Stand: 17.08.2017 08:21 Uhr

documenta 14: Man ist kläglich gescheitert

Noch bis zum 17. September läuft in Kassel die documenta, die weltweit größte, wichtigste, einflussreichste Schau zur zeitgenössischen Kunst. In den vergangenen Jahrzehnten eine wahre Pilgerstätte für alle, die auf der Höhe der Zeit sein wollten, hagelt es in diesem Jahr Kritik von nahezu allen Feuilletonseiten. Für NDR Kultur beobachtet Claudia Christophersen die documenta von Beginn an.

Frau Christophersen, ist diese harte, ja schon fast verheerende Kritik berechtigt?

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Claudia Christophersen ist Redakteurin und Moderatorin der Redaktion Kulturmagazine.

Claudia Christophersen: Ich finde das auch sehr überraschend, wie ungewohnt einig man sich ist in der Kunstkritik der Feuilletons: ein großer Flop, teuer dazu. Die Kunst, die gezeigt wird: ambitioniert, bunt, folkloristisch, alles ohne Tiefgang. Von "kuratorischem Amtsmissbrauch" ist die Rede. Will man dieser documenta ein Etikett anheften, hieße das: Man hatte Großes vor, mit großen Ambitionen - und ist leider kläglich gescheitert.

Da scheinen sich einige Personen provoziert zu fühlen. Im besten Fall kann man sagen, das soll bildende Kunst aber auch! Was ist an dieser documenta das Provokante, das Irritierende, das Verstörende? Die Kunst, die Exponate, die Künstler, die Macher?

Christophersen: Sie haben ganz Recht: Kunst soll ja durchaus verstören oder stören. Das wäre gar nicht so falsch. Ich glaube, die Haltung der Kuratoren und die Rolle von Adam Szymczyk, des künstlerischen Leiters der documenta, sind sehr diffus. Das ist etwas, das mich von Anfang an zumindest irritiert hat: Bei einer Pressekonferenz im März, bevor die Documenta in Athen losging, war Szymczyk hermetisch, er sprach zum Tisch. Man hat den Eindruck, er hat gar kein Interesse daran, dass man ihn oder seine Kunstauffassung verstehen soll. Das kann er als Privatperson so machen, aber als jemand, der eine so große Kunstausstellung leitet, wo viel Geld dahintersteckt, ist das problematisch.

Das Motto in diesem Jahr heißt "Von Athen lernen". Wie ist dieser Satz umgesetzt worden, was hat man in Kassel von Athen gelernt?

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Christophersen: Dieser Satz klingt so zurückgenommen - sollte es auch sein. Deutschland sollte nicht schon wieder - das hatte die Politik in der Schulden- und Wirtschaftskrise vorgemacht - mit dem Zeigefinger daher kommen und den Griechen zu verstehen geben, wie es geht mit der Kunst. Es sollte umgekehrt laufen.

Aber dieses Konzept ist meines Erachtens nicht aufgegangen: Denn diese "Offenheit" für alles muss - oder sollte zumindest - auch irgendwie inhaltlich gefüllt werden. Aber: Das will man gar nicht. Das ist eine bewusste Entscheidung. Das ist kompliziert, wenn kein Konzept erkennbar ist, sich kein roter Faden erkennen lässt. Stichwort roter Faden: Auf diesen Punkt angesprochen, hat einer der Kuratoren zu Beginn der documenta in Kassel gesagt, warum man immer einen roten Faden bräuchte - das sei so ein westliches Anspruchsdenken. Es gäbe ja auch grüne oder gelbe oder blaue Fäden. Auch hier wieder die Haltung des Unverbindlichen, garniert mit einer belehrenden Überheblichkeit.

Man wollte eigentlich gar nicht belehrend sein - aber der Vorwurf, der jetzt immer wieder geäußert wird, lautet: Diese documenta sei doch sehr belehrend. Finden Sie da auch irgendwo einen erhobenen Zeigefinger?

Christophersen: Vielleicht ist der "Zeigefinger" gar nicht direkt zu sehen, eher zu spüren. In Kassel spielt die documenta an über 30 Orten - auch in der Nordstadt, einem eher sozial fragilen Teil von Kassel. Die Idee ist gut: Warum soll Kunst nur klinisch in schön gestylten Museumsbauten stattfinden? Wenn man, so die Kuratoren, hierarchische Strukturen durchbrechen will, dann auch konsequent. Eine gute Idee also - aber diese Konfrontation passiert nur äußerlich. Es bleibt beim plakativen, moralischen Hinweis. Ich finde, das reicht nicht. Man ist betroffen, das gelingt, aber man hat keine Gelegenheit aus diesem Gefühl heraus, die Kunst, die gezeigt wird, in ihrem kritischen Potential zu erfassen.

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Das wird fortgesetzt in der Ausstellung selbst: Frauenstimmen, die in einem dunkeln Raum über Unterdrückung und Machtstrukturen erzählen; ein Vorhang von Rentierschädeln, der auf das Sami-Volk hinweist. Die Idee, auf Hierarchien, auf Unrecht, auf Gewalt hinzuweisen, ist gut und wichtig, wenn man über kulturelle Traditionen, über politische Konstellationen diskutieren will. Einen Kunstanspruch damit zu vermischen, bei dem es auch um Fragen der Form, der Ästhetik, der Gestaltung, der Originalität gehen sollte, den muss man dann auch irgendwann einholen und nicht permanent unterbieten. Gerade darin hätte ich eigentlich eine zentrale Aufgabe der Kuratoren gesehen.

Bei all dieser Kritik an der documenta 14 - gibt es auch etwas Positives an dieser Ausgabe?

Christophersen: Ja. Ich will die documenta gar nicht in Gänze demontieren. Mir haben durchaus einzelne Objekte sehr gefallen oder mich sehr beeindruckt, mich auch sehr beschäftigt. Der "Parthenon der Bücher" zum Beispiel, unübersehbar, mitten auf dem Friedrichsplatz. Wenn man sich klar macht: Der Parthenon ist ein Athener Tempel, der für Demokratie steht. In Kassel aufgestellt als Metallgerüst, behängt mit vielen Tausend Büchern, die irgendwann verboten waren oder verboten sind. Die Künstlerin Marta Minjuin hat das in ihrer argentinischen Heimat auch schon einmal gemacht, nach dem Ende der Militärdiktatur, sehr viel kleiner. Dann kann man nachdenken über eine Wirkung, über Deutungen, über historische Verknüpfungen, gerade auf dem Friedrichsplatz, auf dem während des Nationalsozialismus Bücher verbrannt wurden. Also Verknüpfungen, die den Faden weiter spinnen in die Gegenwart zur eingeschränkten Pressefreiheit, zum Beispiel in der Türkei. Der Parthenon der Bücher ist sicherlich eines der gelungensten Werke der documenta.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Claudia Christophersen © NDR Fotograf: Christian Spielmann

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NDR Kultur -

Für die documenta 14 hagelt es in diesem Jahr Kritik von allen Seiten. NDR Kultur Redakteurin Claudia Christophersen kann diese durchaus nachvollziehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.08.2017 | 19:00 Uhr

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