Stand: 29.03.2017 17:22 Uhr

Wenn Teenager in Mexico ihr Leben knipsen

von Anne Demmer

Nicht erst seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump und seiner Drohung eine Mauer zu bauen, steckt Mexiko in der Krise. Viele Mexikaner sprechen von einer "sozialen Mauer", die längst existiert. Drogenkartelle dominieren weite Teile des Landes, selbst die Regierung ist immer wieder in Korruptionsskandale verwickelt. Welchen Blick haben Jugendliche auf ihr Leben in Mexiko? Die Hamburger Fotografin Anja Jensen hat im Mexiko-Deutschland-Jahr 2016/17 mit Schülern aus unterschiedlichen Stadtteilen und sozialen Schichten Fototagebücher erstellt, die in Mexiko-Stadt gezeigt werden.

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Iván will sich mit seinen Fotos gegen die gängigen Vorurteile gegenüber Mexiko wehren.

Für sein Fototagebuch hat sich Iván von seiner Freundin mit seinem Hund fotografieren lassen - es ist ein Pitbull. Er umarmt den Kampfhund durch die Gitterstäbe eines Tores hindurch. "Das Foto steht für ganz Tepito, der Stadtteil, in dem ich wohne", erzählt Iván. "Alle sagen, wie gefährlich es hier ist. Und mit dem Bild will ich zeigen - ich umarme den Hund, der ja eigentlich gefährlich ist, aber nichts passiert - und genauso ist es mit Tepito. Wenn man sich auf eine gute Art und Weise den Leuten, die hier leben nähert, dann wird es auch kein Problem geben." Iván will sich gegen die gängigen Vorurteile wehren. Er ist 22 Jahre alt, einige Male sitzen geblieben. Mit seinen roten, kurzen Haaren fällt er auf. Er ist einer von rund 200 Schülern in Mexiko-Stadt, die an dem Fotoprojekt der Hamburger Fotografin Anja Jensen teilgenommen haben.

"Dort, wo ich wohne", sagt Iván, "ist es schon sehr wild. Es ist ganz normal, dass man hier Schüsse hört. Aber mir gefällt, dass es hier viele Traditionen gibt, die Musik ist wichtig. Die Leute versammeln sich auf dem Markt, um zu tanzen. Die meisten Bewohner der Stadt kennen unser Viertel gar nicht, man kommt hier auch nicht so einfach rein. Und durch die Bilder können alle sehen, wie es bei uns ist." Iván hat seine Freundin mit seinem Handy beim Box-Training fotografiert, die Marktstände in seiner Straße, an denen er täglich vorbeikommt und eine bunte Prozession zu ehren der Jungfrau Guadalupe. Die Gewalt und Kriminalität spielen in seinen Bildern keine Rolle.

Blick hinter die Türen eine Gated Community

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Andreas foto zeigt ihre Schwester nach einem Bad im Swimmingpool.

Die Fotos des 22-Jährigen sind derzeit im Fotomuseum von Mexiko-Stadt ausgestellt. Das Haus zeigt eine Auswahl der 6.000 Bilder, die in dem Projekt entstanden sind. Auch Fotos von Andrea sind darunter. Die 14-jährige Schülerin hat ein Portrait von ihrer Schwester gemacht - kurz nach dem Toben im Swimmingpool. Nasse Strähnen hängen der Achtjährigen im Gesicht. Ihr Blick ist ernst. Eindrucksvoll, findet Andrea: "Wir hatten viel Spaß an diesem Nachmittag, deswegen habe ich das Bild gemacht. Das Foto ist sehr ausdrucksstark. Meine Schwester ist das wichtigste, was es für mich gibt. Wir haben im Pool gespielt. Die Aufgabe war ja Fotos von unserem Alltag in Mexiko zu machen."

Andrea wohnt mit ihrer Familie in einem abgeschlossenen Wohnblock. Tag und Nacht sitzt ein Wachmann in einem kleinen Verschlag am Eingangstor. Für das Fotoprojekt hat sie dokumentiert, was sich hinter dieser verschlossenen Tür abspielt, denn raus auf die Straße geht sie alleine kaum, aus Angst vor Überfällen.

Fotos von Angst und Freude

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Die Hamburger Fotografin Anja Jensen wollte mit dem Projekt die Jugendlichen für ihre Lebenswelt sensibilisieren

Auf der Suche nach Motiven mussten Andrea und ihre Mitstreiter sich mit verschiedenen Themen auseinandersetzen, erklärt die Hamburger Fotografin Anja Jensen: "Bei der Frage 'Was macht mich glücklich?' gibt es so gut wie gar keine Unterschiede. Das sind wirklich die Fiestas, die Freunde, das Essen gehen, die Tiere sind auch ganz wichtig. Hunde, aber auch Plüschtiere. Das ist also unabhängig vom sozialen Hintergrund.“ Bei den Fragen "Was macht mir Angst, was ärgert mich?" sehen die Fotos schon unterschiedlicher aus: "Wenn man nach Tepito geht, dort macht die Schüler vor allen Dingen unglücklich, dass sie vermüllen. Es gibt keine Müllabfuhr. Keiner kümmert sich drum, die Bilder gibt es nicht in Stadtteilen von gutbetuchten Mexikanern. Da ist es vielleicht eher der Stacheldraht, der um das Haus gezogen wird, der die Kinder wütend macht, weil sie sich eingesperrt fühlen."

Anja Jensen wollte mit dem Projekt die Jugendlichen für ihre Lebenswelt sensibilisieren, für das, was gut in ihrer Stadt ist, aber auch für die Probleme. "Das ist die Generation, die in Zukunft die Gesellschaft  bestimmen wird“, sagt sie, "und wenn die ihren Blick offen hält, mit den Herausforderungen ihrer Zeit umgehen kann, dann wäre ich überglücklich."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 31.03.2017 | 11:20 Uhr

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