Stand: 30.10.2015 18:29 Uhr

"Die Schweiz ist auf dem falschen, rechten Weg"

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Lukas Bärfuss warnt vor Fermdenhass; dieser sei ein Angriff auf unsere Werte.

Vor gut zwei Wochen hat die Schweiz gewählt. Das Ergebnis war ein klarer Sieg für die rechtskonservative Volkspartei SVP. Kurz davor hatte sich der schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss zu Wort gemeldet. Die Schweizer Wahl ist vorbei, nicht die Debatte, die Bärfuss ausgelöst hat.

NDR Kultur: Herr Bärfuss, ohne Umschweife hatten Sie eine Zustandsbeschreibung ihres Landes formuliert. Die Schweiz sei auf dem falschen, rechten Weg, mit der Kultur gehe es bergab und mit den Medien ebenfalls. "Die Schweiz ist des Wahnsinns", so die Überschrift Ihres Artikels in der "FAZ". Sie haben Ihren Text also in einer deutschen Zeitung veröffentlicht, warum nicht in einer schweizer Zeitung?

Lukas Bärfuss: Es bot sich die Gelegenheit, in dieser sehr respektablen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Essay zu veröffentlichen und ich habe diese Gelegenheit wahrgenommen. Ich habe schon vorher in Deutschland publiziert und werde es weiterhin tun.

Sie sagen, die Schweiz sei auf dem falschen Weg. Was stimmt nicht in Ihrem Land, welche Kritikpunkte haben Sie?

Bärfuss: Ich stelle fest, dass in der Schweiz die demokratischen Instrumente, wie z.B. die Direkte Demokratie, in den letzten Jahren zu großen Problemen geführt haben. Konkret, der 9. Februar 2014: Die Abstimmung über die Masseneinwanderung ist nicht kompatibel mit den Verträgen, die wir in der EU haben und niemand weiß, wie es weitergehen soll. Die Minarett-Initiative hat zu großen verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten geführt und ich fürchte, dass das Mittel der Initiative zum Propaganda-Instrument der Parteien geworden ist und nicht mehr die legitimen Interessen eines Großteils der Bevölkerung abbildet.

Viele haben auf Ihren Text reagiert, die Debatte hat sich dynamisiert, Ihnen wird Paranoia bescheinigt. Verletzt Sie das oder spornt Sie das an?

Bärfuss: Mich würde das verletzen, wenn ich nicht auf der anderen Seite so viel Zuspruch erhalten würde und wenn ich nicht sehen würde, dass da ein freier Gedanke anerkannt wird und etwas ausgelöst hat. Was könnte man sich mehr wünschen von einem Text, der in einer Zeitung erschienen ist?

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Roger Köppel von der "Züricher Weltwoche" und Mitglied der SVP schrieb in der "FAZ" einen 'Gegenartikel'. Er verteidigt sein Land, sagt, die Schweiz sei kein abgeschottetes Jammertal, sondern ein verwundbarer Kleinstaat, der sich dank politischer Selbstbestimmung und wirtschaftlicher Weltoffenheit erstaunlich friedlich und erfolgreich durch die Geschichte manövriere. Können Sie verstehen, was Herr Köppel Ihnen damit sagen möchte?

Bärfuss: Es gibt verschiedene Wirklichkeiten. Man kann die Wirklichkeit anhand der wirtschaftlichen Parameter beschreiben, anhand der geschichtlichen Situation, aber auch vorausschauend beschreiben. Das vorausschauende Beschreiben ist etwas, was den Dichtern und der Literatur gemein ist. Ich habe keinen Widerspruch zu dieser Argumentation gefunden, in keinem Artikel, der seither erschienen ist.

Sie wundert sicherlich, dass aus der Schweiz so wenig Widerstand gegen rechtspopulistische Tendenzen kommt. Früher waren es Schriftsteller wie Max Frisch, die sich wie Sie eingemischt und empört haben. Sie werden auch von Kollegen angegriffen, da ist viel Kritik im Raum. Wie kommt es zu solchen Emotionen?

Bärfuss: Das müssten Sie die Menschen fragen, die diese Emotionen haben. Die Einwände, die Dichter formulieren, sind immer unerwünscht. Das war vor 20 Jahren genauso wie heute. Dieses Unerwünschte ist auch ein Zeichen für die Kraft, die das freie Wort und der freie Gedanke in unserer Gesellschaft haben.

Gibt nicht die Schweiz, die sich eigentlich als weltoffen und international versteht, ihre Identität auf, wenn Fremdenhass auf einmal auf gesellschaftliche Akzeptanz stößt?

Bärfuss: Es ist ja nicht nur die schweizerische Gesellschaft, die ihre Ideale verrät. Es ist überhaupt die Idee des westlichen Verfassungsstaates, dass jeder Mensch aus seinem Leben das Beste machen soll und darf, dass er sein gegebenes Schicksal nicht akzeptiert. Deshalb ist die Feindseligkeit, mit der man Flüchtlingen begegnet, ein Angriff auf unsere Werte. Das ist sehr gefährlich für unsere Gesellschaft.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Das komplette Gespräch können Sie hier nachhören:

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.10.2015 | 19:00 Uhr