Ein Rentner in Riga sagt: "Ich bin dafür, dass die Flüchtlinge aufgenommen werden. Aber, man muss da ein bisschen ordnen. Zuerst würde ich die Christen aufnehmen. Das ist doch unsere Mentalität."

Keine Integration der russischen Minderheit in Lettland

Die Angst vor zu vielen Flüchtlingen mag auch mit der starken russischen Minderheit zu tun haben. Sie macht mehr als ein Viertel der Bevölkerung aus. Doch Letten und Russen leben oft nebeneinander statt miteinander. Die Integration funktioniert schlecht. Ein russischsprachiger Student in Riga erklärt sich die Ablehnung gegenüber Flüchtlingen so: "Die Einstellung zur Flüchtlingsfrage in Lettland ist meiner Meinung nach nicht besonders gut, weil die Menschen grundsätzlich Angst haben vor Terrorismus. Man hat Angst, dass unter den Menschen aus Syrien auch Terroristen sein könnten."

Gedanken, die offenbar auch Theaterregisseur Alvis Hermanis hat. Angeblich sagt er zu seiner Absage in Hamburg: "Nicht alle Flüchtlinge sind Terroristen. Aber alle Terroristen sind Flüchtlinge oder deren Kinder."

Rückblick

Inszenierung wegen Flüchtlingshilfe abgesagt

Aus Protest gegen den Einsatz des Hamburger Thalia Theaters für Flüchtlinge hat Regisseur Alvis Hermanis seine geplante Inszenierung an dem Haus abgesagt. Er halte das Engagement für falsch, hieß es. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.12.2015 | 07:20 Uhr