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Protest gegen das Zwischenlager Gorleben im September 2007. © dpa
 

Gorleben - Der Aufstand der Bauern

Chronik und Bilder zu Geschichte und Gegenwart der Protestbewegung. mehr

 

Der Niedergang einer als "sauber" gefeierten Energietechnik

Hiroshima, Nagasaki - damit wurde die Kernenergie für Millionen von Menschen zum ersten Mal zum Begriff. Bis Anfang der 50er-Jahre blieb die Spaltenergie aus Atomkernen vor allem militärisch erforscht und genutzt. Erst allmählich begann man, zivile Einsatzmöglichkeiten der neuen Technik in Betracht zu ziehen. Kurz vor Weihnachten 1951 lieferte ein Forschungsreaktor im US-Bundesstaat Idaho erstmals elektrischen Strom und brachte vier Glühlampen zum Glimmen. 1954 nahmen die Sowjets in Obninsk bei Moskau das erste Kernkraftwerk der Welt in Betrieb.

1957 bekommt die Bundesrepublik ihren ersten Forschungsreaktor

Atomversuchsschiff "Otto Hahn". © picture-alliance / dpa Fotograf: Kruse Detailansicht des Bildes Anfang der 60er-Jahre wird der Atomfrachter NS "Otto Hahn" gebaut und 1964 fertiggestellt. In Deutschland entstand 1957 mit dem Atom-Ei in Garching ein Forschungsreaktor. Drei Jahre später lief das erste deutsche Kernkraftwerk an: Das Versuchsatomkraftwerk Kahl am Main speiste ab 1961 15 Megawatt ins Stromnetz ein. Nach und nach wurden Kernkraftwerke mit immer höherer Leistung gebaut, beispielsweise Gundremmingen (1966) mit 250 Megawatt. In der Öffentlichkeit fanden keine großen Diskussionen über die Atomtechnik statt - sie war einfach da, ihre friedliche Nutzung als sicherer und umweltfreundlicher Beitrag zur Energiegewinnung gerade auch in bürgerlichen und akademischen Kreisen akzeptiert.

Viertes Atomprogramm von 1973 sieht großzügigen Ausbau der Kernenergie vor

1973 waren in der Bundesrepublik Deutschland fünf Atomkraftwerke zur Stromproduktion im Betrieb, eines davon - Stade - im Norden. Für weitere elf - darunter Brunsbüttel und Krümmel - liefen Bauanträge. Die Bundesregierung ging davon aus, dass der Strombedarf in naher Zukunft stark anwachsen werde, und arbeitete an einem Plan zur Förderung der Atomtechik, dem "Vierten Atomprogramm". Mit dem Schock der Ölkrise im Herbst 1973 wurde die Endlichkeit der Energieressourcen zu einem breit diskutierten Thema, und die Pläne zur Kernkraftnutzung - inklusive Wiederaufbereitungsanlangen, da auch die Uranvorräte begrenzt waren - gewannen noch zusätzlichen Auftrieb. Im Dezember 1973 passierte das ehrgeizige Vierte Atomprogramm den Bundestag: Es sah den Ausbau der Atomenergie auf eine Gesamtkapazität von 45.000 bis 50.000 Megawatt bis Mitte der 80er-Jahre vor.

Zu dieser Zeit ahnte noch niemand, dass sich in nur wenigen Jahren eine breite und schlagkräftige Anti-Atomkraft-Bewegung entwickeln würde. Gerade einmal die Hälfte der damals geplanten Gesamtleistung sollten Atomkraftwerke in Deutschland liefern, bevor ein Vierteljahrhundert später auch schon wieder der Atomausstieg eingeleitet würde.

Wyhl 1975: "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv"

Entschiedene Ablehnung der Atomtechnik erfuhren die Kraftwerkbauer erstmals 1975 in Wyhl am Kaiserstuhl, wo Bürgerinitiativen 90.000 Unterschriften sammelten und über acht Monate weitgehend friedlich den Bauplatz besetzten. Nach jahrelangen gerichtlichen Baustopps wurde der Plan für das AKW Wyhl schließlich aufgegeben. Baden-Württembergs Ministerpräsident Filbinger sagte damals: "Wenn dieses Beispiel Schule macht, ist dieses Land nicht mehr regierbar."

