Stand: 12.10.2015 17:42 Uhr

Dunkles Deutschland: "Herrschaft des Mobs"

500 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland: So lautet die erschreckende Bilanz des Jahres 2015. Wie entsteht dieser Fremdenhass? Was für Menschen sind die Brandstifter? Und wie kann man ihnen begegnen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Dokumentarfilm "Dunkles Deutschland". Einer der Autoren ist der Berliner Journalist Olaf Sundermeyer. Er befasst sich schon seit Jahren mit der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.

NDR Kultur: Herr Sundermeyer, "Dunkles Deutschland" heißt ihr Dokumentarfilm, sieht es bei uns wirklich so finster aus, ist das Ihr Fazit?

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"Es gibt Gegenden, wo die Stimmung kippt oder zu kippen droht", so Filmemacher Sunermeyer.

Olaf Sundermeyer: Es ist phasenweise finster, das muss man schon so deutlich sagen. Wir erleben zwar schon eine sehr starke Willkommenskultur, auch wenn sich das in den letzten zwei Wochen in der politischem Debatte etwas anders darstellt, aber es gibt Orte in Deutschland, wo die Front der Fremdenfeinde, die wir in unserer Dokumentation zeigen, aufeinander zuläuft. Wir haben Pegida, die in Dresden auf die Straße ziehen, wir haben die rechtspopulistische AfD, wir haben die NPD, wir haben Splittergruppen wie "Die Rechte" oder den "Dritten Weg", die alle jetzt Oberwasser haben. Die AfD hat Umfragewerte, von denen sie vor Monaten nur träumen konnte; Pegida hat das Klima nachhaltig beeinflusst, und es gibt Gegenden, wo die Stimmung einfach kippt oder zu kippen droht. Zum Beispiel in Meißen, das konnten wir auch zeigen, wo die Proteste nach einem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft noch stärker geworden sind.

Haben Sie denn den Eindruck, dass Pegida und AfD den Hass erst entfachen? Oder war der schon immer da, und die Menschen trauen sich jetzt bloß an die Öffentlichkeit?

Sundermeyer: Das ist eine Wechselwirkung. Diese fremdenfeindlichen und rassistischen Einstellungen sind leider weit verbreitet, im Osten noch etwas mehr als im Westen, und Pegida hat zu einem Sinken der Hemmschwelle geführt; die AfD profitiert davon. Gemeinsam facht man diese Stimmung weiter an. Bei Pegida ist zum Beispiel jetzt die Rede davon, dass man "zivilen Ungehorsam" leisten soll, das heißt, es wurde dazu aufgerufen, die Zufahrten zu Flüchtlingsheimen zu blockieren. In vielen Orten gibt es einen rechten Mob, der, unterstützt von den so genannten "besorgten Bürgern", Front macht. Und zwar in einem Außmaß, wie es vor einem Jahr noch nicht denkbar gewesen ist.

Welche Beobachtungen haben Sie bei Ihren Recherchen am meisten erschreckt? Und welche vielleicht auch positiv überrascht?

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Nach dem Brand: Die Turnhalle in Nauen, in der Flüchtlinge untergebracht werden sollten.

Sundermeyer: Am meisten erschreckt die Wirkung, wenn beides zusammen kommt. Die harte, aktive rechtsextremistische Szene, die es punktuell überall in der Republik gibt, aber dann auch der Anschluss an die bürgerliche Mitte. Nur wo die beiden gemeinsam wirken können, tut sich ein Klima auf, bei dem man von einer Herrschaft des Mobs reden kann. Das zeigen wir dezidiert am Beispiel von Meißen. Aber es gibt auch Hoffnung, selbst an einem Ort wie Meißen. Dort gibt es einen Bauunternehmer, dem das Haus gehört, was dort gebrannt hat, in dem die Flüchtlinge untergebracht werden sollten. Er gehört zu den größten Arbeitgebern der Stadt und beschäftigt 75 Menschen, da sind auch drei bekennende Rassisten dabei, die gegen die Flüchtlinge auf die Straße gehen. Wir haben ihn gefragt, was er machen würde, wenn er den Täter träfe - und er hält kurz inne und sagt: ich würde ihm Arbeit geben. Also es gibt auch Hoffnung.

Es gibt Pfarrer, es gibt die Zivilgesellschaft, es gibt einzelne Kommunalpolitiker wie den Bürgermeister von Nauen in Brandenburg, wo über Monate ein rechter Mob aktiv gewesen ist, von der NPD gesteuert. Dort wurde am Ende eine für Flüchtlinge hergerichtete Turnhalle in Brand gesteckt. Der Bürgermeister sagt, jetzt müssen Flüchtlinge erst recht in unsere Kommune kommen! Weil alles andere ein falsches Zeichen an die Brandstifter wäre. Solche Leute gibt es auch. Aber viele Orte, gerade in Sachsen, drohen zu kippen, deshalb haben wir es als unsere Aufgabe gesehen, den Finger in die Wunde zu legen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.10.2015 | 16:20 Uhr