Stand: 16.06.2017 12:01 Uhr

Galerist über Art Basel: "Zahlen sind zweitrangig"

An die 300 Galerien, die zusammen um die 4.000 Künstler aus aller Welt vertreten, auf Ständen, die je 730 Euro pro Quadratmeter kosten - das ist die Art Basel, die wichtigste Kunstmesse der Welt. Bis zum 18. Juni ist sie für das breite Publikum geöffnet. Die Galerie Eigen & Art des Galeristen Gerd Harry Lybke ist in Leipzig und Berlin zu Hause und vertritt unter anderem mit Neo Rauch einige der wichtigsten deutschen Positionen der Gegenwartsmalerei.

Herr Lybke, ist die Art Basel auch für Sie die wichtigste Kunstmesse der Welt?

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Gerd Harry Lybke ist einer der führenden Händler für zeitgenössische Malerei in Deutschland.

Gerd Harry Lybke: Auf jeden Fall ist es die wichtigste Kunstmesse, die es gibt, weil in Basel alle Leute zusammenkommen. Das ist ein Termin, der bei jedem im Kalender steht - ob Galerist, Kunstvermittler oder Sammler. Aber auch Museumsleute und Kuratoren kommen hierher. Diesen Überblick von dem, was auf dem Markt als Exklusivstes und Bestes in der Kunst passiert - den kann man sich nur auf dieser Messe holen.

Nun sollen schon vor der Vernissage in Basel Gemälde, Skulpturen und Installationen im Wert von über 60 Millionen Euro verkauft worden sein. Der Markt brummt also in Basel?

Lybke: Mit den ganzen Zahlen darf man sich nicht die Sicht verstellen, weil es vorrangig zunächst darum geht, dass der Künstler sein Werk auf der Baseler Messe so präsentieren kann, dass alle es auch wirklich sehen. Das heißt, dass viele die Arbeit, die am aktuellsten ist, die für den Künstler am wichtigsten ist, auf dem Messestand präsentieren. Als Nächstes ist ja die Idee, die Arbeiten zu verkaufen. Die Messe ist ja ein Markt-, ein Handelsplatz, und da geht es ganz klar darum, dass man Arbeit verkauft. Es hat ja auch eine Wertschätzung.

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In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass das Performative in der Kunstwelt immer wichtiger wird. Freundliche - manche meinen auch feindliche - Übernahmen, etwa der Theaterwelt eingeschlossen, siehe Volksbühne Berlin. Nun wollen die meisten Sammler auf der Art Basel ihre teuer erworbenen Werke mit nach Hause nehmen. Bleibt die Kunst in Basel also handfest greifbar?

In dem tradierten Sinne der Kunst, wie sie im 'secondary market' oder bei den alten Meistern ist, bleibt sie natürlich handfest und mitnehmbar. Im Bereich der aktuellen Kunst kann man am Beispiel von Olaf Nicolais documenta-Arbeit sagen: Das ist eine 30-minütige Radiosendung, die er da gemacht hat, die Töne von Revolten, die überall auf der Welt passieren, einfängt. Man bekommt innerhalb dieser 30 Minuten, wenn man das hört, schweißige Hände, die Nackenhaare stellen sich zu Berge, weil man genau merkt: Hier kommen immer wieder Tumulte, Revolten, wo man weiß: Hier könnte es sofort einen Umbruch geben, es könnte sofort etwas passieren - und man kann sich dem gar nicht entziehen. Am Ende ist dieses Werk nur ein Radiostück, aber es nimmt einen genauso mit wie ein Bild. So ein Radiostück hört man sich 30 Minuten an, ist also 30 Minuten damit beschäftigt. Man muss schon ein sehr interessantes Bild haben, wenn man den Kunden dazu bewegen kann, es sich 30 Minuten anzusehen. Die Wirkung von performativer Kunst ist also schon groß. Der eigentlich Grundsatz ist aber immer: Hat es Qualität? Erreicht es jemanden? Bringt es wirklich die Leute dazu, sich in den Bann der Kunst hineinzubegeben?

Gerd Harry Lybke © imago/epd

Art Basel: Die wichtigste Kunstmesse der Welt

NDR Kultur -

Gerd Harry Lybke ist einer der führenden Händler für zeitgenössische Malerei in Deutschland. Auf der Kunstmesse Art Basel vertritt er wichtige deutsche Positionen der Gegenwartsmalerei.

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Die Art Basel möchte nach Düsseldorf expandieren. Darüber gab es von Seiten der Art Cologne scharfe Kritik. Deren Direktor Daniel Hug hat dem Art-Basel Direktor Marc Spiegler "eine Form von Kolonialismus" vorgeworfen. Spiegler meinte dazu, Konkurrenz belebe das Geschäft. Wie sehen Sie das als Galerist?

Lybke: Ich glaube, die Kölner Messe muss sich wirklich keine Sorgen machen, weil das nun mal die Messe in Deutschland ist, wo es losgegangen ist. Es gibt genügend Sammler um Köln und um Düsseldorf herum. Wenn Basel jetzt weitere Schritte macht, wie sie es schon mit Basel-Miami und Basel-Hongkong begonnen haben, dann ist das eine normale Entwicklung. Wenn sie es schaffen, die nächsten Schritte auch mit Inhalt zu füllen, dann ist das gut.

2017 ist ja ein Superkunstjahr - mit der documenta in Kassel, mit "Skulptur Projekte" in Münster, mit der Biennale in Venedig. Haben Sie einen Favoriten unter den Kunstschauen und warum?

Lybke: Das ist schwierig. Dieses Jahr ist wirklich viel los. Glücklicherweise sind diese Ausstellungen nicht nach drei Tagen vorbei. Mein Favorit bei den Messen ist die Art Basel. Die documenta in Kassel und in Athen ist ein Muss, egal welche Kriterien man anlegt oder was man gelesen hat - man muss sich selber ein Bild machen. Die Biennale in Venedig ist doch noch immer mein Liebling. Da gibt es natürlich auch die Stadt. Man muss sich auf jeden Fall ein eigenes Bild machen und erst danach in eine Diskussion einsteigen. Schlimm ist es, wenn man diskutiert, man aber überhaupt nichts gesehen hat.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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