Stand: 23.06.2017 16:41 Uhr

Streit um Kreuz auf Berliner Stadtschloss

Die Kuppel des rekonstruierten Stadtschlosses beziehungsweise des Humboldt-Forums in Berlin soll ein goldenes Kreuz bekommen. Freude, schöner Götterfunken? Mitnichten. Berlin streitet vehement für und wider das Kreuz. Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und einer der drei Gründungsintendnaten des Kulturforums.

Herr Parzinger, warum braucht das Humboldt-Forum dieses fünf Meter hohe, goldene Kreuz auf der Kuppel?

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Hermann Parzinger hält die Diskussion über das Kreuz auf dem Berliner Stadtschloss für wichtig.

Hermann Parzinger: Das Kreuz ist Teil der historischen Kuppel, und es ist entschieden worden, dass sie rekonstruiert wird - und da gehört das nun mal dazu. Man muss zur Vorgeschichte aber auch sagen: Im Architekten-Wettbewerb zum Wiederaufbau des Schlosses 2007 war durchaus offengestellt, ob man die historische Kuppel rekonstruiert oder ob man es modern interpretiert. Es gab auch etliche Architekturvorschläge, die moderne Formen vorgeschlagen haben, aber der Entwurf, der dann letztlich den ersten Preis bekommen hat, der von Franco Stella, sah die historische Kuppel vor, und so ist das beschlossen worden.

Vielen ist zunächst gar nicht bewusst gewesen, dass da oben tatsächlich ein Kreuz drauf ist. Denn wenn man sich das ganze Schloss auf einer Abbildung ansieht, sieht das Kreuz natürlich sehr klein aus. Vielen ist das erst bewusst geworden, als die Spende für das Kreuz einging und verkündet wurde, dass da ein Kreuz drauf soll. Da fing die ganze Diskussion an. Eine Diskussion, die ich aber für wichtig halte, weil das eine Auseinandersetzung mit dem Gebäude und dessen Geschichte ist. Berlin diskutiert ja gerne, und ich halte das auch für wichtig.

Das Humboldt-Forum soll ja ein Museum der außereuropäischen Kulturen sein. Die Kritiker, unter anderem im rot-rot-grünen Senat der Stadt, sagen: Wie kann es sein, dass chinesische Höhlenmalereien unter dem christlichen Zeichen stehen? Können Sie diese Stimmen verstehen?

Parzinger: Ja, verstehen kann ich das natürlich schon. Zum anderen muss man davon wegkommen, dass diesem Kreuz alles untergeordnet werden soll. Es gab die Diskussion ja schon mal, sie ist aber inzwischen etwas abgeebbt, weil die Entscheidungen getroffen worden waren, was das Schloss überhaupt betrifft. Im Grunde ist das ein bisschen eine Stellvertreterdiskussion. Man kann auch sagen, die Fassade, der Preußenadler, all die andere Symbolik, die zwar nicht christlich, aber preußisch ist - was hat das mit dem Inhalt des Humboldt-Forums zu tun? Auch hier soll das keine Unterordnung sein, sondern man hat gesagt, man baut das Schloss teilweise wieder auf als Bekenntnis zur deutschen, preußischen Geschichte und macht im Inneren aber mit dem Humboldt-Forum eine Institution, die letztlich ein anderes, ein weltoffenes Deutschland zeigen will. Damals wurde die Diskussion von vielen Kreisen betrieben: Wenn das Schloss wieder aufgebaut wird, muss da auch die Gemäldegalerie und das Kunstgewerbemuseum rein - das wollten damals die Entscheider, und das wollen auch heute wir nicht. Wir sind eine Gesellschaft, die immer multikultureller, multireligiöser und multiethnischer wird, und das soll im Inneren zum Ausdruck kommen. Das wird zwangsläufig die Symbolik von der Kuppel bis hin zu anderen Details der Fassade relativieren.

Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte das Kreuz mit dem Argument verteidigt, das Christentum stehe für Toleranz und daher stehe das Kreuz nicht für eine Ausladung, sondern sei eine einladende Geste. Sie haben betont, dass die Rekonstruktion des Schlosses, zumindest der Westfassade mit dieser barocken Gestalt, durchaus eine Reminiszenz an den Preußenkönig ist. Und der wiederum hatte die Kuppel mit dem Kreuz erst nachträglich, 150 Jahre nachdem das Schloss sehr gut ohne Kreuz ausgekommen ist, darauf setzen lassen, und zwar wurde die Kuppel mit dem Kreuz erst nach Rückschlagung der Märzrevolution als Zeichen der siegreichen Reaktion 1854 eingeweiht. Steht also das Kreuz nicht ganz konkret für die Einheit von Kirche und Militär in Preußen?

Parzinger: Dieser Zusammenhang ist schon ganz richtig. Das Schloss hat die meiste Zeit seines Bestehens, jedenfalls das Barockschloss, ohne Kuppel existiert. Die Kuppel war in der Tat - und das ist auch jetzt noch einmal auch durch entsprechende Beiträge in den Medien bewusst geworden - eine Reaktion auf die Märzrevolution, wo man am Ende dem damaligen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. sogar die Kaiserkrone angeboten hatte. Er hat das abgelehnt, denn von diesem aufrührerischem Plebs lässt er sich nicht die Kaiserkrone überreichen. Viele Begeisterte von dieser Idee der nationalen Einheit waren damals entsetzt, dass er das einfach so ablehnt und dass diese frühen Versuche einer Einigung Deutschlands so kläglich scheiterten. Er hat dann - sicher auch als Reaktion auf diese Revolution - die Kuppel mit der Kapelle darunter draufsetzen lassen, um des Gottes Gnadentum der Königsherrschaft noch einmal zu symbolisieren.

Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir nicht nur einen Bereich innerhalb des Schlosses haben, wo es um die Geschichte des Ortes geht, sondern dass wir auch an verschiedenen Stellen des Schlosses immer wieder Interventionen einbringen wollen. Daran arbeiten wir gerade mit bestimmten Objekten oder mit Medienstationen, die immer wieder auf diese historischen Dinge hinweisen und dem Besucher auch das immer wieder bewusst machen. Das zu wissen, ist ganz wichtig. Das geht bis zum Palast der Republik: Auch hier wird es Dinge aus dem Palast der Republik geben, die wir integrieren wollen, um auch an diesen Teil der Geschichte des Ortes zu erinnern.

Sie hatten ja mit den beiden anderen Intendanten Neil MacGregor und Horst Bredekamp angeregt, den Schriftzug "Zweifel" an der schmucklosen, nicht barocken Ostseite des Humboldt-Forums anzubringen. Die Großbuchstaben des Künstlers Lars Ramberg waren schon auf dem entkernten Palast der Republik angebracht. Der Schloss-Architekt Franco Stella hat sich gegen ihren Vorschlag ausgesprochen. Also kein Zweifel am Preußenschloss?

Parzinger: Das ist auch eine wichtige Diskussion, die jetzt beginnt. Wir finden nicht, dass das Kreuz von der Kuppel kommen sollte. Ein würdiger Umgang mit der Geschichte ist nicht Bildersturm, Ikonoklasmus, aber dieses Kreuz in einen neuen Kontext zu setzen. Der Zusatzzweifel auf der Ostseite, ob das jetzt eins-zu-eins das Kunstwerk von damals, auch vom Palast der Republik ist, oder man über eine künstlerische Weiterentwicklung spricht - das ist nochmal ein anderes Thema, über das man reden kann. Aber man kann schon Zusammenhänge mit anderen Kulturen sichtbar machen, um dann diese ursprüngliche Bedeutung aus dem 19. Jahrhundert von Kuppel, Kapelle und Kreuz etwas zu relativieren und zu zeigen: Es geht ja eigentlich um etwas Neues.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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NDR Kultur | Journal | 23.06.2017 | 19:00 Uhr

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