Stand: 28.04.2017 15:04 Uhr

Die fragile Gegenmacht

von Mathias Greffrath

Warum die Gewerkschaften politische Ziele brauchen

Bild vergrößern
Mathias Greffrath ist Soziologe und Journalist. Er schreibt unter anderem für die "ZEIT", die "TAZ" und das Radio.

"Gewerkschaften sind nicht mehr die vorwärtsweisenden Organisationen selbstbewusster Zukunftsgruppen. Ihre Thematik ist defensiv und ihre Anhängerschaft ängstlich." Das schrieb im Mai 1984 der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf. Sein Befund: Die  große Zeit der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie gehe zu Ende. Im Großen und Ganzen hätten diese Organisationen ihre Ziele erreicht, der Klassenkampf sei beendet. In der neuen Welt der Globalisierung aber seien SPD und Gewerkschaften zu "Zukunftsbremsern" geworden, die notwendige Modernisierungen verhinderten.

Dahrendorfs Aufsatz erschien, als die Regierung Kohl sich gerade an die "notwendige Modernisierung" machte, sprich die Schwächung der Gewerkschaften und die Deregulierung der Arbeitsverhältnisse. Und 1994, in dem Jahr, in dem Dahrendorf den Klassenkampf ins Museum schickte, gründete ein Mann namens Wilhelm Schelsky im Siemens-Konzern, mit zweistelligen Millionenbeträgen von der Geschäftsführung unterstützt, eine "unabhängige", das heißt kapitalkonforme Gewerkschaft. Offenbar ist der Klassenkampf, sprich die ewig währende Auseinandersetzung um die Anteile am erarbeiteten Reichtum der Gesellschaft, nur für liberale Professoren zu Ende.

"Wir fangen von vorne an"

Aber in einem hatte Dahrendorf Recht: Das Modell Deutschland funktionierte nicht mehr richtig. Seit Ende der 60er-Jahre war das Nachkriegswachstum erlahmt. Mit der Arbeitslosigkeit und dem Schwinden der Normalarbeitsverhältnisse sank die Durchsetzungsmacht der Gewerkschaften. Gleichzeitig wurde die SPD allmählich zum kleinen Partner im liberalen Mainstream, der keine Alternative zur Krisenbewältigung kennt als die Hoffnung auf erneuertes Wachstum. Was die Regierung Schröder dann mit Hartz IV und heftigen Steuersenkungen ins Werk setzte. Mit der Stärke schrumpften die Mitgliederzahlen. Die SPD verlor fast die Hälfte ihrer Genossen, der Organisationsgrad der Gewerkschaften halbierte sich.

"Wir fangen von vorne an", so schrieb der Soziologie Oskar Negt, der die Gewerkschaften sein Leben lang beobachtet hat. Aber können sie überhaupt jemals das wieder werden, was sie nach Dahrendorf einmal waren: die "vorwärtsweisenden Organisationen selbstbewusster Zukunftsgruppen"?

Solidarität wird schwer organisierbar, wenn Automatisierung und Leiharbeit die Belegschaften schrumpfen lassen und spalten. Wenn in schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs oder Start-ups überlebt geglaubte Formen des Sozialen wieder auftauchen: Extremformen des Tagelohns oder die ganz offiziell "mechanische Türken" genannten Heimarbeiter für Amazon, die am Computer für ein paar Cent im Stücklohn Korrektur lesen oder Adressen suchen - isoliert voneinander, in unsichtbarer Kooperation mit tausenden anderer an tausend Orten der Welt. Wie soll so etwas zu organisieren sein?

Wir fangen ganz von vorn an - das heißt auch: die alte Arbeitsteilung, der gemäß die Gewerkschaften für die unmittelbaren Interessen der Arbeitnehmer und die Sozialdemokraten für die politische Gestaltung einer lebenswerten Zukunft zuständig sind, sie funktioniert nicht mehr.

Die Sozialdemokratie ist derzeit nicht einmal in der Lage, radikale strukturelle Reformen zu denken. Ein Grund dafür ist: Sie ist nicht mehr repräsentativ. Die Sozialdemokratie, das sind im Kern, so sagt es die Forschung, 80.000 "ämterorientierte Aktive", Angehörige der zumeist akademisch gebildeten oder dem öffentlichen Dienst angehörigen Mittelschicht. Grundlegende Reformideen sind da nicht zu erwarten. Der aktuelle Wahlkampf macht das deutlich: Außer großkalibrigen Worten - Würde, Gerechtigkeit - und kleinen Forderungen (ein etwas abgemildertes Hartz IV-Regime) wird wenig geboten außer Drehen an kleinen Rädern: etwas mehr Familiengeld, etwas weniger Steuern.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 30.04.2017 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Die-fragile-Gegenmacht,gedankenzurzeit1006.html

Mehr Kultur

29:11

Lieb & Teuer - Die komplette Sendung

24.09.2017 16:00 Uhr
Lieb & Teuer
05:52

Schmuckanhänger mit Perle

24.09.2017 16:00 Uhr
Lieb & Teuer
04:30

Meissener Porzellanteller

24.09.2017 16:00 Uhr
Lieb & Teuer