Stand: 17.07.2017 16:45 Uhr

Ein Suchender aus Leidenschaft

John Coltrane war nicht einmal 40 Jahre alt als er am 17. Juli 1967 starb. Und doch hat der Saxophonist aus North Carolina Spuren hinterlassen, die bis mindestens in die Gegenwart reichen und wahrscheinlich noch bis weit in die Zukunft. Aber warum eigentlich? Was macht ihn unter den unzähligen Saxophonisten im Jazz dieser Welt so einzigartig? Antworten darauf, gibt Peter Kemper, ehemaliger Kulturredakteur im Hessischen Rundfunk, der Coltrane gerade eine neue Biografie gewidmet hat.

NDR Kultur: Es ist ja nicht so, als hätte John Coltrane das Saxophon erstmals in den Jazz eingeführt. Nach ihm hat es auch noch unzählige Jazz-Saxophonisten gegeben. Was macht ihn aus Ihrer Sicht so einzigartig?

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John Coltrane ist Inspiration und Vorbild für unzählige Musiker.

Peter Kemper: Ich glaube, es gibt keinen Jazz-Musiker im 20. Jahrhundert, der in so kurzer Zeit eine so rasante und zugleich radikale künstlerische Entwicklung durchlaufen hat wie er. Das kann man anhand seiner Schallplattenaufnahmen und damals auch während der Konzerte hören. Ich glaube, seine ganze Karriere war eine ständige Suchbewegung, eine Folge von Häutungen. Wenn er mal einen Stil gefunden hatte, sei es nun die modale Spielweise bei Miles Davis oder vorher auch die Bebop changes, dann war das schon für ihn uninteressant geworden. Wenn er es einmal erforscht hatte, dann wandte er sich ab, oft zum Leidwesen übrigens der Fans und auch der etablierten Jazz-Kritik. Er suchte dann gleich etwas Neues, was im Grunde erahnbar war, was aber noch nicht ganz klar war. Deshalb war Coltrane für mich ein Suchender aus Leidenschaft. Und diese radikale Suche, dieses radikale sich selbst in Frage stellen, das macht ihn auch so interessant.

Warum war er so ein Sucher? Er hat als Musiker schon sehr früh andere Elemente aufgenommen: Als es so etwas wie Crossover noch gar nicht gab, da hat er schon afrikanische oder orientalische Einflüsse übernommen. Er war ein großer Fan von Ravi Shankar. Hat er das alles aufgenommen, weil er ein überzeugter Musiker war oder in erster Linie ein Sucher, womöglich auch ein Sinnsucher?

Kemper: Ich glaube beides. Sinnsuche funktionierte bei ihm ausschließlich über Musik. Man hat ja oft vom "Rätsel Coltrane" gesprochen, man hat einfach auch nicht verstanden, wie jemand dann am Ende seines Lebens im Grunde selbst das Saxophon überwunden hat und sich nur noch auf die Brust trommelte und sang und sagte: "Mir ist das Saxophon ausgegangen." Weil er diese Fülle an transzendentalen Gefühlen, an religiösen Gefühlen, an spirituellen Momenten gar nicht mehr ausdrücken konnte. Das hat man wenig verstanden und ich glaube, es gibt so ein paar Wegmarken bei ihm, die die Sache ein bisschen verständlicher erscheinen lassen: Man darf nicht bergessen, Coltrane war zehn Jahre lang stark drogenabhängig. Er hat 1948 zum ersten Mal Heroin konsumiert. Das ging dann bis 1957 mit ups and downs. Er ist aus verschiedenen Bands rausgeflogen. Miles Davis hat ihn 1957 wegen seiner Heroinsucht gefeuert.

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Und dann gab es - das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber er hat das später selber so genannt - eine Art religiöses Erweckungserlebnis. Er hat nämlich von einem Tag auf den anderen diesem ganzen Drogenkonsum, da kam auch Alkohol dazu, abgeschworen und hat sich seitdem musikalisch radikalisiert. Weil er sagte: "Es geht mir in der Musik darum, die Wahrheit zu suchen." Die Wahrheit, das war für ihn vor allen Dingen der wahre Klang, der wahre Sound. Er suchte so etwas wie den absoluten Sound und ich deutete es eben schon an: Dieser absolute Sound war für ihn letztlich durch das Saxophon auch gar nicht mehr zu realisieren.

Ich bin zu meiner Coltrane-Biographie, zu diesem neuen Buch, eigentlich durch eine Erfahrung gekommen, die für mich absolut rätselhaft war und die mich zutiefst berührt hat: Ich habe nämlich in einem Buch von Rashied Ali, seinem letzten Schlagzeuger, gelesen, dass Coltrane in seinen letzten Lebensmonaten immer wieder auf dem Höhepunkt seiner Soli das Saxophon aus dem Mund genommen hat und dann angefangen hat, sich wie in einem archaischen Ritual auf die Brust zu trommeln und dabei nur noch in das Mikrophon hineingesungen oder gesummt hat. Und als Rashied Ali ihn gefragt hat, was er da macht, da sagte er: "Mir ist das Saxophon ausgegangen." Und dieser Satz, der hat mich dazu gebracht zu fragen: Moment mal, was heißt das denn? Heißt das, das Musikinstrument reicht nicht mehr hin? Was wollte er denn überhaupt? Und er wollte am Ende so etwas wie den Urklang. Es gibt ja die Platte "Om" von ihm - dieses "Om mani padme hum", dieser reine Atem, der durch das Saxophon läuft. Das waren so Ideale von ihm, das war zum Teil religiös motiviert, spirituell motiviert, es gibt auch ein paar politische Anteile in seiner Entwicklung. Letztlich war Coltrane deshalb so spannend und er ist es immer noch, wenn man sich "A Love Supreme" heute anhört. Das ist im Grunde Bach goes Jazz. Diese Tiefe, seine Sounds, die berührt die Menschen noch.

Er hat ja auch die sogenannten "sheets of sounds" erfunden oder entwickelt. Das sind Klangflächen, die aber eben nicht daraus bestehen, dass sie langgezogenen Töne sind, sondern dass sie ganze Tonkaskaden in einer besonderen Tonalität wiedergeben. Das ist ganz oft versucht worden zu kopieren, aber kaum je gelungen. Wie kam er dazu und was wollte er damit?

Kemper: Das war auch eine Wegmarke auf diesem Weg hin zum absoluten Sound. Das war 1958 und dieser Terminus "sheets of sound", das heißt so in etwa "Klangflächen", wenn man es übersetzen wollte, der wurde geprägt von einem Jazz-Kritiker namens Ira Gitler. Und der beschreibt, wie Coltrane rasend schnell gespielte Tonleitern in Sechzehntelnoten und in Arpeggios zerlegt und das so schnell macht, dass beim Hörer die Illusion von Flächen entstehen. Das heißt, die Einzeltöne sind als solche nicht mehr indentifizierbar, sondern verschwimmen zu einer Fläche. Und das wurde dann fortan ab 1958 zu einem seiner Markenzeichen. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass dieser radikalen Entwicklung vom braven Swing, über Bebop bis zum ultimativen Free Jazz viele Kritiker mit Skepsis gegenüberstanden. Man glaubt es kaum, was sich da an Tönen letztlich für eine Debatte entzündet hat.

Der Jazz-Saxofonist John Coltrane © picture alliance / Courtesy Everett Collection Fotograf: Courtesy Everett Collection

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NDR Kultur | Journal | 17.07.2017 | 19:00 Uhr

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