Stand: 21.08.2015 17:00 Uhr

Flüchtlingsunterbringung neu gedacht

Viele Menschen, die als Flüchtlinge zu uns nach Deutschland kommen, haben Schlimmes durchgemacht. Sie brauchen wahrscheinlich Ruhe und Rückzug, sicherlich aber keine Massenunterkünfte. Ziel ist die Unterbringung in ganz normalen Wohnungen, mit der bestmöglichen Integrationschance. Aber wenn das nicht geht, weil einfach der Wohnungsmarkt nichts mehr hergibt?
In Bremen-Nord ist als Übergangslösung für rund 100 Flüchtlinge ein Containerdorf errichtet worden. Das klingt kalt und unpersönlich, fast herzlos - aber das Gegenteil ist der Fall. Hier hat sich ein Team aus Architekten und Betreuern viele Gedanken um das Wohlergehen der Flüchtlinge gemacht. Das Dorf ist seit rund zehn Monaten bewohnt. Und der Erfolg der Bemühungen ist mit Händen zu greifen.

"Das blaue Dorf" in Bremen Grohn

Das Wort "Containerdorf" benutzt hier niemand. "Das blaue Dorf" wird die kleine Siedlung genannt: von Bewohnern und Nachbarn. Von außen sehen die in Blautönen lackierten Elemente schon noch aus wie Container, aber eben nicht wie eine zusammengewürfelte Baubuden-Ansammlung, sondern tatsächlich wie ein Dörfchen. Und innen schwindet der Container-Look völlig: wohnlich und einladend wirken die Räume. "Die Leute sind so glücklich. Eine Familie ist ausgezogen und die Tochter weint jeden Tag. Sie will nach Hause. Ihr Zuhause ist hier", erzählt Marija de Gast. Sie arbeitet seit 30 Jahren als Heimleiterin in verschiedensten Einrichtungen. "Ich habe lange nicht so glückliche Leute gehabt wie hier."

Mediterrane Bauweise

Woran liegt's? Zum großen Teil ist es die bauliche Gestaltung dieser Anlage, sagt Marija de Gast. Hier sind keine Standard-Blechkisten zu einer langen Reihe mit Mittelkorridor zusammengestellt worden, wie es anderswo oft gemacht wird. Tobias Kister vom ausführenden Architekturbüro hat sich von mediterraner Bauweise inspirieren lassen und aus den blauen Containern zweigeschossige Hofhäuser geschaffen. "Gerade in den südlichen Ländern ist ja das introvertierte Haus mit dem Innenhof ein gängiger Typus. Den haben wir hier umgesetzt und dadurch eine kleinere Struktur geschaffen."

Auch wenn alle Bewohner ihr Flüchtlingsschicksal teilen, haben sie doch ganz verschiedene Lebensweisen. Sie kommen unter anderem aus Syrien, Afghanistan, Ghana und Eritrea, und sie brauchen nach den Bürgerkriegs-Schrecken Rückzug und Ruhe. Da hilft es, wenn vor der Tür zu den ganz privaten Räumen Laubengänge oder Innenhöfe eine gewisse Abgeschiedenheit bieten. "Dieser Innenhof ist dann der Wohngemeinschaft vorbehalten,“ so Kister. "Der zweite Schritt wäre dann aus dem Hofhaus heraus auf den großen Platz, wo alle Häuser hin münden."

Ein Konzept, das sich auszahlt

Es gibt keine Großküche und auch kein zentrales Sanitärgebäude, was angesichts der hier vertretenen Kulturen und Religionen auch problematisch wäre. Alle Wohnungen haben Bäder und Küchen, teils sogar rollstuhlgerecht. Das ist natürlich nicht die billigste Lösung, aber sie zahlt sich aus, sagt der Architekt. In den zehn Monaten seit dem Erstbezug hat es hier keine Polizei-Einsätze gegeben, keine Unruhen, keinen Vandalismus. Die Menschen gehen sorgsam mit ihrem Dorf um, denn sie fühlen sich hier wohl - das erfährt auch die Heimleiterin Marija de Gast immer wieder: "Die kriegen ein Angebot für eine Wohnung und fragen mich dann, ob sie nicht hierbleiben dürfen."

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In Bremen Walle steht eine weitere Wohneinrichtung entworfen von den Architekten BDA Feldschnieders + Kister.

Kinder verschiedenen Alters und verschiedener Hautfarben erkunden den zentralen Platz und den kleinen Spielplatz. Die Haltestelle der Bremer Verkehrsbetriebe ist nicht weit, die Nachbarn kommen und bringen Spielzeug, Möbel, Kleidung. Die Anbindung ist optimal, findet die Heimleiterin. Gleichzeitig können sich die traumatisierten Bewohner aber auch mal zurückziehen, wenn ihnen danach ist: "Ich kann mit den anderen Kaffee trinken, aber ich kann mich auch zurückziehen. Dann bin ich alleine, keiner sieht mich und keiner kommt.“ Der durchdachte Aufbau dieses 100-Seelen-Dorfs hat sich in den Augen von Heimleitung und Architekten bewährt. Eine Erweiterung um 60 Wohnplätze ist in Vorbereitung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 21.08.2015 | 09:20 Uhr