Stand: 23.02.2016 20:16 Uhr

On- und Offline: Die sprachliche Enthemmung

Kränken, herabsetzen, verletzen; Gerüchte in die Welt setzen, ätzen, hetzen; im Sessel sitzen, Gift verspritzen - die Möglichkeiten sind mannigfaltig, die das Internet bietet. Auf der Bettkante kauernd, am stillen Örtchen lauernd: Wo immer uns danach ist, geigen wir andern die Meinung, aus Laune oder Wut, ohne Rücksicht auf Verluste am eigenen Image oder dem der andern. Und einmal in Fahrt gekommen, gestärkt durch die Community, rennen wir auf die Straße und toben die Radikalität, die wir virtuell scharf gemacht haben, in Echt und Farbe an Mitmenschen aus. Das muss nicht zwingend so sein. Aber der Verdacht ist da: Soziale Medien taugen als "Brandverstärker", wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen formulierte.

Macht Social Media uns radikal? So lautet das Thema der NDR Debatte in dieser Woche. Der Sprachwissenschaftler und Blogger Professor Anatol Stefanowitsch glaubt, dass wir im sprachlichen Bereich noch eine Verschärfung erleben werden.

Herr Stefanowitsch, wenn es dieser Tage darum geht, was in Sozialen Netzwerken schief läuft, fällt ganz schnell das Schlüsselwort "Hass". Ist 'hate speech' so etwas wie das Signum der Radikalität im Netz?

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"Da ist noch einiges zu erwarten", sagt Anatol Stefanowitsch im Hinblick auf die in Sozialen Netzwerken verwendete Sprache.

Anatol Stefanowitsch: Es fällt auf jeden Fall auf, dass diese Hassrede, individuelle Beleidigungen, aber auch Aufrufe zur Vernichtung von Individuen oder von ganzen Gruppen sehr stark in den öffentlichen Teil des Netzes vorgedrungen sind. In versteckten Foren gab es das schon lange, aber dass das durch die Sozialen Medien jetzt derartige Verbreitung erfährt, das ist ein Phänomen der letzten Jahre.

Ist das ein Prozess der Enthemmung, der da stattfindet? Und wenn ja, woran liegt es?

Stefanowitsch: In irgendeiner Art und Weise muss es ja ein Prozess der Enthemmung sein, denn die Leute sind bereit unter ihren Klarnamen, auf Facebook häufig mit dem persönlichen Account verknüpft, Dinge zu äußern, die sie vor zehn Jahren nur gedacht, aber so vielleicht nicht gesagt hätten.

Die Frage ist, ob die Enthemmung durch die Sozialen Netzwerke verursacht wird: Erst radikalisiert man sich im Netz, und dann trägt man das auch auf die Straße. Diese Kausalität halte ich für möglich, aber auf jeden Fall nicht für belegt.

Woran erkennt man eigentlich 'hate speech'? Ist das immer nur das giftige Vokabular, sind das Kraftausdrücke, die da vorkommen, oder gibt es da auch viel subtilere Formen?

Stefanowitsch: Am deutlichsten erkennt man das dort, wo es Wörter oder Begriffe gibt, die die Verachtung, die Stereotypisierung oder die Abscheu gegenüber einer Gruppe im Wort selber ausdrücken. Pegida hat uns Wortschöpfungen beschert wie die "Krimigranten" oder die "Rapefugees". Natürlich gibt es ältere Wörter wie "Asylant" oder "Kanacke". Wenn die verwendet werden, liegt es nahe, dass es in einem Kontext der Hassrede ist. Aber natürlich kann man viele von den Dingen, die in diesen Wörtern anklingen, auch ausdrücken, ohne diese Wörter zu benutzen. Da stecken bestimmte Denkmodelle dahinter: der kriminelle Ausländer, der hierher kommt, um uns unser Hab und Gut oder unser Leben zu nehmen. Häufig wird auch von Flüchtlingen als Invasoren gesprochen. Das Wort "Invasoren" könnte auch eine neutrale Beschreibung sein, wenn irgendwo tatsächlich eine Invasion stattfinden würde. Aber in dem Augenblick, wo ich das auf Flüchtlinge anwende, die nur hierher kommen, um Sicherheit zu suchen, lege ich damit die Grundlage, um sie zu dämonisieren und für mich zu rechtfertigen, warum ich sie nicht mag und warum sie meiner Meinung nach weggeschickt, vielleicht sogar vernichtet werden müssen.

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Es gibt den nicht selten zu hörenden Vorwurf, es wäre in diesem Kontext bevorzugt nach rechts geschaut. Und manche sagen dann, in Wahrheit treiben doch beide Seiten den Prozess der Radikalisierung voran, indem da die gesamte Klaviatur von Populismus bis Scharfmacherei gespielt wird. Wie beobachten Sie das?

