Stand: 09.05.2017 17:09 Uhr

Der Wandel des Barack Obama

1.472 Seiten über Barack Obama. Es ist nicht die erste Biografie über den 44. Präsidenten der USA, doch es ist ein Buch, dass sich unterscheidet von den bisherigen Biografien. Einen großen Raum hat das Privatleben von Obama bekommen: sein Liebesleben, die Zeit vor seiner politischen Karriere, oder zumindest eine sehr frühe Phase seiner Laufbahn. Der ARD-Korrespondent Jan Bösche spricht über "Rising Star - The Making of Barack Obama" - so der Titel des Buches.

NDR Kultur: Herr Bösche, die Boulevardpresse feiert bereits David Garrow mit seiner Obama-Biografie. Die US-Presse steht Kopf, obwohl das Buch gerade erst erschienen ist. Was ist da los?

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Jan Bösche arbeitet als ARD-Hörfunkkorrespondent in Washington.

Jan Bösche: Dieses Buch reflektiert besonders die Jahre des jungen Barack Obama, wie er vom Studenten zum Aktivisten und am Ende dann zum erfolgreichen Anwalt und zum Senator geworden ist. Was die Boulevardpresse elektrisiert, sind die Frauengeschichten, von denen wir erfahren. Es taucht eine neue Lebenspartnerin auf, mit der er mehrere Jahre zusammen war, der er zwei Mal einen Heiratsantrag gemacht hat. Von der haben wir vorher noch nie gelesen. Das ist natürlich eine Sache, die hier viele interessiert.

Dann gibt es mal wieder ein paar Drogengeschichten. Obama hatte ja schon zugegeben, dass er als junger Mann durchaus das ein oder andere Mal Drogen konsumiert hatte - das wird in diesem Buch noch einmal vertieft. Obwohl andererseits auch gesagt wird, dass er nie an vorderster Front war, sondern eher nur ein bisschen genommen hatte und sich eher mit einem guten Buch zurückgezogen hat.

Sie haben es erwähnt: Das Buch ist insgesamt über 1.400 Seiten dick. Ja, Frauengeschichten spielen eine Rolle, aber in weiten Teilen geht es doch um Politik und um die Person und nicht um das Liebesleben.

Neun Jahre hat der Historiker und Pulitzer-Preisträger Garrow daran gearbeitet. "Skandal- und Sexbuch" wird es genannt. Sie kennen das Buch - ist das die richtige Bezeichnung?

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Die neue Obama-Biografie "Rising Star: The Making of Barack Obama" hat in den USA unterschiedliche Rezensionen erhalten.

Bösche: Nein, es ist kein Skandal- und Sexbuch. Es geht dem Autoren weniger um die Frauengeschichten - das merkt man auch, wenn man ihm in verschiedenen Gesprächen zuhört, wenn er sich über sein Buch äußert. Auch diese eine langjährige Lebenspartnerin ist eigentlich eher Kronzeugin für die Wandlungen, die der junge Obama hingelegt hatte, bevor er Präsident geworden ist.

Nein, hier geht es einem Autoren darum, zu erklären, wie Präsident Obama "entstanden" ist, was seine Ambitionen waren, was seine Ziele waren, wie er das geworden ist, was wir am Ende von ihm kennen.

Garrow schreibt über die frühen Jahre: Obama als Student, als Politiker, der eben auch Visionen hatte und schon früh davon überzeugt war, dass er es ins Weiße Haus schaffen könnte. Wie bahnte sich dieser Weg an?

