Stand: 31.05.2017 10:54 Uhr

"Björk Digital": 360 Grad Musik

von Nicole Markwald

Inmitten dunkler Unterwasserwelten, an einem schwarzen Strand nahe der isländischen Hauptstadt Reykjavik oder im roten Inneren eines Mundes - jede einzelne Perspektive, die man als Zuschauer eines Videos von Björk einnimmt, ist ungewöhnlich. Zugang in diese Welt verschaffen Kopfhörer und eine Virtual Reality-Brille.

In sechs abgedunkelten Räumen können die Besucher der Ausstellung "Björk Digital" eintauchen in die Umgebungen, die um einzelne Songs ihres letzten Albums "Vulnicura" geschaffen wurden. Manche Zuschauer bewegen sich im Takt, andere treten überrascht einen Schritt zurück oder ducken sich leicht - automatische Reflexe, wenn man in der VR-Welt ist und plötzlich eine tanzende Björk einem scheinbar zu nahe kommt. In einem Interview mit dem Radiosender KCRW sagte sie kürzlich: "Es ist natürlich der Traum eines jeden Musikers, mit seinem Hörer eine Verbindung aufzubauen, einen Ort zu erschaffen, in dem man völlig loslassen kann. Ich garantiere nicht, dass das hier passiert - aber das ist der Traum."

Neue Welten entwerfen

Ein Experiment sei diese VR-Ausstellung, erzählt die 51-Jährige weiter, aus der Not geboren. Nach einem Leak landete ihr Album zwei Monate vor dem Veröffentlichungstermin im Netz. Auf "Vulnicura" verarbeitete die Isländerin die schmerzvolle Trennung von ihrem Partner, dem Künstler Matthew Barney: "Das Album war im Netz, all unsere Marketingpläne waren dahin - und ich dachte: ok, es ist ohnehin ein dringliches Album und nötig und auch spontan. Ich sagte mir, ich reite jetzt auf dieser Welle."

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Regisseur Andrew Thomas Huang hat mit Björk zusammen "Stonemilker" als Video umgesetzt.

Mit der Welle meint sie Virtual Reality. In Zusammenarbeit mit dem in Los Angeles ansässigen Regisseur Andrew Thomas Huang entstand das erste 360 Grad-Musikvideo zu "Stonemilker". Er sagte bei der Ausstellungseröffnung in Los Angeles: "Ich liebe es, diese Welten zu entwerfen. Und Björk kann das hervorragend. Es gibt nur wenige Musiker, die so stringent ihre Konzepte verfolgen."

Ihre Experimentierfreude zeigt sich nicht nur auf ihren inzwischen neun Alben, sondern auch in den Musikvideos. In den 90er Jahren arbeitete sie mit Regisseuren wie Michel Gondry und Chris Cunningham zusammen. 2011 veröffentlichte sie zu ihrem Album "Biophilia" auch eine iPad-App, die ermöglichte, mit grafischen Instrumenten aus der Musik von Björk eigene Musik zu machen.

Björk ganz nahe

Nun hat Björk ihrer Ausstellung noch etwas ganz Altmodisches hinzugefügt: Wer möchte, kann zum ersten Mal Notenblätter mit Arrangements für 34 ihrer Songs kaufen. Sie habe sich lange geweigert, das zu tun, erzählt Björk: "Ich wollte mich nicht auf einen Sockel stellen und sagen: seht her. Aber auch um ein Beispiel für jüngere Frauen zu sein, habe ich dieses Songbook nun zusammengestellt mit den Highlights meiner Arbeit der vergangenen 20 Jahre."

Diese Highlights zeigt die Ausstellung in einem separaten Raum: hier läuft ein Zwei-Stunden-Loop ihrer Videos aus der MTV-Ära. Auf dem Boden liegen Kissen, auf denen man es sich gemütlich machen kann. Ihre neueren Werke in 2D und 3D zeigen, dass ein neues Zeitalter für Musikvideos angebrochen ist. So nahe ist man Björk vorher nicht gekommen. Nächster Stopp der Ausstellung "Björk Digital": Barcelona, ab dem 14. Juni.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 31.05.2017 | 09:20 Uhr

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