Stand: 22.06.2017 15:21 Uhr

"Auserwählt und ausgegrenzt": So war die Doku

von Stefanie Groth

Es war ein langes Hin und Her um die ARD Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa". WDR und Arte hatten den Film in Auftrag gegeben, das Ergebnis dann aber als "nicht ausgewogen genug" bewertet, ihn deshalb nicht senden wollen und damit eine erhitzte Debatte losgestoßen. So entschied sich zunächst der WDR, den Film doch auszustrahlen. Arte zog kurze Zeit später nach, um den Film dem französischen Publikum nicht vorzuenthalten. Nun war die Doku in Das Erste zu sehen, mit einer anschließenden Diskussionsrunde bei Sandra Maischberger.

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Ausschnitt aus der ARD-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa"

Die "Bild"-Zeitung als lachender Dritter: Das Springerblatt nutzte den Streit rund um die ARD-Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa", und positionierte sich als Verfechter der Meinungsfreiheit. Bereits vergangene Woche stellte "Bild" den umstrittenen Film für 24 Stunden frei im Netz zur Verfügung, gewann damit über 200.000 Klicks. Aber: Man habe den Film aus "historischer Verantwortung" gezeigt, hieß es, damit sich jeder einen Eindruck verschaffen könne.

Auftakt mit Erklärung

Einen Eindruck konnte man sich nun Mittwochabend in Das Erste verschaffen. Der Film beginnt mit einer Erklärung des redaktionell verantwortlichen Senders, dem WDR: "Für den WDR ist Antisemitismus ein zentrales, gesellschaftliches Thema. Deshalb haben wir dazu eine Dokumentation für Arte in Auftrag gegeben. Allerdings enthielt die gelieferte Fassung mehrere, teils auch rechtlich relevante Mängel."

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Antisemitismus-Doku: Zensurvorwurf an Sender

14.06.2017 23:20 Uhr
ZAPP

Die "Bild" zeigte die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt", die Arte nicht zeigen will. Seit Tagen herrscht eine Debatte um Zensur und handwerkliche Fehler. Wer hat recht? mehr

Der Einstieg macht deutlich, wie sensibel die Debatte um die Dokumentation ist. Viel wurde zuletzt geschrieben in Feuilletons und Online-Foren. Um die legitime Frage nach der journalistischen Qualität und handwerklichen Mängeln der Doku war es dabei kaum gegangen. Diskutiert wurde vor allem über Antisemitismus und den schweren Vorwurf der Zensur an WDR und Arte.

Pointiert - aber auch grenzwertig zugespitzt

Der Film selbst erzählt in 90 Minuten über antisemitische und antizionistische Strömungen, vor allem in Deutschland, Frankreich und Gaza. Antizionismus, nicht zuletzt aus der Mitte der Gesellschaft, wird thematisiert. Zu Wort kommen rechte Gruppierungen, aber auch Linke, sowie NGOs, die Kirche und arabisch-palästinensische Gruppen. Der Erzählertext ist dabei pointiert, bisweilen grenzwertig zugespitzt formuliert:

"Bei Gaza sprudeln die Assoziationen: Gefängnis, Konzentrationslager, Wassermangel, Kindermord, Genozid. Assoziationen die weltweit Legionen von Aktivisten, Journalisten und Politikern weiter vererben."

Von aufgeregtem Stil bestimmt

Die Dokumentation ist insgesamt von einem aufgeregten Stil bestimmt. Zudem bestehen Zweifel, ob journalistische Standards eingehalten wurden, weshalb der WDR zweifelhafte Stellen auch immer wieder durch Einblendungen deutlich macht. Der Ausstrahlung folgte eine Diskussionsrunde bei Sandra Maischberger. Der Historiker Michael Wolffsohn lobte den Film als herausragende Dokumentation. Zugleich warf er dem WDR Zensur vor. Man habe lange Zeit gehabt journalistische Mängel aus dem Weg zu räumen, aber erst reagiert, als man durch die "Bild" in Zugzwang geriet.

Jörg Schönenborn, Fernsehdirektor des WDR, stellte sich der Kritik. Man habe einen anderen Film bei der Produktionsfirma zum Thema bestellt gehabt. Die anwesende Journalistin und Nahostexpertin Gemma Pörzgen kritisierte den Film für seine klare propagandistische Linie. Sie wünschte sich eine weiterführende Diskussion, genauso wie Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied im Zentralrat der Juden.

Fazit: Handwerklich wie journalistisch fragwürdig

Und so gelang es der Runde bei Maischberger dann doch über die Diskussion um journalistische Standards hinauszugehen. Man hätte sich gewünscht, dass die Doku einen nur annähernd so differenzierten Blick auf dieses so sensible wie wichtige Thema gibt. Hat sie aber nicht. Und so ist nicht zuletzt an diesem Abend auch eines deutlich geworden: Nämlich, dass es keine Zensur ist, wenn programmverantwortliche Redakteure beschließen, eine handwerklich wie journalistisch fragwürdige Dokumentation in dieser Form nicht senden zu wollen.

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01:45

Verhalten der "Bild" im Doku-Streit ist frech

ZAPP

Arte und der WDR wollten eine Antisemitismus-Doku nicht ausstrahlen, da hat es einfach die Bild gemacht - ohne Erlaubnis. Kein Verdienst, sondern frech, findet Anja Reschke. Video (01:45 min)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa | 21.06.2017 | 22:15 Uhr

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