Stand: 22.02.2017 18:54 Uhr

Die Kunst zu Markte tragen

Dass Kunst brotlos ist - das ist eine stehende Wendung und durch etliche Studien belegt: Die wenigsten Künstler können von ihrer Kunst leben. Trotzdem machen viele ihre Berufung zum Beruf, trotzdem ist Deutschland eine einzigartige Kulturnation. Wie geht das zusammen? Ein Gespräch mit dem Galeristen Gerd Harry Lybke.

Herr Lybke, von Kunst leben - geht das?

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Gerd Harry Lybke betreibt in Leipzig und Berlin die Galerien "Eigen&Art".

Gerd Harry Lybke: Von Kunst zu leben, ist der Traum jedes Künstlers und man versucht es natürlich. Als Künstler weiß man aber auch, wie hart der Weg ist. Man weiß auch, wenn man Kunst studiert, dass damit nicht unbedingt auch ein Geldverdienen verbunden ist. Das ist schwierig. Heutzutage sind so viele Leute auf dem Weg, Künstler zu werden, dass die Idee, davon leben zu können, immer mehr in eine "nur Idee" rückt und nicht in die Realität.

Werden in Deutschland über Bedarf Künstler ausgebildet?

Lybke: Man muss das Bewusstsein entwickeln, ob man das wirklich will. Und das kann man nur, wenn man es einmal versucht hat. Jeder, der Künstler werden will, muss es für sich versuchen - das geht gar nicht anders. Man kann nur, indem man es macht, hinterher sehen, ob das etwas ist, was einen ausfüllt. Ob man die Berufung hat, Künstler zu werden, muss jeder für sich entscheiden. Wenn man dann scheitert oder merkt, dass der Weg zwar der richtige ist, aber man damit eigentlich kein Geld verdienen kann, muss man parallel einem anderen Beruf nachgehen. Nur die Wenigsten können davon leben.

Sie sprechen von der Entwicklung eines entsprechenden Bewusstseins. Gehört da schon das Denken an Verkäuflichkeit der eigenen Kunst dazu?

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Lybke: Wenn man damit anfängt, dann ist das von vornherein zum Scheitern verurteilt. An die Verkäuflichkeit zu denken, ist viel zu kurz gedacht. Man muss einen eigenen Tunnelblick entwickeln für das, was man vorhat, und ganz klar und konsequent dort bleiben, wo der eigene künstlerische Kontext ist, wo man sich sieht als derjenige, der die Kunst macht. Wenn es rückführbar ist auf die Biografie, auf die Persönlichkeit des Künstlers, wenn es so gemacht ist, dass nur diese eine Person auf der Welt das machen kann, dann hat es größere Chancen als etwas Besonderes gesehen zu werden. Wenn man nach Verkäuflichkeit geht, geht man meistens nach einem Muster - und dieses Muster haben schon tausende vorher ausprobiert. Das funktioniert nicht. Man muss es für sich entwickeln, man muss gnadenlos für sich in Anspruch nehmen, dass man etwas Besonderes entwickelt hat. Dann könnte man vielleicht davon ausgehen, dass es etwas ist, was andere sehen und bemerken.

Sie machen sich seit Jahren dafür stark, dass die Präsenz von Frauen, von Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt stärker wird. Das hatte noch keinen besonders durchschlagenden Erfolg. Wie erklären Sie sich diese Unterrepräsentanz?

Lybke: Ich würde nicht sagen, dass es eine Unterrepräsentanz gibt. Der weibliche Anteil von Leuten, die sich mit Kunst beschäftigen, die Kunst machen, liegt bei mindestens 70 Prozent.

Bei den Verkaufswerten gibt es aber eine andere Verteilung.

Lybke: Ja, das ist eine andere Sache. Aber auch da wird es über kurz oder lang Veränderungen geben. Ich habe eine ganz normale Beziehung dazu, dass ich sage: Das wird sich dann durchsetzen. Man muss aber hier nicht irgendwelche Quoten machen. Der Fakt ist: Auch da werden sich Selbstbewusstsein und Wahrnehmung schärfen. Irgendwann ist auch die Vorrangstellung von denen, die bis jetzt die Großverdiener auf dem Markt sind, ändern. Man muss nicht versuchen, irgendwelche Mechanismen anzusetzen, dass sich das ändert. So passiert das nicht, sondern das geht wieder von den Arbeiten, von den Künstlern aus.

Gerhard Richter ist in Deutschland der bestverdienende Künstler; Neo Rauch, der von Ihnen vertreten wird, gehört auch in diese Kategorie. Darunter sind ganz viele Künstler, die im Durchschnitt 1.300 Euro monatlich verdienen. Ist der Kunstmarkt aus dem Gleichgewicht?

Lybke: Er war vielleicht mal aus dem Gleichgewicht, weil es vor zehn Jahren eine Zeit gab, wo man sofort etwas anzubieten hatte, wenn man aus der Kunsthochschule kam, egal wer man war, und es wurde auch sofort gekauft. Das ist nicht die Normalität und das war sie auch nie. Jetzt ist es wieder so, dass es sehr viele Leute gibt, die Kunst studieren und nicht davon leben können. Das war schon immer so. Künstler zu sein, muss man wollen. Da muss einem ziemlich viel egal sein. Wenn man dann wirklich Erfolg hat, darf man sich nicht davon verführen lassen. Da haben Sie zwei gute Beispiele genannt von Personen, die sich nicht vom Erfolg haben verführen lassen, sondern die ganz klar dabei geblieben sind, was sie sind. Beide Künstler sind auch deswegen weltspitze, weil sie bei dem bleiben, was sie von Anfang an gemacht haben: ihr Werk zu verfolgen, ihre Kunst zu machen und sich nicht nach Moden oder anderen Dingen zu richten.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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