die nordreportage: Die Hamburger Speicherstadt

Größter Teppichumschlagplatz der Welt

Montag, 16. Oktober 2017, 18:15 bis 18:45 Uhr
Mittwoch, 18. Oktober 2017, 11:30 bis 12:00 Uhr

Ein Mann repariert einen Orientteppich.

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Der Spediteur Klaus-Peter Köster schüttelt den Kopf. Morgens um 9 Uhr blockiert ein 40-Fuß-Container mit einer großen Lieferung aus Indien den Sandtorkai. Und kein Teppichhändler ist in Sicht, der die Ware annehmen könnte.

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Eine große Teppichlieferung aus Indien trifft ein.

Seit 40 Jahren transportiert er Teppiche im Auftrag der Händler und kümmert sich um die Verzollung, aber jetzt muss er erst einmal die Polizei rufen. Ein Pkw steht im Halteverbot direkt unter der Ladeluke. Der muss weg, damit der Container, wie vor 100 Jahren, mithilfe der Seilwinde entladen werden kann.

Eine Stunde später taucht dann auch Mohammad Akbar auf. Er war mit seinem Bruder auf großer Einkaufstour durch Indien. Sechs Wochen haben sie auf den Container aus Kalkutta gewartet. Und jetzt dauert es den ganzen Tag, bis 800 Ballen Teppiche von zwölf verschiedenen Herstellern auf den Speicherboden gezogen sind.

Das Geschäft ist rückläufig

Auch wenn in dieser Firma noch 15.000 Teppiche pro Jahr umgeschlagen werden, hat sich das Geschäft mit Teppichen in den vergangenen 20 Jahren stark rückläufig entwickelt. Von den ehemals 200 Händlern sind noch knapp 40 in der Hamburger Speicherstadt übrig.

Geschichte
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Als die Speicherstadt als Lagerensemble vor fast 130 Jahren erbaut wurde, pflegte die Freie und Hansestadt Hamburg insbesondere gute Handelsbeziehungen zu dem damaligen Persien (heute Iran). Erst waren es Trockenfrüchte, dann Teppiche, die um 1900 in bürgerlichen Häusern in Mode kamen. Die ersten Händler aus Vorderasien ließen sich in den Nachkriegsjahren nieder. Als in ihren Heimatländern die Situation politisch schwierig wurde, kamen Anfang der 1980er-Jahre weitere Familien aus dem Iran und zehn Jahre später noch einmal aus Afghanistan.

Antonio Türker ist als Kind in den 1960er-Jahren nach Hamburg gekommen und im Teppichhandel seines türkischen Vaters groß geworden. Am Holländischen Brook war der erste Firmensitz. Dort hat er die goldenen Jahrzehnte erlebt, wo in jeden deutschen Haushalt ein Orientteppich gehörte. Sein Vater kam kaum mit dem Import der hochwertigen Ware hinterher.

Vom Händler zum Makler

Seinen eigenen Speicher musste Antonio Türker vor zehn Jahren aufgeben. Der Einrichtungsstil und -geschmack der Leute hat sich verändert und die preiswertere Ware, die große Möbelhausketten anbieten können, haben ihn zum Aufgeben gezwungen.

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Der Makler Antonio Türker stellt eine Bestellung für einen Kunden in Südamerika zusammen.

Heute ist Antonio Türker als Makler unterwegs. Im Auftrag von Kunden stellt er Ware zusammen oder begleitet sie bei ihrem Einkauf. Er kennt alle Händler und weiß, was wo zu finden ist. Besonders Kunden aus dem Ausland schätzen seine Dienste, immerhin spricht er sieben Sprachen.

Oft ist auch seine Expertise gefragt. Eine Kundin bittet ihn zu sich nach Hause, er soll einen alten Teppich schätzen, den sie aus einer Erbschaft hat. Türkers erstes Urteil lautet, Kaukasus, um 1900, abgetreten und schadhafte Ränder. Antike Teppiche werden auf internationalen Auktionen hoch gehandelt. Restauriert könnte dieses Stück locker auf einen Preis von 60.000 Euro kommen.

Antonio Türker nimmt den Teppich mit in die Speicherstadt und will erfragen, was die Restaurierung kostet. Von einem Experten für antike Teppiche will er einen möglichen Verkaufspreis einholen. In einer Knüpferei ist schnell ein Preis ermittelt. Wenn der Teppich wieder wie neu aussehen soll, müsste die Kundin 6.000 Euro dafür zahlen.

90 Prozent der Ware geht aus Hamburg in den Rest der Welt

Dr. Ali Ipektchi kommt nur noch selten in die Speicherstadt. Der Vorsitzende des Bundesverbandes für Orientteppich-Importeure hat seinen 5.000 Quadratmeter großen Speicher in die Nähe des Hamburger Flughafens verlegt.

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Ali Ipektchi und Ali Mohammadi vom Verband der Teppichhändler besprechen die nächste Vorstandssitzung.

An diesem Tag sucht er das persönliche Gespräch mit Spediteur Klaus-Peter Köster. Die Angst geht um, dass der US-Präsident ein erneutes Embargo gegen den Iran verhängen könnte. Dann darf auch kein persischer Teppich von Hamburg aus mehr nach Nordamerika verkauft werden. Und immerhin geht 90 Prozent der Ware aus der Freien und Hansestadt wieder in den Rest der Welt.

1952 gründete Ipektchis Vater den ersten persischen Teppichhandel in der Speicherstadt. Und für ihn liegt es auf der Hand, warum ausgerechnet dieser Ort noch immer der größte Teppichumschlagplatz der Welt ist: "Für den Einkäufer eines großen Möbelhauses wäre es sehr umständlich, selbst wochenlang durch die Herstellerländer zu reisen und außerdem gefährlich. Hier geht er zwei Stunden spazieren, sucht sich die Ware aus der gesamten Teppichwelt zusammen. Und dank Herrn Köster erhält er sie auch ein paar Tage später."

Verdrängung aus der Speicherstadt befürchtet

Auch wenn es gerade nicht die besten Zeiten für das Teppichgeschäft sind, eint alle Händler die Hoffnung, dass die guten alten Zeiten wiederkommen und sich auch die Deutschen wieder auf den Wert eines handgeknüpften Unikates besinnen.

Antonio Türker fasst noch eine andere Sorge der Händler in Worte: "Wir wünschen uns, dass sich die Freie und Hansestadt Hamburg endlich zu unserer Branche bekennt und den Teppichhandel in der Speicherstadt halten will. Sonst fällt der Verdrängungswettbewerb in den kommenden Jahren zugunsten zahlungskräftiger Designagenturen und Modelabels aus."

Ratgeber Reise
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Redaktion
Birgit Schanzen
Produktionsleiter/in
Frederik Keunecke
Autor/in
Christine Weiland