Stand: 24.10.2016 18:02 Uhr

Promotionsrecht: "Eine törichte Entscheidung"

Als bundesweit erste Fachhochschule hat die Hochschule Fulda jetzt ein eigenes Promotionsrecht erhalten. Bislang hatten Studentinnen und Studenten an Fachhochschulen nur in Zusammenarbeit mit einer Universität die Möglichkeit zu promovieren. Dass an einer Fachhochschule der Doktorhut erworben werden kann, könnte jetzt Modellcharakter und damit Auswirkungen auf das deutsche Hochschulsystem insgesamt haben. Ein Interview mit Dieter Lenzen, dem Präsidenten der Universität Hamburg.

NDR Kultur: Herr Lenzen, an Ihrer Universität ist es die gute, alte Dissertation, die geschrieben werden muss, um promoviert werden zu können. Was halten Sie davon, dass das nun künftig auch an einer Fachhochschule, eben in Fulda, möglich sein wird?

Bild vergrößern
Dieter Lenzen befürwortet eine Kooperation zwischen Universitäten und Fachhochschulen.

Dieter Lenzen: Diese Entscheidung ist so gravierend, dass man über die Folgen im Augenblick nur spekulieren kann. Wir dürfen nicht übersehen, dass das Recht Promotionen durchzuführen, seit dem 14. Jahrhundert den Universitäten vorbehalten war. Diese Regel ist jetzt durchbrochen worden und sie hat an zwei Stellen Folgen: Dass Universitäten dieses Privileg hatten, hatte den Grund, dass ein sehr breites Fächerspektrum angeboten wird, sodass eine Promotion in eine Vielfalt von Fächern eingebettet ist. Ursprünglich musste man eine Promotion in drei Fächern machen und nicht in einem usw. Wenn wir jetzt so eine Kanalisierung in Spezialdisziplinen bekommen, etwa im Schiffsbau, dann stellt sich die Frage, ob das der richtige Weg ist.

Das zweite Problem: Wie wollen Sie, wenn Sie den Fachhochschulen das Promotionsrecht einräumen, es dann den Max-Planck-Instituten, den Helmholtz-Instituten verweigern? Also all den außeruniversitären Einrichtungen, die das auch gerne hätten und die auf ganz anderen Niveaus operieren als selbst teilweise Universitäten. Es ist eine schwere, fast törichte Entscheidung.

Die Struktur von Universitäten und Fachhochschulen unterscheidet sich gravierend. An Universitäten findet tatsächliche Grundlagenforschung statt - Fachhochschulen sind vor allem anwendungsbezogen. Wenn das Promotionsrecht nun auch für Fachhochschulen ausgeweitet wird, widerspricht das ja eigentlich auch der ursächlichen Aufgabe: anwendungsbezogen und praxisorientiert zu arbeiten.

Link
Link

Ohne Uni zum Doktortitel

Erstmals überhaupt erhält eine deutsche Fachhochschule das Promotionsrecht. Mehr zu dem Beschluss bei tagesschau.de. extern

Lenzen: Die Differenzen zwischen Fachhochschulen und Universitäten - das ist ein Prozess, der seit etlichen Jahren im Gange ist - verschleißen sich zunehmend. Die Fachhochschulen haben auch irgendwann angefangen sich als "Universities of Applied Sciences" zu bennenen. Der Universitätstitel ist geschützt in Deutschland - insofern sind sie ausgewichen auf den englischen Titel. Das zeigt, dass es zunehmend Vermischungen gibt. Es gibt zweifellos hervorragende Hochschulen, bei denen man bedenkenlos dafür sein könnte, dass so verfahren wird, dass eine Fachhochschule zusammen mit einer Universität dieses breite Spektrum dann auch nutzt. Aber es gibt auch im privaten Bereich eine ganze Fülle von Branchenfachhochschulen mit Miniaturzahlen von drei, vier Professuren, wo man nicht ernsthaft erwarten kann, dass so etwas legitimierbar ist.

Hat sich denn die Forschungsleistung an einer Fachhochschule inzwischen auch so verändert, dass sie den Ansprüchen einer Universität gleicht?

Lenzen: Ich glaube, es geht hier gar nicht um die Wo-Frage, sondern es geht mehr um die vertikale Differenz. Eine Promotion gehört in den Grundlagenbereich hinein und nicht in einen Typus von Hochschulen, die ursprünglich aus den Ingenieursschulen hervorgegangen sind. Das ist lange her - das ist keine Frage. Es gibt natürlich Forschungen an den Fachhochschulen, die sich absolut messen lassen können mit denen an Universitäten. Man wird also außerordentlich differenzieren müssen - auch im Hinblick auf die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer, die das machen dürfen - und kann nicht einer Institution ein solches Recht pauschal einräumen. Die Idee einer kooperativen Promotion, wie wir sie in Hamburg verfolgen, scheint mir der bessere Weg zu sein.

Schauen wir auf die andere Perspektive: auf die Fachhochschule. Welche Vorteile bringt ihr das Promotionsrecht? Braucht sie Doktoranden, um auch im internationalen Vergleich bestehen zu können, um entsprechende Gelder einwerben zu können?

Lenzen: Ich glaube, es handelt sich hier um eine Standesauseinandersetzung, und weniger um eine fachliche Frage. Natürlich ist es so, dass für viele Menschen in der Öffentlichkeit eine Universität für etwas Besseres gehalten wird als eine Fachhochschule - das ist aber Unfug. Natürlich ist es so, dass angewandte Studien in vielen Bereichen adäquater sind als Grundlagenforschung. Die Universität bildet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus - das ist nicht die Aufgabe der Fachhochschule. Wir führen hier eine Vermischung ein, deren Ende überhaupt nicht absehbar ist, und möglicherweise am Ende auch eine Vervielfältigung von Promotionen, die bedauerlicherweise auch schon stattgefunden hat durch die medizinischen Promotionen für Ärzte und nicht nur für Wissenschaftler.

Grundsätzlich wird beklagt, es gäbe zu viele Doktoranden, der Titel sei viel zu leicht zu bekommen. Jetzt also auch noch an Fachhochschulen. Ist das nicht eine grundsätzliche Verschiebung in der Bildungs- und Wissenschaftslandschaft?

Lenzen: Das ist richtig. Man wird nicht drum herumkommen, verschiedene Typen von Promotionen auch sichtbar zu unterscheiden. Wir haben im Augenblick in der Medizin die Debatte, ob wir dort zwei Typen von Promotionen einführen: einmal die praktische, auf die der Arzt zusteuert, und die wissenschaftsorientierte. Auch hier wird das notwendig sein, denn die potentiellen Arbeitgeber, die ja nicht alle in der Wissenschaft tätig sind, müssen unterscheiden können, wer sich bei Ihnen bewirbt und welchen Status die Promotion hat, die vorliegt.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Übersicht

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.10.2016 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

03:02
01:49

Bomben-Prank: YouTuber erhält Bewährungsstrafe

18.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:35

Giora Feidman begeistert in Hamburg

18.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal