Stand: 13.11.2017 15:48 Uhr

"Anna Karenina" gekonnt geschreddert

von Peter Helling

Es sind die großen Seitensprünge der Weltliteratur, die sie faszinieren: Nach ihrer gefeierten Inszenierung von "Effi Briest" ist nun der russische Klassiker "Anna Karenina" von Lew Tolstoi dran. Barbara Bürk und Clemens Sienknecht haben ihn im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses inszeniert. "Allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie", dieser Titelzusatz ist ganz wichtig.

Ein nostalgisches Radiostudio mit goldenen Schallplatten an der Wand, ollen Teppichen auf dem Boden, Rüschenvorhängen. Man meint, es rieche nach Kaugummi und altem Kaffee, aber das täuscht die wunderbar trashige Bühne von Anke Grot nur vor.

Dann kommen die Kollegen - und zack: Radioalltag von "anno dunnemals"! Das Studio jingelt sich langsam heiß. Es gibt Reklameblöcke, abgelesen und gesungen.

Anna Karenina vor dem Abziehbild der 80er-Jahre

Was sich da vor unserem Auge abspielt, ist die wohl entsetzlichste Frisurenansammlung in der jüngeren Geschichte des Schauspielhauses. Prachtvolle "Vokuhilas", schaumige Blumenkohllocken, dünnes, kraftloses, schulterlanges Männerhaar. Die 80er-Jahre, waren sie wirklich so schlimm? Ja, das waren sie! Ästhetisch zumindest.

"Ja meine Damen, guten Abend, ich darf mich kurz vorstellen, mein Name ist Diego Rosinsky, ich bin der erste Kavalier und Zeremonienmeister der Ballhierarchie von St. Petersburg!" Das Radioteam spielt und erzählt den Roman von Tolstoi nach.

Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg zeigte schon "Effi Briest - allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie", ebenfalls inszeniert von Barbara Buerk und Clemens Sienknecht, die dafür 2016 mit dem Theaterpreis Hamburg - Rolf Mares ausgezeichnet wurden.

Die Anna Karenina gibt Ute Hannig in wechselnden Kostümen, die mit ihren Schulterpolstern eher an Jennifer Rush denken lassen als an die russische Romanfigur. Dann verliebt sich diese Wuchtbrumme auch noch in den größten Stenz diesseits des Urals, Fürst Wronsky. Wer hätte gedacht, dass Tom-Selleck-Schnurrbärte und weiße Stiefeletten so cool aussehen könnten?

"Ich bin eigentlich sprachlos"

Es gelingt das Unmögliche: Der große Roman beginnt zu atmen wie ein Hefeteig bei offener Ofentür. Die musikalischen Einlagen sind fantastisch - und die Kostüme, ein zwiespältiger Augenschmaus. Das Publikum ist angetan: "Das hat mir sehr gut gefallen, ich bin eigentlich sprachlos", meint einer, und eine andere findet die Inszenierung außergewöhnlich.

Regisseurin Barbara Bürk setzt voll darauf, dass das geballte Halbwissen über "Anna Karenina" - all die Filme und hochkulturellen Inszenierungen des Stoffs - eine so starke Folie bilden, dass man das Original wunderbar schreddern kann.

Nicht tiefgehend, aber ironisch

Dass der Abend Tiefe besitzt, kann niemand behaupten. Dass auch nur ein echtes Gefühl aus dem tollen Roman unironisch rüberkommt auch nicht. Aber vielleicht eins: Dieses Theater feiert die abgeschmackteste Zeit des letzten Jahrhunderts - und überzieht sie mit dem Gold der Bühne: dem purem Bock am Spielen - und das kommt rüber. Ob man "Anna Karenina" danach endlich mal liest? Und zwar ganz? Wohl eher nicht. Schwamm drüber.

"Anna Karenina" gekonnt geschreddert

"Anna Karenina" im Hamburger Schauspielhaus: Wer sehr an dem Klassiker hängt, sollte vielleicht nicht vorbeikommen. Für die anderen ist es ein schrilles Vergnügen mit 80er-Touch.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Telefon:
(040) 24 871 3
E-Mail:
kartenservice@schauspielhaus.de
Besonderheit:
Uraufführung am 11.11.2017
Hinweis:
Anna Karenina - allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie
von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk nach Lew Tolstoi

Regie: Barbara Bürk, Clemens Sienknecht
mit: Yorck Dippe, Ute Hannig, Markus John, Jan-Peter Kampwirth, Friedrich Paravicini, Clemens Sienknecht, Michael Wittenborn
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 13.11.2017 | 19:00 Uhr

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