Stand: 01.09.2017 11:45 Uhr

Wie aus Kriegsschrott Baumaterial wird

von Jan-Philippe Schlüter, ARD-Studio Johannisburg

Vierzig Jahre lang litt Angola unter bewaffneten Konflikten. Erst der Befreiungskampf gegen die portugiesischen Besatzer, dann der blutige Bürgerkrieg. Aus dieser Zeit ist noch jede Menge Kriegsschrott über das Land verteilt, vor allem  Panzer. Ein findiger Geschäftsmann hatte dann eine gute Idee: Er recycelt die Panzer und macht daraus Stahl für die Bauindustrie. In einem Land wie Angola, dessen Wirtschaft fast vollständig vom Öl abhängig ist, ein rares und wichtiges Projekt. Jan-Philippe Schlüter hat den Panzerfriedhof und die Stahlfabrik in der Nähe der Hauptstadt Luanda besucht.

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Aus Kriegsschrott fertigen die Arbeiter der Stahlfabrik nördlich der angolanischen Hauptstadt Luanda neues Baumaterial.

Das riesige Stahlwerk knapp eine Autostunde nördlich der angolanischen Hauptstadt Luanda ist auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich. Riesige blaue Fabrikhallen. Massige Schredder, die Schrott kleinhäckseln. Mächtige Öfen mit glühendem, flüssigem Stahl. Zwei Dinge sind aber außergewöhnlich: Erstens ist die Stahlfabrik eines der wenigen Industrieprojekte in Angola, die nichts mit Öl zu tun haben. Und zweitens ist das Rohmaterial für den Stahl kein alltägliches Altmetall. Im hintersten Bereich des fabrikeigenen Schrottplatzes türmen sich Panzerketten, Laufräder, Gefechtstürme und Panzerwannen auf dem bräunlich-lehmigen Grund. "Das ist Militärschrott", sagt Fabrikmanager Luis Silva. "Panzer machen den größten Teil aus. Wir schneiden sie in Stücke und recyceln sie. Etwa 15 Prozent unseres Rohmaterials besteht aus Militärschrott."

Mitunter lange Transportwege

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In der Stahlfabrik arbeiten inzwischen rund 500 Menschen.

27 Jahre lang haben die Angolaner unter einem blutigen Bürgerkrieg gelitten. Schätzungsweise 500.000 Menschen sind ums Leben gekommen. Mehr als eine Million Menschen wurde vertrieben. Erst seit 15 Jahren herrscht in Angola Frieden. Aus dem Krieg ist jede Menge Militärschrott übrig geblieben. Vor allem ausrangierte russische Panzer vom Typ T-34 und T-54 stehen im ganzen Land in der Gegend herum. Jeder einzelne von ihnen über 30 Tonnen schwer. "Wir bringen sie teilweise aus 2.000 Kilometer Entfernung her", sagt Luis Silva. "Mit den schlechten Straßen auf dem Land in Angola ist das eine ziemliche Herausforderung."

Von französischen Baguettes zum Stahl

Aus Militärschrott wird in der Aceria de Angola Stahl für Baustellen. Die Idee dazu hatte der französisch-stämmige Unternehmer Georges Choucair. Er ist ein freundlicher kleiner Mann mit grauen Haaren - und sitzt entspannt auf dem weißen Sofa in seinem Büro. Er hat sein Geld erst mit einer Großbäckerei für französisches Baguette gemacht. Als er eine weitere Backfabrik bauen wollte, musste er Stahl importieren. Daraus machte er ein Geschäft und wurde zu Angolas Stahlbaron. Im ölbefeuerten Bauboom Angolas nach dem Bürgerkrieg machte er ein Vermögen.

Aber Choucair will nicht von Importen abhängig bleiben - und hat deswegen für fast 300 Millionen Euro eine eigene Stahlfabrik gebaut. "Afrikanische Länder sind reich an Rohstoffen", sagt Choucair. "Das Problem ist, dass wir sie exportieren, statt sie selbst zu verarbeiten. Und dann importieren wir fertige Produkte zu einem viel höheren Preis. Den Gewinn machen also nicht wir in Afrika, sondern andere Länder."

Wege aus der Krise gesucht

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Die alten russischen Panzer aus Kriegszeiten sind überall im Land zu finden.

Angolas Wirtschaft ist immer noch völlig abhängig vom Öl. Fast 90 Prozent seiner Exporterlöse kommen aus diesem Sektor. Seit der Ölpreis deutlich gesunken ist, steckt das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Wirtschaft muss dringend diversifiziert werden - und Choucairs Aceria do Angola erfüllt diesen Anspruch auf fast schon unwirklich vorbildliche Weise. Mehr als 500 Arbeitsplätze wurden geschaffen. Mit den Zulieferern, wie zum Beispiel Schrottsammlern, verdienen schätzungsweise 3.000 Menschen ihr Geld durch das Stahlwerk. Das Unternehmen hat auf eigene Kosten mehr als 50 Kilometer Starkstrom-Leitungen legen lassen. Davon profitiert auch eine örtliche Schule, die bisher keinen Strom hatte.

"Ich will auch helfen"

Investieren in Afrika sei nicht dasselbe wie in Europa, sagt Choucair. Das sei eine Gemeinschaftsaufgabe: "Sie leben hier mit einer Gemeinschaft, die dringende Bedürfnisse hat. Es ist unsere Verantwortung ihnen dabei zu helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Natürlich ist es schön, erfolgreich zu sein und Geld zu verdienen. Aber noch schöner ist es, wenn man dabei auch helfen kann."

Europäisch zertifizierte Qualität - Made in Afrika. Seit gut einem Jahr verwandeln die Mitarbeiter unter anderem Kriegsschrott in Baustahl. Für Georges Choucair ist diese Umformung mehr als nur ein Geschäft: "Angola ist befriedet. Und wir verwandeln Kriegsmaterial in Baustoff für die Zukunft. Schöner geht es doch nicht", meint der Unternehmer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 01.09.2017 | 10:20 Uhr

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