Bösche: Der Lebensweg von Obama ist ja hinlänglich bekannt. Er ist auf Hawaii geboren, eine weiße Mutter, ein schwarzer Vater, durchaus entfremdet, zuerst von dem Vater, später auch von der Mutter. Er hat zunächst Politik studiert, ist dann nach Chicago gegangen, hat dort als Aktivist gearbeitet und hatte dort seine prägenden Jahre in einem vernachlässigten Stadtteil von Chicago. Dort hat dann sein politisches Interesse Funken geschlagen. Er hat dann in Harvard Recht studiert, ist Anwalt geworden, hat dann zunächst als Senator im Staatssenat von Illinois für einige Zeit gesessen und hat dann seinen Hut in den Ring geworfen, um in den US-Senat aufzusteigen. Diese Zeit beschäftigt den Autoren David Garrow sehr intensiv. Garrow sagt von sich selber, er sei ein progressiver Demokrat. Er ist also eher links verortet, steht auch dazu, und was ihn offenbar umtreibt, ist der Wandel, den Obama hingelegt hat, dass er als junger Mann, als Aktivist ein eher progressiver Demokrat war, dann aber sich vorgenommen hatte, ins Weiße Haus einzuziehen - da gibt es Zeugen, die sagen, er hätte davon schon sehr früh gesprochen - und sich dabei gewandelt hat, mehr zu einem Machtmenschen, zu jemandem, der guckt, wo die Chancen sind, was opportun ist und was nicht. Man kann sagen, das sei nötig, wenn man von einer Mehrheit der Amerikaner ins Weiße Haus gewählt werden möchte - der Autor klingt eher enttäuscht. Er sagt: Dieser progressive Demokrat Obama, den er vielleicht sogar am Anfang geschätzt hätte, hat sich so sehr gewandelt, dass er für ihn jetzt eher eine Enttäuschung ist.

Als Präsident hat Obama durchaus ein Erbe hinterlassen, politische, mühsam erkämpfte Errungenschaften, die gerade von seinem Nachfolger Trump rückgängig gemacht werden. Stichwort "Obama-Care". Hat Garrow den Zeitpunkt für das Erscheinen seines Buches richtig gewählt?

Bösche: Man erkennt zurzeit durchaus einen gewissen "Run", Obama-Bücher auf den Markt zu bringen, vielleicht der Erste zu sein. Garrow sagt, er habe neun Jahre an diesem Buch gearbeitet, intensiv geforscht. Kritiker sagen: zu intensiv; das Buch sei zu dick, zu voluminös. Es wird zum Beispiel jahresweise erklärt, was Obama im Senat in Illinois gesetzgebungstechnisch so getrieben hat, Details, die viel zu intensiv sind, sagen Kritiker.

Nein, Garrow hat durchaus auch einen Anspruch mit seinem Buch, und damit hält er nicht hinterm Berg. Er hat gesagt, das Buch solle der maßgebliche Bericht sein über Obamas Leben vor der Präsidentschaft, und dieses Buch solle für Jahrzehnte Bestand haben. Hier ist wirklich jemand überzeugt, dass er einen Grundpfeiler eingeschlagen hat für die Obama-Forschung der kommenden Jahre.

Über die Boulevardpresse haben wir gesprochen. Gibt es denn schon andere Stimmen? Hat sich die "New York Times" zum Beispiel geäußert?

Bösche: Ja, es gibt Kritiken verschiedener Zeitungen, die durchaus unterschiedlich ausfallen. Die "USA Today" lobt die Stärke der Recherche, sagt, das Buch zeige Tiefe und Reichtum von Obamas Leben. Aber sie kritisiert auch, dass das Buch vielleicht einen besseren Redakteur gebraucht hätte, einen Lektor, der 100, 200 oder 300 Seiten herausstreicht. Das kann ein Buch auch besser machen, wenn es nicht ganz so dick ist.

In der "New York Times" gab es einen heftigen Verriss - das kann man nicht anders sagen. Die Zeitung war offenbar sehr enttäuscht. Sie lobt auch die Rechercheleistung - auf der anderen Seite kritisiert sie aber, das Buch sei vollgestopft und im Ergebnis unfair. Was sie besonders kritisiert, ist, dass die Präsidentschaft Obamas nur im Epilog abgehandelt wird, also acht Jahre Präsidentschaft auf wenigen Seiten. Was ja durchaus möglich ist, wenn man ein Buch schreibt über den jungen Obama. Aber dieses letzte Kapitel sei offenbar aus Sicht der Zeitung viel zu negativ, zeige nur die negativen Seiten, die Enttäuschung des progressiven Demokraten, und nicht die Sicht des Historikers, der versucht, Präsident Obamas Zeit einzuordnen und in die Zeit zu setzen, in der er ist.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.05.2017 | 19:00 Uhr

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