Brokdorf 1976: Die Anti-AKW-Bewegung nimmt Fahrt auf

Das Atomkraftwerk Brokdorf © ddp Fotograf: Roland Magunia Detailansicht des Bildes Das Atomkraftwerk Brokdorf ging 1986 als erstes in Deutschland nach dem Unfall von Tschernobyl ans Netz. Das Protestbeispiel machte Schule - schon gut ein Jahr später im schleswig-holsteinischen Brokdorf. Diesmal allerdings war die Atomindustrie besser vorbereitet und ließ sofort nach Erhalt der Teilerrichtungsgenehmigung das Gelände wie eine Festung sichern, um Besetzungen zu vermeiden. Friedlich und konsensgetragen waren die Proteste hier nicht mehr. Mehrfach eskalierten Demonstrationen in Brokdorf zu bürgerkriegsähnlichen Schlachten, bei denen sich massives Polizeiaufgebot - martialisch ausgerüstet mit Hubschraubern, Wasserwerfern und Tränengasgranaten - und Zigtausende Kundgebungsteilnehmer, darunter militante Gruppen mit verletzungsträchtigen Waffen und Wurfgeschossen, gegenüberstanden. Brokdorf wurde zu einem Symbol der Anti-AKW-Bewegung.

Das Meinungsbild in der Bevölkerung wandelt sich

Die Zustimmung zu AKWs war von Mai 1975 bis Dezember 1976 rapide gesunken. Auf die Frage, wie sie entscheiden würden, falls sie über einen Atomkraftwerkbau in ihrer Nähe abstimmen sollten, sprachen sich im Frühling 1975 nur 28 Prozent der Befragten dagegen aus, ein Drittel war unentschieden. Anderthalb Jahre später hatten die Atomkraftgegner viele der Unentschlossenen auf ihre Seite gezogen: Nur noch 18 Prozent waren indifferent, fast die Hälfte stimmte dagegen.

Der schwere Reaktorunfall von Harrisburg (28. März 1979) und insbesondere die Katastrophe von Tschernobyl (26. April 1986), nach der eine radioaktive Wolke über Europa zog, fachten die Angst vor den Gefahren der Kernenergie in der Bevölkerung stark an. In Wackersdorf forderten die Auseinandersetzungen um den Bau der Wiederaufbereitungsanlage im Frühling 1986 bei Großdemontrationen mehrere Tote. Das Thema war inzwischen emotional enorm aufgeladen, und die Geschehnisse machten den weiteren Ausbau der Kernenergie ab Mitte der 80er-Jahre politisch de facto undenkbar.

Rot-Grün zieht 1998 die Notbremse: Einstieg zum Ausstieg

X - das Symbol des Widerstandes gegen die geplante Atommülldeponie im Wendland. © NDR Detailansicht des Bildes X - das Symbol des Widerstandes gegen die geplante Atommülldeponie im Wendland. Nach ihrem Wahlerfolg ging die rot-grüne Koalition auf Bundesebene 1998 in Verhandlungen mit der Atomindustrie mit dem Ziel, den allmählichen Ausstieg aus der Kernkraftnutzung politisch herbeizuführen ("Atom-Konsens"). 2000 wurde auf Druck der Bundesregierung beschlossen, die kommerzielle Nutzung der Kernenergie etwa zum Jahr 2020 einzustellen. Im Zuge dieses Kompromisses wurden bereits zwei Kernkraftwerke vom Netz genommen. Der Ausstiegsbeschluss ist jedoch politisch und gesellschaftlich weiterhin umstritten.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung verlor durch den Atom-Konsens zunächst ein wenig an Kraft. Im Widerstand gegen die Rückführung von Brennelementen aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben lebte sie aber erneut auf. Die massiven Proteste gegen die Atommülltransporte mit Castor-Behältern machten bundesweit Schlagzeilen. Seit dem 1. Juli 2005 sind alle weiteren Transporte in Wiederaufarbeitungsanlagen vom Bundesumweltministerium untersagt.

"Atomkraft - Nein, Danke!"

Die Zahl der Atomkraftgegner hält sich auf hohem Niveau. 2004 sprachen sich in einer Forsa-Umfrage 79 Prozent gegen neue Atomkraftwerke aus, dafür waren allein 18 Prozent. Für die Nutzung der Kernenergie wie bisher stimmten nur 30 Prozent - 65 Prozent der Befragten plädierten für einen baldigen Verzicht auf diese Energiequelle.

 

Hintergrund
Schild warnt vor radioaktiver Strahlung © picture-alliance/dpa
 

Dossier: Der Streit über die Atomkraft

Störfälle, Pannen, Demonstrationen - im Norden sorgt die Nutzung der Kernenergie seit mehr als 30 Jahren für Schlagzeilen. NDR.de informiert über eine umstrittene Technologie. mehr

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Collage: Demonstration gegen AKW-Bau 1976, Luftballons 'Atomkraft? Nein Danke', AKW heute mit Friesenhaus davor © dpa Bildarchiv
 

Brokdorf - Symbol der Anti-AKW-Bewegung

In Brokdorf formierte sich 1976 erstmals gewaltsamer Protest gegen den Bau eines Atomkraftwerks. mehr

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