Stand: 11.05.2017 15:48 Uhr

Menschen statt Nationen

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Noch immer ist Alfred Grosser eine moralische Instanz, was er gerade mit einem neuen Buch wieder bewiesen hat: "Wer rastet, der rostet".

Seit Jahrzehnten zählt Alfred Grosser zu den wichtigsten europäischen Intellektuellen, besonders um die deutsch-französische Verständigung hat er sich verdient gemacht. Fast alle seine Bücher sind auf Deutsch und Französisch erschienen. Für die Zukunft wünscht er sich, dass vor allem das "Menschsein" im Vordergrund steht. Wie das in einem sich teilweise zunehmend nationalistisch gebenden Europa aussehen kann, erläutert er im Gespräch.

Herr Grosser, "Le Mensch - Die Ethik der Identitäten" heißt Ihr Buch, das man in Zeiten, in denen rechtspopulistische Strömungen überall erstarken und in denen in Frankreich Marine Le Pen und der Front National so viele Stimmen gewonnen haben wie noch nie zuvor, lesen kann als einen Appell an die Vernunft und an das Menschsein. Verzweifeln Sie in diesen Tagen manchmal am Weltgeschehen?

Grosser: Ja, ich verzweifle am Weltgeschehen, habe aber doch auch einige Zuversicht. Man verzweifelt, weil die Logik nicht mehr da ist. Ein deutscher Journalist erzählte mir, dass bei einer Großkundgebung von Marine Le Pen in Metz ein Mädchen besonders begeistert war und er ihr sagte, sie sei doch die Tochter von kroatischen Einwanderern und ginge jeden Tag nach Saarbrücken. Wenn Le Pen gewinnen würde, dann hätten sie das alles nicht. "Macht nichts. Ich bin begeistert von Le Pen", war die Antwort. So sind auch viele Trump-Anhänger: Jenseits der Logik ist man doch dabei. Das ist schon erschreckend.

Viele Wähler waren von Macron nicht überzeugt, haben ihn aber gewählt, um Le Pen zu verhindern. Andere haben ungültige Stimmen abgegeben oder sind gar nicht zur Wahl gegangen. Würden sie sagen, dass dieser Ausgang trotz allem eine vernünftige Enscheidung gewesen ist?

Grosser: Ja, sehr vernünftig. Ich habe alles getan, um Macron zu helfen. Es ist eine Revolution in Frankreich, dass jemand soziale Marktwirtschaft will. Das ist in Frankreich sehr verpönt, das klingt nach Sozialdemokratie. Man soll Sozialist sein, aber kein Sozialdemokrat. Aber das ist er, sagen wir mal: Er ist eine große Koalition in sich allein. Wenn eine Maßnahme rechts gut ist, nimmt er sie, und wenn eine Maßnahme links gut ist, nimmt er sie auch. Das ist ein Triumph, wie es ihn seit de Gaulle nicht gegeben hat. Er ist als Einziger im ganzen Wahlkampf mutig für Europa eingetreten und hat, ich möchte beinah sagen trotzdem, gewonnen.

Wird er damit denn eine Chance haben? Die Parlamentswahlen im Juni stehen ja noch aus.

Grosser: Die deutsche Presse ist schlecht informiert: In der "FAZ" stand, er habe keine Partei - er hat 200.000 eingeschriebene Anhänger und er hofft, in jedem Wahlkreis im Juni einen Kandidaten zu haben. Wenn er da die Mehrheit bekommt, bleiben alle Aufgaben zu bewältigen. Wenn nicht, wird es viel komplizierter und in Frankreich wird es unruhiger. Die Maßnahmen, die er schaffen will und muss, sind solche, die Frankreich schockieren werden, und es ist nicht ausgeschlossen, dass im September Hunderttausende dagegen auf die Straße gehen. Aber ich glaube nicht.

Was erwarten Sie jetzt von ihm? Es ist so viel über die Zersplitterung Frankreichs gesprochen worden. Man fragt sich, wie eine Person das Land überhaupt wieder einen kann.

Grosser: Bis jetzt ist unter Hollande und Chirac so gut wie nichts geschehen. Macron wird die Gesellschaft gewissermaßen anrühren. Nur ein Beispiel: Er will sich prioritär um die jungen Leute in den Vororten kümmern. Er will dort Lehrer hinschicken, die doppelt bezahlt werden. Und er will in den Grundschulen ganz kleine Klassen von zwölf Schülern einführen, damit diese Schüler es aus dem Ghetto schaffen. Und er will die Mitbestimmung in den Betrieben, ohne dass es die Gewerkschaften auf nationaler Ebene aushandeln. Das ist in den Augen der französischen Gewerkschaften skandalös und unüblich. In Deutschland ist es üblich. Seine Gesellschaftreformen sind in dem Sinne, was in Deutschland schon besteht.

Es gibt in den Vororten, den Banlieues, große Probleme, weil sich viele Menschen dort nicht als französisch empfinden, obwohl sie einen französischen Pass haben.

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Grosser: Nein, sie fühlen sich als Franzosen, werden aber von außen nicht als solche betrachtet. Das heißt, die Polizei prüft ständig ihre Papiere und brutalisiert sie. Sie kommen nicht aus ihrem Vorort raus, sind in der Schule benachteiligt, auch durch schlechte oder zu junge Lehrer und so weiter. Und diese Diskriminierung treibt sie in eine andere Identität, nämlich zum Islam. Aber nicht der Islam war prioritär, sondern die Diskriminierung. Ich hoffe, Macron wird da Einiges tun können. Ob er dann die Gewerkschaften hinter sich hat, ist eine andere Frage.

Das bedeutet, diese jungen Menschen können ihre Identität als Franzosen nicht leben?

Grosser: Genau. Sie sind "minderwertige" Franzosen. Das ist einer der Unterschiede zu Deutschland, weil die jungen Türken oft Türken bleiben wollen. Und in Deutschland sind Türken übrigens keine Migranten. Sie sind da, weil 1963 ein Vertrag zwischen der türkischen Regierung und der Bundesregierung abgeschlossen worden ist. Sie sind als Gastarbeiter gekommen und unerwartet geblieben. Aber sie sind keine Migranten. In Frankreich sind es die Kinder und Enkelkinder von ehemals nordafrikanischen Franzosen, die aber nie als "volle" Franzosen behandelt worden sind.

Eine andere Unähnlichkeit ist, dass in Deutschland bei Politikern immer noch dazugesagt wird, dass jemand einen Migrationshintergrund hätte. Sogar noch bei Özdemir. In Frankreich gibt es das nicht: Unser Premierminister Valls ist seit 1982 Franzose, die Kultusministerin ist seit 1995 Französin, Sarkozy ist der Sohn eines ungarischen Immigranten und die Bürgermeisterin von Paris ist seit 1973 Französin. Niemand sagt, sie hätten einen Migrationshintergrund. Sie sind "volle" Franzosen und das ist das Gegenteil zu den Menschen in den Banlieues.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 12.05.2017 | 13:00 Uhr

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