Stefanowitsch: Wenn ich mir die transportierten Bedeutungen angucke, dann gibt es da schon Unterschiede, selbst wenn der Stil vielleicht manchmal oberflächlich ähnlich ist. Auf der rechten Seite stehen Leute, die gegen Schwache hetzen, gegen eine Gruppe, die sich überhaupt nicht wehren kann. Sie hetzen in einer Weise, die nichts mit dem Verhalten dieser Gruppe zu tun hat, sondern mit ihrer Existenz, und die zur Abschottung und zur Vernichtung aufruft. Auf der anderen Seite sind Leute, die manchmal auch in diesem aufgeheizten Diskurs in ihrer Wortwahl nicht ganz vorsichtig sind, aber die nicht gegen eine Gruppe von Menschen hetzen, aufgrund deren Existenz, sondern aufgrund deren Verhalten. Selbst da, wo es Hetze wäre, würde man sagen: Das ist aber eine Hetze, die sich gegen ein Verhalten richtet.

Gibt es einen politischen Korrektheitsdruck, der das Gefühl erzeugt, nichts sagen zu dürfen oder zu sollen, was man in Wahrheit denkt - und dadurch radikale Gegenrede hervor treibt, indem man sich über dieses Gefühl hinwegsetzt im Sinne eines "Jetzt erst recht, ich sage es eben doch"?

Stefanowitsch: Es gibt auf jeden Fall dieses Narrativ, diese Vorstellung, dass es diesen Druck gibt. Aber ich sehe nirgends, dass es irgendeine Art von Diktat gäbe, was es verbieten würde. Dieser Hass, der sich in den Netzwerken ergießt, aber auch auf Pegida-Demonstrationen oder in Äußerungen von Politikern - nicht nur im rechten, sondern auch im bürgerlichen Spektrum -, das hat ja alles keine Konsequenzen. Wenn man sagt, man soll auf Flüchtlinge an der Grenze schießen, dann regt sich Deutschland im schlimmsten Fall drei Tage auf, aber die Person, die das gesagt hat, wird nach wie vor in Talkshows eingeladen und darf nach wie vor ihre Meinung dort äußern. Ich sehe kein Meinungsdiktat, das an irgendeiner Stelle jemanden zurückhält.

Was es nicht gibt, ist das Recht, seine Meinung unwidersprochen zu sagen. Das wird gerade im rechtspopulistischen Lager oft gleichgesetzt. Da wird so getan, als ob eine harte Antwort auf so eine Äußerung dasselbe wäre wie ein Denkverbot.

Möglicherweise liegt ein Grund dafür, dass Menschen sich herbe missverstehen und gemein aufeinander einschimpfen, sogar im Medium der Verständigung selbst. Von dem genialen Sprachkritiker Karl Kraus stammte der Satz: "In keiner Sprache kann man sich so schwer verständigen wie in der Sprache." Hatte er Recht? Reden wir dauernd aneinander vorbei?

Stefanowitsch: Das kommt sicher dazu. Sprache ist ein Verständigungsmittel, das es uns erlaubt, relativ eindeutige Aussagen zu machen. Aber auch Sprache kann auf verschiedene Weisen interpretiert werden. Und in einer so sehr aufgeheizten Debatte, die nicht nur in Sozialen Netzen so hitzig geführt wird, sondern auch in Talkshows, in öffentlich-rechtlichem Rundfunk und auch in der Politik - da bleibt keine Zeit, um sich mal grundsätzlich zu verständigen, wie bestimmte Äußerungen überhaupt gemeint sind. Stattdessen wird auf jede Äußerung mit einer Gegenäußerung reagiert, und das führt nicht dazu, dass das Gespräch uns weiterbringt. Aber natürlich gibt es in dieser Rhetorik sehr viele Aussagen, die ganz klar sind - da braucht man nicht groß zu interpretieren. Wenn Tatjana Festerling Flüchtlinge als "skrupellose Invasoren" bezeichnet, dann muss ich auch nicht nachfragen, wie sie das gemeint hat, denn das ist eine böse Unterstellung. Oft folgt eine halbherzige Entschuldigung, das habe man so nicht gemeint, es tue einem leid, wenn das missverstanden worden sei. Das ist ein rhetorischer Trick, mit dem man sich aus jeder Aussage hinterher wieder herausziehen kann.

Wir rufen unsere Hörerinnen und Hörer, Userinnen und User dazu auf, sich an der Debatte zu beteiligen. Martina Ebbe aus Glinde hat uns geschrieben: "Ich glaube nicht, dass wir den Tiefpunkt bereits erreicht haben." Was glauben Sie?

Stefanowitsch: Wenn ich das auf das Sprachliche beziehe, habe ich das Gefühl, dass diese Hemmungslosigkeit Sprachmuster zu verwenden, die vom rechten Rand geliefert werden, Sprachmuster wieder aufzugreifen, die aus Teilen der deutschen Geschichte kommen - die wir offensichtlich doch nicht so gut verarbeitet haben, wie wir es hätten tun sollen -, dann würde ich sagen, da ist noch einiges zu erwarten. Da muss ich leider zustimmen, da werden wir sicherlich noch eine Verschärfung, auch im sprachlichen Bereich noch erleben.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 23.02.2016 | 19:00 Uhr