Stand: 21.04.2017 08:04 Uhr

Branko Šimić: Die Realität der Bühne

von Katja Weise

Der Name ist Programm: Krass. So nennt sich das Kultur Crash Festival, das in diesem Jahr zum fünften Mal auf Kampnagel in Hamburg stattfindet. Begonnen hat es mit der Uraufführung "Porträt Explosiv", einer Produktion von Branko Šimić. Der in Bosnien-Herzegowina aufgewachsene Regisseur leitet das Festival seit seiner Gründung.

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Branko Šimić wurde in Tuzla in Bosnien-Herzegowina geboren. Er lebt und arbeitet als Theaterregisseur in Hamburg.

Er hat nicht viel Zeit in diesen Tagen, so kurz vor Festivalbeginn: Trotzdem gelingt es Branko Šimić, im Gespräch beinahe Ruhe auszustrahlen, obwohl er zugibt: "Ich will auch wissen, wo meine Grenzen sind. Und beim Krass Festival überprüfe ich sie immer wieder, weil es wirklich auch schizophren ist, dass man inszeniert und parallel auch noch ein Festival leitet. Aber das wollte ich auch so."

Die Aktualität der Kunst

Nur die Hände, die sich immer wieder eine neue Position suchen, verraten eine gewisse Anspannung. Die dunklen Augen blicken konzentriert und neugierig. Von Anfang an hat Šimić versucht, Themen aufzugreifen, die in der Luft lagen - und war mit vielen Produktionen oft ziemlich nah dran an den neuralgischen Punkten einer sich stetig verändernden, multikulturellen Gesellschaft: "Sich selbst zu loben ist nie gut, aber wenn man ein bisschen analysiert, wird man feststellen, dass wir immer einen Schritt voraus waren, dass wir immer die Themen angesprochen haben, die erst ein paar Monate oder Jahre später aktuell waren. Ich habe immer einen Satz von Heiner Müller im Kopf, der gesagt hat: Die Aktualität der Kunst ist morgen."

Porträt Explosiv

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Vernesa Berbo bringt in "Porträt Explosiv " ihre eigene Geschichte auf die Bühne, die Geschichte einer Frau, die von einem arabisch aussehenden Mann angegriffen wird.

So hat er das erste Festival mit dem Stück "Ghetto Blaster" eröffnet, entstanden aus der Arbeit mit Jugendlichen in einem stark durch Migration geprägten Stadtteil. In diesem Jahr geht es in "Porträt Explosiv" um Gewalt gegen Frauen.

"Also, ich saß so, hab' gelesen, und auf einmal spürte ich einen unbeschreiblichen Schmerz. Also hier ungefähr... Ich habe nur realisiert, etwas hat mich getroffen. Und dann sehe ich vor mir so einen Typen stehen" - die blonde Schauspielerin, die hier erzählt, ist einst selbst vor dem Krieg in Bosnien geflohen und meint nun, in dem jungen Mann, der sie angegriffen hat, einen zu erkennen, dessen Leben ebenfalls vom Krieg gezeichnet ist. "Das ist immer das Absurde. Diese Geschichte erzählt jemand, der den Ursprung des Leids von einem Flüchtling oder von jemandem, der Kriegserfahrung hat, sehr gut kennt“, sagt Šimić.

Keine Zeit für Fiktion

In seinen Inszenierungen mischt er Dokumentation und Fiktion, Videoaufnahmen und Schauspiel. Reines Spiel interessiert ihn nicht. Die Texte erarbeitet er in der Regel zusammen mit dem Ensemble, darunter oft Laien. Dies sei keine "Zeit für Fiktion", sagt er: "Ich orientiere mich da immer an einem Satz von Nabokov, der gesagt hat: Wozu muss ich mir Geschichten ausdenken, ich muss einfach rechts und links und geradeaus schauen - und die sind da. Auch in dieser fantastischen Form.“

Krass Kultur Crash Festival

Das fünfte Krass Kultur Crash Festival findet vom 20. bis zum 30. April 2017 in Hamburg auf Kampnagel statt. Ins Leben gerufen wurde es, um Fragen nachzugehen wie: Wie kann das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft funktionieren? Wie findet eine Migrationsgesellschaft vom abgrenzenden "Wir" und "Ihr" zu einem neuen "Wir"?
2017 präsentiert Krass unter der Leitung von Branko Šimić zehn Tage lang Lesungen und Workshops, einen Belästigungsparcour, verbale Karate-Verteidigung und einen Angriffstanz frecher Mädchen.

Vor allem der Krieg in Jugoslawien sei da für ihn als Regisseur prägend gewesen: "Ich habe in Sarajevo oder in Bosnien eine Granate erlebt. Und diese Granate bringt tatsächlich nicht nur Menschen um, sie verändert auch Realität. Es gibt eine Realität vor der Granate und danach. Und meistens haben sie nicht viel miteinander zu tun. Krieg oder extreme Gewalt verändern Menschen."

Auch beim Krass Festival wird das Thema deshalb in verschiedenen Produktionen eine Rolle spielen, sowie die daraus resultierenden gesellschaftlichen Deformierungen. Oliver Frljic beispielsweise zeigt sein Projekt "Unsere Gewalt ist eure Gewalt", in dem er Zusammenhänge herstellt zwischen Kapitalismus, Terrorismus und Islamophobie. "Das ist so ein Beruf, der mich wirklich glücklich macht, auch wenn es immer wieder um Themen geht, wo eventuell Außenstehende denken, was hat er jetzt wieder, warum bohrt der immer in seiner Darkness? Aber ich glaube, das ist etwas, was zum Theater und zur Kunst dazugehört und mir hilft das."

Branko Šimić © Branko Šimić Fotograf: Roberto Hegeler

Branko Šimić im Porträt

NDR Kultur - Journal -

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.04.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Branko-Simic,brankosimic100.html

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