"Die SS in Hamburg ermordete meinen Bruder"

von Marc-Oliver Rehrmann

Der Holocaust-Überlebende Jitzhak Reichenbaum während eines Besuches in Hamburg © NDR.de Fotograf: Marc-Oliver Rehrmann Detailansicht des Bildes Jitzhak Reichenbaum wusste jahrzehntelang nicht, dass sein Bruder in Hamburg ermordet wurde. Einmal im Jahr packt Jitzhak Reichenbaum in Haifa seinen Koffer, um nach Hamburg zu reisen. Schon mehr als ein Dutzend Mal ist er aus Israel angereist - immer zur gleichen Jahreszeit. Denn rund um den 20. April eines Jahres treffen sich in der Hansestadt Verwandte der "Kinder vom Bullenhuser Damm", um an das traurige Schicksal der Jungen und Mädchen zu erinnern. Es ist eines der grausamsten Kapitel der NS-Herrschaft in Norddeutschland: In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 erhängten SS-Männer 20 jüdische Kinder in den Kellerräumen einer leer stehenden Schule im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort.

Der Arzt Kurt Heißmeyer hatte zuvor an ihnen im nahegelegenen KZ Neuengamme medizinische Versuche vorgenommen. Die Tötung der Kinder sollte die Spuren dieser Experimente verwischen.

In Auschwitz aus den Augen verloren

Jitzhak Reichenbaum hat damals seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Eduard verloren. "Es hat nicht viel gefehlt und ich wäre auch für die medizinischen Experimente im KZ Neuengamme ausgewählt worden", erzählt der rüstige Pensionär. Die Brüder waren mit ihren Eltern im KZ Auschwitz eingesperrt. Als der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele 20 Kinder aussuchte, um sie ins KZ Neuengamme zu schicken, fiel seine Wahl auch auf den zehnjährigen Eduard. Jitzhak kam davon, weil er zu der Zeit nicht im Kinderlager, sondern im Männerlager bei seinem Vater untergebracht war.

Mit viel Glück schaffte es Jitzhak, die Todesmaschinerie von Auschwitz zu überleben. Die Befreiung durch die US-Armee erlebte er am 4. Mai 1945 in einem Lager in Österreich. Im Herbst 1945 konnte er schließlich als 13-Jähriger von Italien aus zu seinem Onkel nach Palästina ausreisen.

Jahrzehntelange Ungewissheit

Vom Schicksal seines Bruder erfuhr er erst sehr viel später: im Januar 1984. In einer Wochenend-Beilage der israelischen Zeitung "Ma´ariv" las Jitzhak Reichenbaum einen Artikel über die Ermordung der Kinder vom Bullenhuser Damm. In dem Text war auch von einem zehnjährigen Jungen mit dem Familiennamen Reichenbaum die Rede. Jitzhak Reichenbaum zeigte den Artikel seiner Mutter, die auf einem der Fotos den kleinen Eduard erkannte. Sie hatte ihren jüngsten Sohn zuletzt im KZ Auschwitz gesehen, kurz bevor er nach Hamburg gebracht wurde. "Meine Mutter hat nach dem Krieg alles versucht, um zu erfahren, was aus Eduard geworden ist", berichtet Jitzhak Reichenbaum. Aber niemand hatte ihr Auskunft geben können.

Am Ort des Geschehens

Im April 1985 kam Jitzhak Reichenbaum zum ersten Mal nach Hamburg, um den Ort des Schreckens am Bullenhuser Damm zu sehen - und um Angehörige der anderen Opfer zu treffen. Die 20 Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren waren alle Ende November 1944 mit dem Zug vom KZ Auschwitz nach Hamburg gebracht worden. Der 38 Jahre alte Arzt Kurt Heißmeyer hatte die Kinder für seine Experimente angefordert. Der gebürtige Niedersachse aus Lamspringe bei Hildesheim wollte sich als Forscher einen Namen machen. Er suchte nach einem Weg, Tuberkulose zu heilen.

Unmenschlich und überflüssig

Der Wehrpass von Kurt Heißmeyer © Gedenkstätte KZ Neuengamme Detailansicht des Bildes Der Wehrpass von Kurt Heißmeyer: Der Arzt wollte mit den medizinischen Versuchen seine Karriere vorantreiben. Heißmeyer nahm an, dass die Krankheit, die vor allem die Lunge befällt, durch einen zweiten, künstlich erzeugten Infektionsherd geheilt werden könne. Deshalb ließ er den Kindern Tuberkulose-Bakterien in die Haut oder direkt in die Lunge injizieren - um zu sehen, ob ihr Immunsystem Antikörper gegen die Erreger bildet. Die Jungen und Mädchen bekamen hohes Fieber, husteten, nahmen an Körpergewicht ab und waren geschwächt. Später ließ Heißmeyer den jüdischen Kindern unter örtlicher Betäubung Lymphdrüsen entfernen, um sie im Labor untersuchen zu können

Die Versuche waren nicht nur unmenschlich, sondern auch überflüssig. Denn längst war erwiesen, dass die Methode nicht zum Erfolg führt. Heißmeyer selbst hatte ab dem Sommer 1944 seine Versuche bereits an bis zu 100 Erwachsenen im KZ Neuengamme durchgeführt. Im Oktober 1944 musste er das Scheitern seiner Experimente einsehen. Trotzdem setzte er die Versuchsreihe mit den Kindern fort.

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Das Buchcover von "... dass du weißt, was hier passiert ist" über die Morde am Bullenhuser Damm © Edition Temmen
 

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"... dass du weißt, was hier passiert ist" -
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Edition Temmen, 2012
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Preis: 19.90 Euro

Weitere Informationen
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