Stand: 17.09.2017 14:27 Uhr

Begeisternde "Parsifal"-Premiere in Hamburg

von Sabine Lange

Seine Hamburger "Zauberflöte" genoss jahrzehntelang Kultstatus - jetzt ist Regisseur und Bühnenbildner Achim Freyer an die Staatsoper Hamburg zurückgekehrt. Wieder mit einem späten Werk eines Komponisten: mit Richard Wagners letzter Oper "Parsifal". Samstagsabend fand die Premiere statt. Sowohl die hochkarätige Sängerbesetzung mit Andreas Schager, Kwangchul Youn und Wolfgang Koch sowie Generalmusikdirektor Kent Nagano als auch Achim Freyer und sein Team wurden stürmisch gefeiert.

Es ist ein "Weltgebäude", das er erschaffen will. Achim Freyer nutzt dazu das Symbol der Spirale, das sein buchstäblich eindrucksvolles Bühnenbild den ganzen Abend prägt. Er zitiert damit Karl Marx: "Die Gesellschaft wiederholt sich zyklisch, aber immer in Spiralform." Doch diese Welt, die die Sänger erschaffen, ist eine düstere, mitleidlose, gefühlskalte, pervertierte. Voller Risse und Brüche. "Es werden Kriege geführt, die Frauen sind ausgeschlossen - da stimmt so vieles nicht. Jede Berührung mit einer Frau ist Sünde. Das sind Irrtümer, da kann ein System nicht weiter. Klingsor hat leichtes Spiel", beschreibt Freyer.

Parsifal wird durch Mitleid wissend

Verklemmte Erotik führe zu Gewalt, sagt Regisseur Achim Freyer. Er sucht die Wahrheit in Wagners Partitur jenseits der Frage nach Religion. Um den einzelnen Menschen geht es ihm und seine verzweifelte Suche nach Erlösung aus seiner persönlichen Verstrickung, Schuld. Amfortas und Kundry sind die Prototypen dieses Leidens, und selbst Parsifal, der sie erlösen wird, muss erst schmerzvoll durch sein Leben irren, bevor er dieser Welt zu einem Neuanfang verhelfen kann - an der Seite Kundrys, die nicht, wie bei Wagner, stirbt, sondern mit Parsifal gemeinsam die Last trägt. Tenor Andreas Schager ist von seiner Figur begeistert. "Die große Herausforderung ist die Entwicklung, die Parsifal nimmt. Der kommt am Anfang als dieser unbedarfte, junge Mann, der vom Leben nicht viel Ahnung hat. Und dann wird er durch Mitleid wissend. Das ist ein fantastischer Ansatz: nicht durch Wissen, nicht durch Lernen, nicht durch Bücher oder irgendetwas, sondern durch Mitleid."

Wie in einem Sog

Schager singt einen facettenreichen Parsifal, dem man seine Entwicklung vom völlig weltunerfahrenen Knaben zum durch seelische Erschütterung gereiften Mann abnimmt. Er, der durch Mitleid wissend wird, weckt auch in den Zuschauern die Empathie. Er zieht hinein in diese düstere, verworrene Welt, für die Achim Freyer faszinierende und verstörende Bilder findet. Der Gral erscheint bei ihm als Ausgeburt einer pervertierten Vorstellung von Liebe; der Tod ist auf Freyers Bühne überall präsent. Er erzeugt mit einfachen Mitteln wie Projektionen eine ungeheure Raumwirkung. Wie in einem Sog wird das Publikum in die Spirale dieser Welt hineingezogen. Damit korrespondiert die Szene auffallend mit den magischen Klängen aus dem Orchestergraben Kent Naganos. Dieser "Parsifal" ist ein Gesamtkunstwerk, wie es sich Wagner erträumt haben mag.

Bühnenweihfestspiel bildhaft inszeniert

Begeisternde "Parsifal"-Premiere in Hamburg

Die Staatsoper Hamburg hat am Samstagabend die neue Saison eröffnet. Regisseur Achim Freyer und Generalmusikdirektor Kent Nagano feierten mit Wagners "Parsifal" Premiere.

Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg
Dammtorstraße 28
20354  Hamburg
Preis:
6 bis 195 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 17.09.2017 | 14:20 Uhr

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