"Je suis Bruxelles": Narzissmus oder Empathie?

Wenn schlimme Dinge passieren und Menschen Opfer von Naturkatastrophen, Unfällen oder terroristischen Anschlägen werden, dann betrifft das Viele. In erster Linie natürlich die Opfer und deren Angehörige, aber darüber hinaus eben auch: die Gesellschaft. Das zeigt sich an den Orten des Geschehens dadurch, dass zum Beispiel Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet werden. Auch in den sozialen Netzwerken reagieren die Menschen. Katrin Döveling, Professorin für Empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Uni Leipzig über das Entstehen von Trauerritualen in sozialen Netzwerken.

NDR Kultur: Frau Döveling, was ist das Äquivalent zum Kerze-Anzünden bei Facebook und Twitter?

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"Die Trauer verbindet Menschen durch die sozialen Netzwerke", sagt Katrin Döveling.

Katrin Döveling: Wir erleben aktuell in den sozialen Netzwerken, dass sich Menschen, obwohl sie keinen direkten Bezug zu den Personen haben, die gestorben sind, emotional äußern und eine Gemeinschaft bilden. Hier zeigt sich auch die Symbolhaftigkeit. Sie werden dazu überall ähnliche Symbole finden, zwischen Paris und Belgien gibt es da große Gemeinsamkeiten. Man findet ein Symbol und durch dieses Symbol finden sich die kollektiven Gefühle wieder. Das heißt, obwohl man in dem Moment vielleicht alleine ist, möchte man ein Zeichen setzen, indem man an dieser Kommunikation aktiv teilnimmt und sich damit solidarisch zeigt. Diese Trauer verbindet Menschen durch die sozialen Netzwerke.

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Zum Teil sind das wiederkehrende Symbole. Kann man von einer Art ritualisiertem Verhalten sprechen? Gibt es bestimmte Muster, die sich wiederholen, die aufgegriffen und weiterentwickelt werden?

Döveling: Auf jeden Fall gibt es Muster und Symbole, die sich entwickeln. Das sieht man vor allen Dingen nach den Anschlägen von Paris: Da wurde ein Symbol der Flagge übernommen, das in den sozialen Medien wiederverwendet wird. Menschen nehmen dieses Symbol, weil es genau das versinnbildlicht, was sie empfinden, nämlich eine Solidarität mit anderen Menschen. Das kennen wir nicht nur in den sozialen Medien, das ist ein ganz typisches Phänomen, das es schon damals beim Tod Lady Dianas gab: Wenn Menschen trauern, verleihen sie durch Rituale, durch ritualisierte Kommunikation und durch Symbole ihrer Trauer Ausdruck.

Und was ist nun anders in den Empathiebekundungen in den sozialen Netzwerken?

Das ist ein spannendes Phänomen. Die sozialen Netzwerke sind so schnell und ortsungebunden, dadurch können sie innerhalb von Sekunden eine die Welt umfassende Solidargemeinschaft schaffen. Sie schaffen das globale Dorf. Und was hier nach terroristischen Angriffen geschieht, ist, dass die Menschen in der virtuellen Welt eine Ausdrucksform finden, um sich gemeinschaftlich zu verbinden. Da gibt es tatsächlich bestimmte Mechanismen, wie Symbole und Hashtags, die man beobachten kann. Alleine durch das Posten kann man für einen Moment Teil der Solidargemeinschaft werden. Die Frage ist ja auch, warum haben wir überhaupt das Bedürfnis uns zu äußern? Gerade, wenn es um Aspekte, wie Trauer, Angst oder das Gefühl der Bedrohung geht, dann wissen wir: es kann jeden treffen.

Würden Sie sagen, dass es in diesem Bedürfnis nach Ausdruck auch eine narzisstische Komponente gibt?

Döveling: Ich wäre vorsichtig bei solchen Urteilen. Natürlich: Wenn man so etwas postet, signalisiert man anderen, man habe etwas Gutes getan. Das ist ein wichtiger Aspekt. Aber ich glaube, dass die Mehrheit es nicht nur aus diesem Grund tut, sondern um Solidarität zu signalisieren. In diesem Moment wird auch ihr eigenes Leben kurz erschüttert, wir werden kurz ermahnt, dass wir alle nicht mehr in einer sehr stabilen Welt leben, so wie wir immer gedacht haben.

Das Interview führte Jil Hesse

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