Sendedatum: 13.10.2015 14:40 Uhr

Eine politische Buchmesse in Frankfurt

Die Frankfurter Buchmesse 2015 hat begonnen. Zur Eröffnungspressekonferenz kam der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie als Gastredner. Ein Gespräch mit Claudia Christophersen über ihre Eindrücke vom Auftakt.

NDR Kultur: Die Pressekonferenz heute Vormittag hatte ein besonderes Highlight: Salman Rushdie war als Gastredner eingeladen. Wie haben Sie das erlebt?

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Lässt sich sein recht auf freie Meinungsäußerung nicht nehmen: Der Autor Salman Rushdie.

Claudia Christophersen: Das bedeutete hohe Sicherheitsvorkehrungen: Schon im Vorfeld mussten akkreditierte Journalisten sich einer Zuverlässigkeitsüberprüfung unterziehen. Der Personalausweis wurde kontrolliert. Es wurden Taschen kontrolliert; der Körper wurde mit einer Sonde gegen metallische Gegenstände abgesucht. Also: das ganze lief heute wie am Flughafen. Bevor die Konferenz dann losging gab es ein riesiges Blitzlichtgewitter. Das Interesse war groß.

Salman Rushdie war also da. Was hat er denn gesagt?

Christophersen: Er war erfrischend. Man muss sagen: Salman Rushdie geht gerne unter Leute, scheut nicht die Gefahr. Und eine Buchmesse verkörpert für ihn den Gedanken der Meinungsfreiheit. Das gefällt ihm, überzeugt ihn. Weil er der Ansicht ist, Meinungsfreiheit ist nicht etwas kulturell spezifisches, sondern etwas, was jeder Mensch braucht wie die Luft zum Atmen. Das war schon sehr beeindruckend.

Rushdie geht sehr selbstbewusst mit dem Thema um, weil er selbst erlebt hat, was es bedeutet, existentiell bedroht zu sein, weil man seine Meinung geäußert hat. Für seinen Roman "Die satanischen Verse" wurde er mit der Fatwa, der Todesstrafe, belegt. Und es ist immer noch ein Kopfgeld auf ihn ausgeschrieben, das erst 2012 auf 3,3 Millionen US-Dollar erhöht wurde. Insofern muss man sich klar machen, was es bedeutet, dass Rushdie hier aufgetreten ist.

Warum hat die Buchmesse denn trotzdem Salman Rushdie eingeladen?

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Schon jetzt kann NDR Kultur Redakteurin Claudia Christophersen berichten, dass die Buchmesse in Frankfurt sehr politisch wird.

Christophersen: Nun - Salman Rushdie hat erst kürzlich ein neues Buch geschrieben, dass ja auch in Deutschland erschienen ist "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" und in diesem Buch beschäftigt sich Rushdie mit religiösem Fanatismus. Und damit ist er natürlich hochaktuell: denkt man an den Bürgerkrieg in Syrien, an die Terrormiliz Islamischer Staat. Übrigens: der Iran hat seine Teilnahme in Frankfurt abgesagt; der Direktor Boos bedauert das sehr, unabhängige iranische Vertreter der Buchbranche kommen aber trotzdem.

Wie war denn die Stimmung, losgelöst von Rushdies Auftritt?

Christophersen: Man hat den Eindruck, in diesem Jahr beschäftigt man sich auch hier in Frankfurt mit den realen Problemen. Es soll eine politische Buchmesse werden, politisch wie lange nicht mehr, so sagte Jürgen Boos, Direktor der Buchmesse. Er erinnerte sich an das Jahr 1989, an die Rolle des Verlegers in einer extrem komplizierten Welt. Für ihn absolut vergleichbar mit einer komplizierten Weltlage in der wir uns jetzt auch befinden.

Wie ist denn die Situation in der Verlagsbranche? Wurde dazu etwas gesagt?

Christophersen: Ja. Das hat Heinrich Riethmüller (Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) gemacht. Natürlich wurde das Thema Online-Handel angesprochen. Im letzten Jahr ein riesiges, auch nervöses Thema. Diese ganze Thematik aber sieht man in diesem Jahr sehr viel entspannter. Man hat den Eindruck das Thema ist "durch". Zwischen 16 und 17 Prozent der Bücher werden übers Internet verkauft. Prekäre Arbeitsverhältnisse, zum Beispiel, hatten für Negativschlagzeilen gesorgt und die seien, so Riethmüller beim Kunden angekommen. Das sei eine gute, beruhigende Nachricht und tue dem stationären Buchhandel gut.

Das Gespräch führte Eva Schramm.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.10.2015 | 14:40 Uhr

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